Medien : „Was da gezeigt wird, geht mir so was von auf den Wecker“

Claus Theo Gärtner löst am Freitag als Detektiv Matula seinen 200. Fall. Er findet: Im Fernsehen wird zu viel gemordet. Jetzt will er selbst moralisch korrekte Filme produzieren

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Herr Gärtner, Sie wohnen in der Nähe von Wiesbaden. Was gefällt Ihnen an der Stadt?

Sie ist sehr schön, der Kurpark, die Spielbank …

…die Verbrecher …

…die kommen aus Frankfurt angereist.

Womit wir schon bei „Ein Fall für zwei" wären. Sie drehen ja hauptsächlich in Frankfurt.

Frankfurt ist schön und gut. Aber ich bin froh, wenn ich am Abend wieder im meinem Dorf bin. Da werde ich in Ruhe gelassen.

Arbeit in Frankfurt, Leben auf dem Lande: Alles, wie es sein soll?

Ich lebe im Zenit meiner Interessen. Dann ist da auch noch der Nürburgring keine 45 Minuten entfernt. Ich bin immer noch im Motorsport engagiert, mein Team fährt in der Formel VW. Diesen Virus werde ich einfach nicht los. Der Motorsport war immer mein Ausgleich. Matula alleine wäre dann vielleicht doch zu langweilig gewesen.

Sie spielen seit 21 Jahren den Privatdetektiv Josef Matula.

Sie werden es nicht glauben, aber es gab auch ein Leben davor. Erst kam die Theaterzeit. Schaubühne, Schillertheater. Dann Matula und Motorsport. Und jetzt bin ich dabei, das letzte Drittel anzugehen. Ich habe eine Produktionsfirma gegründet. Wir wollen etwas Neues wagen. Wir nennen es „Entertainment für die ganze Familie". Soll heißen: Unterhaltung, die ohne jede Gewalt auskommt. Keine heile Welt. Aber eine Welt, in der Lösungen angeboten werden. Wir arbeiten gerade an unserem ersten Film „Silvertrain“, der im Mittelalter und im Heute spielt.

Gewaltverzicht als Marktlücke?

Ich bin selber Vater. Was da für die Jugendlichen produziert wird, geht mir so was von auf den Wecker.

Claus Theo Gärtner, der einsame Kämpfer.

In welcher Gesellschaft leben wir denn? Es geht nur noch um Shareholder Value, keiner kümmert sich um keinen, die Jugend, unser Kapital, wird vernachlässigt und bekommt, mit Verlaub gesagt, nur Scheiße zu sehen. Wenn Sie bedenken, dass jeden Tag im Vorabendprogramm 27 Morde zu sehen sind, dann wird es höchste Zeit, etwas anders zu machen. Ich habe bei „Ein Fall für zwei“ immer darauf geachtet, dass nie direkte Gewalt ins Bild kommt. Matula hat noch nie auf einen Menschen geschossen. Ich glaube, dass das auch ein Teil des Erfolgs ist.

Könnte man „Ein Fall für zwei“ als „Lindenstraße“ unter den Krimis bezeichnen – also für das gehobene Publikum?

Bei einem Marktanteil von 28 Prozent wird sicher auch der eine oder andere Intellektuelle dabei sein. Peter Stein, mein alter Chef von der Schaubühne, sieht jedenfalls Matula sehr gern bei der Arbeit zu.

Sie drehen das ganze Jahr, bis auf vier Wochen. Klingt richtig nach Arbeit. Zum Theaterspielen haben Sie keine Zeit mehr?

Ich würde gern wieder Theater spielen. Theater ist für den Schauspieler die Fassung, die ihn hält. Da komme ich her. Aus dem Theater ziehe ich mein berufliches Selbstverständnis.

Hat man Sie einen Verräter geschimpft, als Sie zum Fernsehen gingen?

Sicher, Fernsehen wurde zu der Zeit von vielen Theaterleuten als sogenannte „Afterkunst“ betrachtet: Wie kann man nur! Diejenigen, die damals am lautesten schrien, haben heute zwei oder drei Drehtage bei mir.

Heute sind Sie der SerienKönig Deutschlands.

