Medien : Weil wir Mädchen sind

Kuscheln statt Killen: Die PC-Spielebranche umwirbt die weibliche Zielgruppe

Alice Bota,Kurt Sagatz

Die alten Medien haben es längst begriffen: Mädchen nutzen Fernsehen und Zeitschriften intensiver als Jungs. Im Zeitschriftenmarkt umwerben Magazine wie „Popcorn“, „Yam“ und „Girl“ die weiblichen Jugendlichen. Auf der Online-Seite der Zeitschrift „Mädchen“ gibt es neuerdings sogar eine eigene TV-Sendung. Die Themen von „Mädchen-TV“ entsprechen dem gedruckten Heft: Pickel abdecken, Augenbrauen zupfen. Und am Ende ein Psycho-Test. Alles vorhersehbar, klischeehaft auf Mädchen zugeschnitten – scheint aber zu funktionieren: In der ersten Woche gab es rund 20 000 Seitenaufrufe. „Mädchen-TV ist noch im Versuchsstadium“, sagt Moritz von Laffert, Geschäftsführer von Media House München. „Aber die Zielgruppe muss auf allen Ebenen bedient werden.“

Das ist höchste Zeit, meint auch Medienforscher Christoph Klimmt. Gerade auf dem Markt der neuen Medien sind Mädchen das neue Wachstumspotenzial der Branche. Männliche Computerspieler seien zwar loyal – aber für höhere Umsatzzahlen müssten Mädchen als Zielgruppe angesprochen werden. Dass dies in der Vergangenheit kaum geschah, hat einen Grund: „Die Spielentwicklung ist eine fast ausschließliche Männerdomäne, von wenigen Ausnahmen abgesehen.“ Mittlerweile sei dieses Problem erkannt – und Mädchen wurden als Computerspielerinnen entdeckt. Und in dieser Zielgruppe heißt es Kuscheln statt Killen, auch wenn es inzwischen sogar einige weibliche Clans beim Ego-Shooter „Counter Strike“ gibt. „In den nächsten Jahren werden großangelegte Konzepte kommen, die technisch an das angrenzen, was für Jungen schon da ist“, meint Klimmt und sagt: „Der große Durchbruch steht an.“

Für einige Verlage hat der Durchbruch längst stattgefunden. Marina Selikowitsch vom Hamburger PC-Spiele-Verlag DTP Young Entertainment schwärmt geradezu vom PC-Spiel „Meine Tierpension“ – nicht zuletzt wegen der Verkaufszahlen. Seit dem Start des Titels vor zwei Jahren erreichte die Aufbausimulation eine mehr als gute sechsstellige Verkaufszahl. Das Spiel, in dem die vorwiegend weiblichen Spielerinnen Hunde, Katzen, Wellensittiche oder Kaninchen in Pflege nehmen, kann sich durchaus mit erfolgreichen Erwachsenen-Titeln wie „Die Siedler“ messen lassen. Erfolge wie dieser zeigen aber auch: Je plumper die Ansprache, desto erfolgreicher sind die Mädchen-Titel in wirtschaftlicher Hinsicht. Inzwischen kann man kaum noch unterscheiden zwischen all den Titeln wie „Riding Star“, „Die Reitakademie“, „Dein Pferdecamp“, „Mein Pferdehof“, „Julias Reiterland“ oder „Abenteuer auf dem Reiterhof“. „Es ist wie bei allen Computerspielen. Es gibt wenig wirklich gute und viele mittelmäßige“, sagt Thomas Feibel, Herausgeber des „Kindersoftware-Ratgebers“ und Initiator des Kindersoftwarepreises „Tommi“. Offenbar sind aber einige Mädchenspiele so gut gelungen, dass sie auch das andere Geschlecht interessieren. Denn obwohl die Jury für den „Tommi 2006“ zur Hälfte aus Jungs bestand, ging der erste Platz an das vermeintlich weibliche Spiel „Meine Tierklinik“. Das gute Abschneiden auch bei den männlichen Spielern hat selbst den Verlag Braingame überrascht. Inzwischen haben die Entwickler eine Erweiterung angekündigt, um aus der Tierärztin einen Tierarzt machen zu können, sagt Feibel.

Der Wechsel zwischen den Geschlechtern funktioniert sicherlich nicht für jedes Spiel, meint DTP-Frau Selikowitsch. Genauso wenig, wie nicht jedes Genre bei Mädchen gleich gut ankommt. Abenteuerspiele funktionieren längst nicht so gut wie die Aufbauspiele. Zudem lässt selbst die Liebe zu Tieren und speziell zu Pferden bei den meisten Mädchen irgendwann nach. Meistens im gleichen Maße, in dem Jungs interessanter werden. Auch dafür bastelt die Branche an einem Rezept. Bei DTP heißt es „My Boyfriend“, ein Spiel, dass angeblich Mädchenträume wahr werden lässt.

Der DTP-Verlag ist nicht der einzige Publisher, der auf die Mädchen setzt, weiß Thomas Feibel. Anfangs habe die Konkurrenz zwar noch die Nase gerümpft, inzwischen werfen sie aber die gleichen Titel auf den Markt. Selbst die ganz Großen sind dabei, sagt Feibel und verweist auf Electronic Arts. Deren Sozialsimulation „Die Sims“ ist ohnehin größtenteils in weiblicher Hand. Für das diesjährige Weihnachtsgeschäft gibt es nun das Erweiterungspaket „Die Sims 2 – Haustiere“. Und die Eltern haben nichts dagegen. Diese Haustiere benötigen keine Urlaubsunterbringung.

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