Wartezimmer-TV : Fernsehen, bis der Arzt kommt

"TV-Wartezimmer" will Patienten unterhalten – mit Tierfilmen und Hygienetipps.

Katja Schönherr
Vielleicht sollte ich doch öfters Vorsorge betreiben? Immer mehr Ärzte hängen sich Flachbildschirme ins Wartezimmer und halten Patienten mit Filmen bei Laune. Foto: Promo
Vielleicht sollte ich doch öfters Vorsorge betreiben? Immer mehr Ärzte hängen sich Flachbildschirme ins Wartezimmer und halten...

48 Minuten. So lange sitzen Patienten durchschnittlich im Wartezimmer eines Arztes. Insbesondere bei Orthopäden verbringt man schon mal zwei Stunden damit, in Zeitschriften des „Lesezirkels“ zu blättern, ehe man aufgerufen wird. „So viel Wartezeit – dafür, dass man am Ende meist nicht mal fünf Minuten mit dem Arzt spricht.“ Für Markus Spamer ist dieses Ungleichgewicht zwar auch ein Symptom eines maroden Gesundheitssystems. Vor allem aber ist es die Basis seines Geschäftsmodells. Spamers Unternehmen heißt „TV-Wartezimmer GmbH & Co. KG“ – „Fernsehen bis der Arzt kommt“. Fernsehen im öffentlichen Raum, es geht offenbar kaum noch ohne. Bahnfahren mit Bahn TV, dem unternehmenseigenen Spartensender, in den Wartesälen der Flughäfen die Fernseher mit aktuellen Nachrichtensendern und Börsennews, nun also Infotainment bei den Ärzten.

TV-Wartezimmer ist ein Angebot, das Arztpraxen und Kliniken abonnieren können: für 179 Euro im Monat, also etwa rund viermal so teuer wie ein Pay-TV-Paket bei Sky. In rund 4 800 deutschen Wartezonen quer durch alle Facharzt-Richtungen flimmert Spamers Programm derzeit über den Flachbildschirm. In Berlin sind 140 Praxen damit ausgestattet, in Brandenburg 150. Der Umsatz seiner Firma belief sich 2009 auf 7,5 Millionen Euro. Der Großteil davon stammt aus Abos, nur ein bis zwei Prozent aus Werbeeinnahmen.

Worin der Nutzen liegt? „Für den Patienten verringert sich die ,gefühlte Wartezeit’, er wird informiert und unterhalten“, sagt Spamer. Und den Ärzten werde Aufklärungsarbeit abgenommen. Sie müssten nicht mehr 50-mal am Tag erklären, was mit der Praxisgebühr passiert, wenn das der Patient schon im Wartezimmer erfährt. Das TV-Wartezimmer-Programm besteht auch aus Tier- und Naturfilmen, die beispielsweise von Discovery Channel eingekauft werden. Ferner werden Nachrichten gesendet, mit dem Nachrichtensender n-tv als Partner. Inzwischen liefert die Münchner Firma Airmotion die Beiträge.

Zur Programmschleife hinzu werden Filme zu sämtlichen Gesundheitsthemen ausgestrahlt, zur richtigen Mundhygiene oder zur Blutegel-Therapie. Rund 450 dieser Informationsbeiträge liegen in der Datenbank. Momentan kommen etwa fünf Filmchen pro Monat neu hinzu. Bei dringendem Informationsbedarf versuche man, schnell zu reagieren, so Spamer. Etwa im vergangenen Jahr, als sich alle fragten: Gegen die Schweinegrippe impfen lassen oder nicht? Zusätzlich zu diesen Inhalten wird die „individuelle Praxisdarstellung“ eingespielt, auf der die Mediziner ihr Personal vorstellen oder über ihre Sonderleistungen informieren. Das Programm wird jedoch ohne Ton gesendet, um eine Dauerbeschallung im Wartezimmer zu vermeiden. Bild und Text müssen es richten. Zunehmend kämen übrigens auch Anfragen, das Angebot in anderen Sprachen anzubieten, sagt Spamer. Nicht zuletzt Berliner Praxen wünschten häufig türkischsprachige Inhalte. Bei den Informationsfilmen sei der fremdsprachige Bestand noch gering.

Anders als bei öffentlichen Fernsehprogrammen an Flughäfen bestimmt jeder Arzt selbst, wie die Programm-Warteschleife in seiner Praxis aussieht. Um Änderungen vorzunehmen, muss die Firmenzentrale in Freising bei München angerufen werden. Jeder Kunde erhält dafür eine Lade-Station in Form des grünen TV-Wartezimmer-Logos.

Fernsehen im öffentlichen Raum einmal anders, als modernes Patienteninformationssystem, vermutlich unterhaltsamer als ein Aquarium – Markus Spamer vermutet, dass erst jetzt das Engagement der Ärzte wachse, mehr in die Patientenbindung zu investieren, für sich zu werben und auch das Bewusstsein für Prävention zu schärfen. Aber helfen dabei wirklich ein paar Informationsfilmchen im Wartezimmer? Spamer ist davon überzeugt. Gemeinsam mit dem Heidelberger Institut für Medizinmarketing und der „Ärzte Zeitung“ führt er zurzeit eine Studie durch, die die Nachfrage der Patienten nach Vorsorge-Leistungen messen soll. Vor und nach der Installation des TV-Wartezimmers.

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