Medien : Wahlkampf: Zarte Brillen, starke Bilder

Robert Ide

Wie macht man einen erfolgreichen Wahlkampf? Wie umgarnt man die Wähler, wie überzeugt man die Journalisten? Jetzt gibt es ein Handbuch, aus dem die Politiker es lernen können. Am Dienstagabend wurde "Der moderne Medienwahlkampf" in Berlin vorgestellt (Media Plus Verlag, 98 Mark). Auch Politiker waren zur Premiere gekommen, erfolgreiche Wahlkämpfer und andere, die erst noch beweisen müssen, dass sie erfolgreiche Wahlkämpfer sind.

Zu den Erfolgreichen gehört zweifellos Jürgen Möllemann. Beim Pokalendspiel in Berlin, erzählte Möllemann, haben die Fußballfans ihn gefeiert. Nicht nur "Schalke, Schalke" hätten sie ihm zugerufen - Möllemann ist Aufsichtsratschef bei Schalke 04 -, nein, auch "18, 18". Die Anspielung auf das "Projekt 18", mit dem der FDP-Vize seiner Partei zu zweistelligen Prozentzahlen verhelfen will, hat ihn selbstverständlich begeistert.

Die Botschaft hat sich in den Köpfen festgesetzt. Heißt der beste deutsche Politik-Verkäufer also Jürgen Möllemann? Sieht so ein perfekter Wahlkämpfer aus? Die Möllemann-Frage wird ein gutes Jahr vor der Bundestagswahl in allen Parteizentralen hin- und hergewälzt. Wie amerikanisch darf es sein? Welcher Show-Effekt kommt an, was stößt eher ab? Möllemann sagt: Wahlkämpfe leben von Bildern. Die Sprache der Politik verstehe sowieso kaum jemand. Also müsse jede Botschaft in ein Bild verwandelt werden, oder in eine Parole. Zum Beispiel mit Hilfe eines Hubschraubers, der über verstopfte Autobahnen fliegt und ein Transparent durch den Himmel zieht: "Grün staut, Mölli baut". Perfektes Infotainment, findet Möllemann.

Laurenz Meyer sieht es völlig anders. Der Generalsekretär der CDU verurteilte die Methode Möllemann als "Kasperletheater". Aus Meyers Sicht hat immer noch das Parteiprogramm Priorität. Es ist ein bisschen erstaunlich, dass Meyer so etwas sagt. Welches Parteiprogramm? Die Union gibt derzeit kein eindeutiges Bild ab. Da wäre der Streit zwischen Angela Merkel und Edmund Stoiber um die Kanzlerkandidatur, der undeutliche Kurs in der Gentechnik und der Zuwanderungspolitik oder der zupackende Pragmatismus Gerhard Schröders, auf den die Opposition keine Antwort gefunden hat. Meyer kündigte gleichwohl einen Wahlkampf der "politischen Visionen" an. Die Beantwortung der tagespolitischen Fragen sei zu wenig, Tagespolitik enthält eine Vision, keine Botschaft. Und ein Besuch bei "Big Brother" oder ein Bungee-Sprung würden zumindest der CDU keine Wähler bringen. Sein Rentenplakat, auf dem er Kanzler Schröder als Verbrecher darstellte, musste Meyer nach Protesten zurücknehmen. Ist es etwa das, was er mit "Visionen" meint? Heute gibt Meyer zu: "Das Ding war handwerklich schlecht gemacht und hatte keinen Pfiff."

Mehr als 60 Autoren erklären in dem neuen Handbuch Politikern, wie sie Journalisten als Freunde gewinnen können, welche Chancen eine Internet-Kampagne hat und welche psychologische Wirkung die Verwendung bestimmter Farben auslösen kann. In einem Kapitel wird sogar erklärt, welche Brillen sich für Wahlkämpfer eignen. Es kommt unter anderem auf das Glas an: "Je dünner, desto tauglicher".

Auch Politiker haben für das Handbuch zum Laptop gegriffen. So erklärt Grünen-Geschäftsführer Reinhard Bütikofer, warum sich Nachrichten am besten über Printmedien und Nachrichtenagenturen verkaufen lassen, weniger über das Fernsehen. CDUChefin Merkel schreibt, wie wichtig die Beobachtung des politischen Gegners ist. Nur im Wissen um die Strategien der Konkurrenz könne "ein guter Konter den Angreifer in Rückstand bringen". Merkel wartet ab. Vielleicht entspricht ihr Wahlkampf ihrer Karriere-Strategie.

Die Veranstaltung war also ein erster Vorbote des kommenden Bundestags-Wahlkampfs. Die CDU ließ verlauten, sie wolle die Themen Wirtschaft, Familie und Europa thematisieren - und vielleicht auch über Zuwanderung reden. In der SPD-Zentrale will man die Wahl zu einer Volksabstimmung über Gerhard Schröder machen. Im Gegensatz zu den beiden großen Parteien will Jürgen Möllemann, falls er sich in der FDP durchsetzt, mit einer knalligen Polit-Show die Nichtwähler für sich begeistern.

Um ihre Entschlossenheit zu unterstreichen, gingen Möllemann und Meyer am Dienstagabend eine Wette ein: Wenn die FDP ihre 18 Prozent nicht schafft, will Möllemann die Fenster der CDU-Zentrale putzen. Meyer ließ sich überreden, im Falle einer Niederlage Fallschirm zu springen. Die Fallhöhe wurde von Möllemann bereits festgelegt: 1800 Meter. Irgendwie lässt die Zahl 18 ihn nicht mehr los.

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