Medien : Wir sind Prag

Die Bilder aus der Botschaft 1989 einten Deutsche in Ost und West. Davon erzählt nun auch ein Film

Pablo Silalahi

In kaum einer anderen Stadt lebt Europas Geschichte so sehr wie in Prag. Die Metropole ist voller Zeugnisse der Vergangenheit. Bettina und Stephan Herfurth (Anneke Kim Sarnau und Christoph Bach), zwei junge Ostberliner, nutzen die historische Kulisse an der Moldau für ihre Hochzeitsreise. Es ist der September des Jahres 1989. Im ehrwürdigen Hotel Europa stoßen die beiden bei einem Abendessen mit ihren langjährigen Freunden Thomas und Karin (Hinnerk Schönemann und Valerie Koch) auf die Liebe an. Sie prosten sich ein Versprechen zu: „In guten, wie in schlechten Zeiten“. Die anschließende Nacht wird kurz. Im Morgengrauen machen sich die vier auf den Weg zur bundesdeutschen Botschaft. Als sie über den Zaun klettern, greift die Polizei ein. Stephan muss zurückbleiben.

„Prager Botschaft“ ist ein Film über Liebe, Hoffnung und Verrat. Es geht in erster Linie um das persönliche Drama von Bettina und Stephan. Das Verhältnis der beiden wird durch Georg Stein (Hans-Werner Meyer), einen Ex-Liebhaber Bettinas belastet, inzwischen Attaché des Prager Botschafters. Die Geschichte um die beiden Hauptdarsteller ist solide, wenn auch nicht überragend. Was den Film wirklich interessant macht, ist der historische Hintergrund. Noch immer sorgt der Moment für Gänsehaut, in dem Hans-Dietrich Genscher im Halbdunkel auf dem Balkon der Botschaft verkündet, dass Tausende DDR-Bürger in die Freiheit reisen dürfen, die vorher in die Prager Botschaft geflüchtet waren. Zum Jahrestag dieses Ereignisses wird „Prager Botschaft“ am 30. September bei RTL zu sehen sein. Der Film ist einer der größten RTL-Produktionen des Jahres, er wurde jetzt schon in der Bertelsmann-Hauptstadtrepräsentanz vorgestellt. Für die Produktion wurde auch der ehemalige Außenminister selbst angefragt. Genscher lehnte die Rolle aus „emotionalen Gründen“ ab, sagte eine RTL–Sprecherin. Er wird aber in einer Dokumentation, die im Anschluss an den Film gezeigt wird, ausführlich jene Stunden in Prag schildern, die zu den bewegendsten seines Lebens gehören, wie Genscher selbst sagt. Die historischen und sehr emotionalen Bilder aus der Botschaft sorgten im Wendejahr 1989 zum ersten Mal für ein Wir-Gefühl in Ost und West. Diese Stimmung transportiert der Film: die weinende Bettina Herfurth vor dem Balkon des Palais Lobkovic, stellvertretend für die Hoffnung der Menschen in jenem Spätsommer ’89, der die Wende einläutete.

„Dies ist die letzte Schlacht des kalten Kriegs“, sagt Botschafter Hermann Huber (Dietrich Mattausch) beim Blick auf den überfüllten Prager Botschaftspark. Und er lässt auch den Begriff der „Deutschen Einheit“ fallen. Rudolf Seiters, damals Kanzleramtsminister und Zeitzeuge auf dem Balkon, dachte an diesem Tag zwar nicht gleich an Einheit, aber auch er unterstreicht die emotionale Bedeutung der Bilder. „Ich hatte damals 33 Jahre lang parlamentarisch gearbeitet und schon einiges erlebt. Aber an dem Tag sah ich zum ersten Mal, wie selbst gestandene Journalisten Tränen in den Augen hatten.“

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