Medien : „Wir spielen weiter!“ – die Euro-Niederlage in der polnischen Presse

Knut Krohn[Warschau]

Der Jubel bei „Super Express“ kennt keine Grenzen. „Ein gigantischer Erfolg!“, titelt die Boulevardgazette: Ein Pole hat die Deutschen besiegt. Das stimmt – allerdings war es der falsche Pole. Formel-1-Pilot Robert Kubica steht blatthoch auf der ersten Seite der Zeitung und reckt die Fäuste in den Himmel. Darüber ist die zweite Neuigkeit des Tages zu lesen: „Noch ist Polen nicht verloren.“ Und wem das nichts sagt, der muss seinen Blick nach links schweifen lassen, wo in ungewohnt bescheidenen Lettern die eigentliche, niederschmetternde Botschaft zu lesen ist: „Niemcy-Polska 2:0“.

Auch das zweite große polnische Revolverblatt versucht sich daran, der traurigen Wahrheit einen schönen Anstrich zu geben. „Polen! Es ist nichts passiert. Wir spielen weiter“, prangt auf der Titelseite von „Fakt“. Dieser Satz entspricht der vollen Wahrheit, allein das Bild neben dem aufmunternden Text lässt keinen Raum für Interpretationen. Es zeigt den Moment, in dem der Ball zum zweiten Mal ins polnische Tor einschlägt. Noch zu sehen: ein überraschend emotionsloser Lukas Podolski, im polnischen Gleiwitz geboren, wie beide Blätter nicht müde werden zu betonen. Soll wohl heißen, dass auch Polen ein klein bisschen gewonnen hat.

Nach den Tagen der reißerischen Berichterstattung und geschmacklosen Fotomontagen mit Rückgriffen auf mehrere Kriege herrscht eine ungewohnte Bescheidenheit auf dem polnischen Boulevard. Vielleicht haben beide Blätter realisiert, dass sie mit ihrem blutrünstigen Kampagnenjournalismus nicht den Nerv der Polen getroffen haben. Die sahen der Begegnung gegen die Deutschen voller Hoffnung, aber sehr realistisch entgegen. „Wir haben einfach ein Spiel gegen eine der besten Mannschaften der Welt verloren“, spiegelt die seriöse Tageszeitung „Dzennik“ die Einschätzung der meisten Polen am Tag nach dem Spiel wider.

Überraschend auch, dass keins der beiden Boulevardblätter die hetzerischen Sätze mancher Fans aufgreift, die Podolski in Internetforen als „Verräter“ beschimpfen. Aber kann ein Mann ein polnischer Judas sein, der zugibt, mit gemischten Gefühlen gegen Polen aufzulaufen, und unmittelbar nach dem Spiel der polnischen Presse freundlich Interviews gibt? Mangels Angriffsfläche haben sich beide Boulevardblätter offensichtlich entschlossen, das Spiel gegen die überlegenen Deutschen abzuhaken und den Blick nach vorne zu richten. Dort warten die Mannschaften von Österreich und Kroatien, die es zu schlagen gilt, will man bei der EM nicht vorzeitig die Heimreise antreten. Knut Krohn, Warschau

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