WM aus deutsch-türkischer Sicht : Süper, die Türbo-Brothers

Tiger ist der Horst Schlämmer Kreuzbergs. Für den jungen Kanal ZDFneo analysiert er jetzt die Fußball-WM - von neutraler Zurückhaltung hält er dabei allerdings wenig.

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Den Ball flach zu halten, ist nichts für Tiger. In seiner Comedysendung „Tigers Süper WM Stüdyo“ betrachtet er die Fußball-WM aus deutsch-türkischer Sicht. Foto: dpa Foto: ddp
Den Ball flach zu halten, ist nichts für Tiger. In seiner Comedysendung „Tigers Süper WM Stüdyo“ betrachtet er die Fußball-WM aus...Foto: ddp

Von neutraler Zurückhaltung hält dieser Moderator nichts. Frankreich spiele wie die Mannschaft eines Altersheims lästert er, das deutsche Team hingegen nennt er stolz die „Türbo-Brothers“ und er selbst trägt keinen Anzug wie seine Kollegen Gerhard Delling oder Günter Netzer, sondern zieht sich ganz selbstverständlich ein Trikot an – allerdings eines, das es nicht zu kaufen gibt: Die eine Hälfte besteht aus dem Trikot der deutschen Nationalelf, die andere aus dem der türkischen Mannschaft, beide Hälften sind in der Mitte zusammengenäht.

So etwa fühlt sich auch der Moderator: halb türkisch, halb deutsch. Denn geboren wurde er zwar in der Türkei, aufgewachsen aber ist er in Berlin, wo er sich als Tiger, als „Kralle von Kreuzberg“, einen Namen gemacht hat. Und damit hat er sogar ins Fernsehen geschafft: Bei ZDFneo, dem jungen Digitalkanal des Mainzer Senders, moderiert er zur Fußball-Weltmeisterschaft sogar eine eigene Spezial-Sendung: „Tigers Süper WM Stüdyo“ heißt sie. Jeden Donnerstag bilanziert er darin mit einem prominenten Gast die Ereignisse in Südafrika und blickt auf kommende Spiele, dazu gibt es jeden Tag rund fünfminütige Clips auf www.tiger.zdfneo.de zu sehen.

Aber natürlich würde das ZDF nicht einer Kiezgröße das Programm überlassen. Tiger ist vielmehr eine Kunstfigur, hinter der der Comedian Cemal Atakan steckt. Er hat mit Tiger so etwas wie den Horst Schlämmer Kreuzbergs geschaffen – nur dass er statt Herrenhandtasche und speckigem Trenchcoat sein integratives Trikot und eine schwarze Wollmütze trägt und im typischen Kreuzberger-Mischmasch-Slang redet: Aus „super“ wird „süper“, bei Spielanalysen geht es um die „Herausfindung“ der Tricks, und aus Miroslav Klose wird „Kilose“, „das ist Kreuzberg, weissu?“.

Nicht nur auf Sendung, sondern auch im Gespräch mit Journalisten bleibt Cemal Atakan in seiner Rolle als Tiger. Wer mehr über ihn wissen will, muss deshalb mit seinem Drehbuchautor Murat Ünal sprechen, mit dem er die Figur entwickelt hat. 2006 haben sie begonnen, zunächst Clips über Tigers Leben zwischen Oranienstraße und Schlesischem Tor bei Youtube, Tagworld, Myspace und Myvideo hochzuladen. Die Fangemeinde wuchs stetig und das ZDF, das für seinen neuen jungen Sender ZDFneo auf der Suche nach Formaten war, wurde aufmerksam. Seit dem Start des Senders im Herbst 2009 ist Tiger hier Donnerstags um 23 Uhr mit einer eigenen Sendung zu sehen. Bis zum 15. Juli ist sie nun zum „WM Stüdyo“ umfunktioniert worden.

Zwar darf ZDFneo aus rundfunkstaatsvertraglichen Gründen keinen Sport senden, aber ein Fußballfan wie Tiger kann ein Ereignis wie die WM kaum ignorieren. Statt wie sonst im Hinterhofkeller wird deshalb zurzeit auf dem Bolzplatz in Kreuzberg gedreht. Mit dabei sind Tigers Assistenten: Sarah Valentina, die im Glitzerkleid allerdings eher den Showgirls in Berlusconis Sendern als Katrin Müller-Hohenstein ähnelt und der kleinwüchsige Mr. Big. Das Publikum wird mit frisch gegrillter Knoblauchwurst versorgt. Das Set ist provisorisch, aber das dürfte dem jungen Publikum wenig ausmachen, Hauptsache, die Witze sitzen.

Zu den Highlights gehören die Videoclips vom „Maradöner“, Tigers Parodie auf Fußballer Maradona. Tigers wichtigstes Anliegen ist jedoch am Ende digital den längsten Autokonvoi der Geschichte zusammenzutrommeln, denn er weiß: „Jungs mit schwarze Haare und große Nase kommen nicht rein in Clubs, bei Autokonvoi kommt jeder rein, hier Mädchen treffen, glücklich werden, heiraten.“ So einfach ist das in Tigers Welt.

Mit dieser Mischung aus Internetclips und Sendung will ZDFneo das junge Publikum dort abholen, wo es statt vorm Fernseher am liebsten sitzt: im Netz. Zwar macht der Sender zu den Einschaltquoten keine Angaben, ist aber von Tigers „außergewöhnlichem Charme“ angetan, wie der zuständige Redakteur Frank Zervos sagt. Dem soll an diesem Donnerstag auch der frühere Fußball- und Theaterschauspieler Jimmy Hartwig erliegen, der in „Tigers Süper WM Stüdyo“ zu Gast sein wird. Thema ist selbstverständlich das Abschneiden der deutschen „Türbo-Brothers“ beim Spiel gegen Ghana.

„Tigers Süper WM Stüdyo“, ZDFneo, 23 Uhr

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