Als wir anfingen, war die Rede von sechs Folgen. Wenn mir einer gesagt hätte, wir planen 200 Teile, dann wäre ich in die Wüste geflohen. Allein die Vorstellung! 200 Folgen – das ist doch Wahnsinn.

Ein Grund, stolz zu sein.

Stolz bin ich, wenn ich bei einem Autorennen einen Pokal gewinne.

Josef Matula ist kein Held.

Eher ein Verlierer. Vielleicht ist das auch Teil des Geheimnisses hinter dem Erfolg. Ironie muss auch sein – und Glaubwürdigkeit. Sonst klappt es nicht.

Ein armer Privatdetektiv, der in einem Loft über Frankfurt wohnt. Ist das glaubwürdig?

Wenn er es von einem Klienten zur Verfügung gestellt bekommen hat und seinen Rotwein immer noch im Kühlschrank auf Temperatur bringt, dann sicher.

Matula ist um die Fünfzig. Das richtige Alter für einen Detektiv?

Die Anfangsidee war: ein junger Anwalt und ein alter Detektiv. Da hat das ZDF gesagt, gute Idee, aber wir möchten einen alten Anwalt und einen jungen Detektiv. Ironie der Serie: Inzwischen sind wir bei der Uridee angekommen.

Rainer Hunold, der zweite Anwalt nach Günter Strack, hat gesagt: „Ich fühle mich zu jung, um in einer Serie hängen zu bleiben.“

Hunold hat zu mir gesagt: „Wenn ich deine Rolle hätte, würde ich hier nicht aufhören.“ Das ist die Wahrheit. Er wollte gerne selbst mal der Zampano sein. Ich weiß auch nicht, ob ich als Anwalt die Rolle so lange durchgehalten hätte. Wer will schon immer nach dem Hund fragen oder Kaffee bei der Sekretärin bestellen?

Rainer Hunold galt einmal als großes Talent. Hat er sein Talent im Fernsehen verschleudert?

Hunold war nie beim Theater. Er hat sogar einmal gesagt, er sei stolz darauf, nie beim Theater gewesen zu sein. Ich habe nie begriffen, was er damit meinte. Das war Quatsch, weil er nie die Chance hatte, zum Theater zu gehen. Er ist direkt von der Schauspielschule zum Fernsehen gekommen. Das war damals noch die Ausnahme. Man wollte zum Theater – nicht zum Fernsehen. Heute werden zum Beispiel für Soaps keine Schauspieler mehr gebraucht. Es wird gecastet – der Passende für die Rolle. Das ist ein Tanz auf der Rasierklinge.

Bringt nur das Theater gute Schauspieler hervor?

Beim Theater lernt man, Rollen zu spielen. Ich bin nicht Matula. Ich spiele ihn nur.

Sie arbeiten an den Drehbüchern mit, Sie führen Regie, Sie haben Mitspracherechte. Sind Sie streng?

Wenn Sie das Künstlerische meinen, dann vielleicht. Sie müssen jeden Tag vollen Einsatz bringen, sonst kommt nichts dabei heraus.

Sie haben mal gesagt: „Man fühlt, im Gegensatz zu den Deutschen, dass die Österreicher ihre Schauspieler lieben."

Ich bin jedes Mal verblüfft, mit welcher Freude die Menschen in Österreich, Italien oder Frankreich, wo die Serie auch läuft, mir sagen, wie ihnen gefällt, was ich da mache. Ein Beispiel. Ich wollte während der Wiener Festwochen ins ausverkaufte Akademietheater. Wir kommen an die Kasse, um nach Karten zu fragen, die vielleicht zurückgegeben worden sind. Sagt die Verkäuferin: „Herr Gärtner, natürlich haben wir eine Karte für Sie.“ Die hat sich wirklich gefreut. So etwas werden Sie in Deutschland nicht erleben.

Fehlt uns ein Star-Kult?

In Deutschland fühlt sich doch jeder als Star. Neulich war ich in der „Paris-Bar“ in Berlin. Thomas Quasthoff sang spät am Abend aus lauter Lust und Laune ein paar Lieder. Da klopft ihm ein Kerl auf die Schulter und sagt: „Du kannst aber gut singen.“

Das Gespräch führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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