Medien : Wie erlebe ich das Fernsehen?

Die Forschung weiß: Vor dem Gerät sitzen sieben unterschiedliche Typen

Joachim Huber

Vor dem Fernseher sind nicht alle gleich, selbst wenn die Millionenquoten einer Sendung diese Gleichheit der Zuschauer suggerieren. Wie heterogen das Fernsehpublikum ist, haben Ursula Dehm, Dieter Storll und Sigrid Beeske erforscht (nachzulesen im aktuellen Heft der „Media-Perspektiven“). Sie haben sieben „TV-Erlebnistypen und ihre Charakteristika“ analysiert; im Kern geht es um die Erwartungen dieser „Typen“ an das Fernsehen und die tatsächliche Nutzung des Mediums nach Programm-, Sender- und Genrepräferenzen. Bitte ordnen Sie sich ein!

Involvierte Begeisterte

Für rund jeden neunten Zuschauer ist das Fernsehen unverzichtbarer Bestandteil des Tagesgeschehens. Es ist das Medium, das seine individuelle Erfahrungswelt bereichert und erweitert – über die eigenen Möglichkeiten des Erlebens hinaus. Fernsehen bietet Spaß und Entspannung, es wirkt beruhigend und ausgleichend, es ist die ideale Freizeitbeschäftigung. Die „involvierten Begeisterten“ sind häufiger ältere Frauen, sie sind seltener berufstätig, sie verfügen über ein relativ niedriges Einkommen und stammen häufiger aus dem Osten. Lieblingssender ist RTL, gefolgt von ZDF und Sat 1. Unterhaltung, Boulevard, Volksmusik werden bevorzugt eingeschaltet, zwei Genres werden gemieden: Science-Fiction, amerikanische Kino- und Fernsehfilme.

Emotionale Genießer

Das sind Zuschauer, die mit dem Fernsehen Spaß haben, sich damit die Zeit vertreiben, „ablachen“ wollen. Deutlich jünger und besser gebildet, leben sie eher in größeren Haushalten mit Kindern und verfügen über ein höheres Einkommen. Pro7 ist der erklärte Lieblingssender, die öffentlich-rechtlichen Programme, insbesondere das ZDF, stehen unten auf der Skala. Diese lebenslustigen Genussmenschen bevorzugen Comedy in allen Formaten, amerikanische Fiction, sie sind keine Fans von politischen, kulturellen und Wirtschafts-Sendungen.

Genießende Wissensdurstige

16 Prozent der Zuschauer ordnen sich hier, bei den Zwei-Personen-Haushalten ohne Kinder, bei den älteren Besserverdienenden ein. Das Fernsehen soll Anregungen, Informationen und Gesprächsstoff liefern. Der TV-Konsum ist eher durchschnittlich ausgeprägt. Öffentlich-Rechtliches wird bevorzugt, besonders n-tv wird geschätzt, das Fernsehen wird sehr bewusst und gezielt eingeschaltet. Magazine aller Art mögen sie vor allem anderen, umgekehrt die Unterhaltung nicht so wichtig ist.

Habituelle Orientierungssuchende

Dieser Zuschauertyp versucht sich mit dem Fernsehen die Zeit sinnvoll zu vertreiben und erwartet dafür Orienierung. Das Medium bekommt die Funktion des Informations- und Meinungslieferanten. Überdurchschnittlich gehören Männer in allen Altersgruppen zu den habituellen Orientierungssuchenden. Sie präferieren die ARD und den Nachrichtensender N 24, äußern aber nicht so starkes Interesse an Informationsformaten wie die genießenden Wissensdurstigen. Unterhaltung kann, muss nicht sein.

Habituelle Teilhaber

Das ist mit 21 Prozent das größte Publikumssegment. Sie schauen viel und aus Gewohnheit fern. Sie möchten mit den dargestellten oder auftretenden Personen mitfiebern, sie suchen richtiggehend den Kontakt zu ihnen, sie möchten sich auch selbst wiedererkennen und sich zugehörig fühlen. Die habituellen Teilhaber finden sich in allen Altersgruppen, Männer und Frauen sind pari verteilt. Drei soziodemografische Merkmale: weniger gut gebildet, häufiger nicht berufstätig, unterdurchschnittliches Haushaltseinkommen. Vormittags- und Nachmittagsprogramme finden hier ihr Publikum, die Privatsender werden bevorzugt, vor allem Sat 1. Die Unterhaltung liegt vorne, namentlich die Serie (Arzt, Krankenhaus, Familie).

Genügsame Stressbewältiger

Bei diesen 14 Prozent soll das Fernsehen Ärger und Alltagsstress abbauen helfen. Unter diesen Zuschauern finden sich häufiger Frauen, 30- bis 49-Jährige, Berufstätige und eher die mittlere Bildungsgruppe. Lieblingssender gibt es keinen, das Interesse für Kulturmagazine und Servicesendungen ist leicht erhöht, wobei, je nach Situation, das Programm angesteuert wird, das am sichersten Beruhigung und Ablenkung verspricht.

Distanzierte Skeptiker

Sehr reservierter Umgang mit dem Fernseher, das Medium wird als Zeitvertreib angesehen, ist darüber hinaus wenig geeignet, weiter gehende Bedürfnisse zu erfüllen. Sie sind Wenigseher, in der Mehrheit Männer zwischen 14 und 49 Jahren. Sie reden lieber über das Fernsehen, das sie nicht mögen: Unterhaltung.

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