Medien : Werbung und neue Medien: Sprungbrett Soap

Hendrik Vöhringer

Wenn abends um 19 Uhr 40 auf RTL Sonja einen Brief von einem mysteriösen Clown bekommt, Kai ein schlechtes Gewissen hat, weil er glaubt, mit Koch geschlafen zu haben, Daniel der Geduldsfaden reißt, als er erfährt, dass sein Leipzig-Aufenthalt ein Jahr länger dauern kann als geplant und deshalb aus Wut mit Senta ins Ballett geht (was Elisabeth kränkt) und schließlich Marie von Sandra über Kais Minderwertigkeitskomplex aufgeklärt wird - kurz, wenn um 19 Uhr 40 eine neue Folge von "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" anfängt, dann sind über viereinhalb Millionen Zuschauer mit dabei. Wer hier eine größere Rolle als Schauspieler hat, der weiß: Er spielt bei der erfolgreichsten Daily-Soap im deutschen Fernsehen mit. Viereinhalb Millionen Menschen lassen ihn allabendlich in ihre Wohnzimmer, er wird auf der Straße erkannt, muss Autogramme geben, Fanpost beantworten.

Der Weg dorthin führt durch ein kleines blaues Zimmer. Es ist knapp 30 Quadratmeter groß und mit blauen Stoffbahnen fast komplett zugehängt. Das Interieur ist spärlich. Nur ein kleines Sofa steht in der Ecke. Natürliches Tageslicht gibt es kaum, für die Beleuchtung dienen lediglich ein paar Scheinwerfer in den Ecken und an der Decke. Für die zukünftigen Soap-Darsteller nicht gerade viel Raum, um sich künstlerisch zu entfalten. Aber hier müssen sie sich beweisen, müssen sie zeigen, ob sie für eine Rolle in der Seifenoper geeignet sind. Denn das blaue Zimmer ist das Casting-Studio der Grundy-UFA GmbH, die unter anderem "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" produziert.

Bis in das Studio kommen allerdings nur die wenigsten Bewerber, schon vorher wird aussortiert. Einfach einmal vorsprechen und mit etwas Glück die erträumte Rolle bekommen, das funktioniert auch beim Soap-Geschäft schon lange nicht mehr. "Wir machen keine öffentlichen Castings", sagt Casting Director Sarah Lee, "wir casten nur gezielt auf eine ganz bestimmte Rolle." Dafür gibt es ein vom Produzenten der Sendung genau vorgegebenes Anforderungsprofil. Wie alt soll der Schauspieler sein, wie hat er auszusehen, was für einen Typen soll er verkörpern? Für die Casting Directors bedeutet das schon im Vorfeld viel Arbeit. Bewerbungsunterlagen und Videobänder von Schauspielern durchlesen. Abwägen. Aussortieren. Wer hat das richtige Alter, das richtige Gesicht, die beste Ausstrahlung und nicht zuletzt das größte Talent?

Keine leichte Aufgabe bei rund 100 neuen Bewerbungen in der Woche. "Bei der Auswahl werden grundsätzlich ausgebildete Schauspieler bevorzugt", sagt Sarah Lee zu den Auswahlkriterien, "wer jünger als 22 ist, muss schon Erfahrungen durch Schauspielunterricht gesammelt oder in der Theater AG in der Schule gespielt haben." Wer die Anforderungen erfüllt und auch das nötige Quentchen Glück hat, bekommt einen Castingtermin im blauen Zimmer.

Blau, das sei eine sehr neutrale Farbe, erklärt Lee, sie sorge bei den Schauspielern für einen guten Teint und sei hervorragend für eine Beleuchtung geeignet, die die typische Studioatmosphäre simulieren soll. Die Schauspieler dürfen sich beim Vorsprechen daran erst gewöhnen, die Rolle wird zuerst geprobt. Der Text steht dabei fest, der Casting Director führt Regie. Wie kann man den Text am besten sprechen, wie die ganze Szene schauspielerisch gestalten. Nach einer Stunde ist alles mit einer Videokamera aufgezeichnet.

Die Entscheidung, ob man die Rolle bekommt, liegt jetzt beim Produzenten. Denn der erhält die Videobänder der besten Präsentationen. Auf diese Weise werden jede Woche drei bis vier neue Schauspieler für GZSZ gefunden. Im Laufe der Zeit sind das ziemlich viele geworden. Denn inzwischen läuft "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" im neunten Jahr. Über 2000 Schauspieler und Kleindarsteller haben seitdem vor den Kameras in den Studios auf dem traditionsreichen Filmgelände in Potsdam-Babelsberg gestanden.

Für einige war die Soap Karrieresprungbrett. Andreas Elsholz etwa, der vor seiner Soap-Karriere Kfz-Mechaniker war, spielt jetzt in den "Straßen von Berlin" oder "Klinik unter Palmen", Alexandra Neldel alias Katja Wettstein war in dem deutschen Kinofilm "Bang Boom Bang" zu sehen. Als der größte Glücksgriff bisher gilt jedoch Oliver Petszokat, der den Spaßvogel und Filou Ricky Marquardt spielte. Anderthalb Jahre war er der Zuschauerliebling. Dann landete er 1998 mit "Flugzeuge im Bauch" auf Platz eins der deutschen Singlecharts.

Vor der Entscheidung Pop- oder Soapstar entschied er sich Ende 1999 für die Musik und stieg aus der Seifenoper aus. Doch mittlerweile hat es ihn vor die Kameras zurückgezogen, für einen Kinofilm drehte er bereits zusammen mit Katja Riemann.

Allzu viel Neid auf all die GZSZ-Stars sollte man nicht haben, denn der Soap-Alltag eines Schauspielers ist ziemlich hart. Um sieben Uhr fängt er in der Maske an, ab acht Uhr wird gedreht. Häufig bis abends um sechs Uhr. Und selbst dann ist noch nicht Schluss. Schließlich müssen die Texte für den nächsten Tag noch vorbereitet werden. Die großen Soaps in Deutschland werden entweder von Grundy UFA ("GZSZ", "Verbotene Liebe", "Unter uns") oder Bavaria Film- und Fernsehstudios ("Marienhof") produziert. Doch über diese renommierten Produktionsfirmen zu gehen, ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Allein in Berlin gibt es rund 25 reine Casting-Agenturen für Film- und Fernsehen. Besonders für Leute, die keine Ausbildung als Schauspieler haben, kann sich der Weg über Komparsenrollen, also Schauspieler-Rollen ohne Text, lohnen. Berühmt wird man zwar eher selten, dafür bekommt ein Komparse ungefähr 100 Mark pro Einsatztag und hat unmittelbaren Kontakt zu den "Stars". Als Tipp für Soap-Stars in spe gilt: Seriöse und lizensierte Agenturen dürfen für die Anmeldung und Aufnahme in eine Kartei nicht allzu viel Geld verlangen. Die Aufnahmemodalitäten sind überall ähnlich: Ganzkörper- und Porträtfotos und ausführlicher Lebenslauf.

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