Medien : Wo „Nordseekrabben“ fragen

„Giga Real“ ist eine politische Talkshow für Jugendliche – und funktioniert

Jenni Roth

Florian Pronold rückt seine Krawatte zurecht und räuspert sich: „Ich bin eher schüchtern“. Zum Kapitalismus–Feindbild seiner Partei soll der 32-jährige SPD-Bundestagsabgeordnete im Fernsehen gleich Fragen beantworten. Es ist kurz vor 20 Uhr, schnell wird noch der Scheitel mit Haarlack fixiert und die ersten Schweißperlen auf der Politikerstirn überpudert.

Christoph Rieth wippt entspannt auf seinem Moderatorenstuhl und wartet auf den Beginn der 280. Sendung live vom Brandenburger Tor. Rieth hat schon einiges geleistet mit seinen 29 Jahren: Mit „Giga Real“ leitet er eine Polit-Talkshow für Jugendliche, die an fünf Abenden in der Woche – nach eigenen Angaben – mit rund 50 000 Zuschauern ein größeres Publikum hat als n-tv. Seit März 2004 ergänzt „Giga Real“ das Programm von Giga-TV auf NBC und kommt so gut an, dass man inzwischen statt einer halben eine volle Stunde Politik sendet. Und das bei einer Jugendplattform, die sonst eher auf Stars und Computerspiele setzt.

Während andere Sender leise ihre politischen Magazine kürzen oder erfolglos versuchen, ihr Programm auf jugendlich zu trimmen, scheint „Giga Real“ eine Nische für sich entdeckt zu haben. „Wir kennen unsere Leute.“ Die direkte Kommunikation zwischen Netzgemeinschaft und Redaktion – im Forum, per Mail oder SMS – habe gezeigt, dass ein gewollt lässiger Ton ebenso überflüssig ist wie ein Alterslimit für die Talkgäste. Denn während der ehemalige ZDF-Redakteur Dirk Finger sich freut, keine Krawatte mehr umbinden zu müssen, dürfen die Gäste ruhig aus konservativeren Reihen kommen. Alter ist kein Tabu: „Vollbart ist erlaubt, und wir laden auch ältere Politiker oder Professoren ein. Die Kids lassen sich durchaus von Älteren etwas sagen.“

Überhaupt hat sich einiges geändert in einem Jahr. Philosophierte in der Pilotsendung im März 2004 Giovanni di Lorenzo, damals Chefredakteur des Tagesspiegel, noch über Politikverdrossenheit unter Jugendlichen, könne man heute „so ein Thema gar nicht mehr machen, die würden uns auslachen“, meint Rieth. Das Wissen der jungen Leute sei teilweise „erstaunlich“. Der Medienwisssenschaftler Jo Groebel lobt das erfrischende Format: „Das ist eine ungefilterte und ehrliche Auseinandersetzung mit Politik. Der Ton ist nicht anbiedernd oder staatstragend. Die Zwischenform von Internet und Fernsehen fehlt anderen Sendern.“ In der Tat hat das Publikum nirgendwo sonst die Möglichkeit, so aktiv am Geschehen teilzuhaben. In der Sendung sind die Moderatoren online und beziehen das Publikum direkt mit ein – wenn etwa „Nordseekrabbe“ per SMS zur Kapitalismuskritik wissen will, ob links sein nicht „out“ sei, gibt Moderatorin Alexandra Tapprogge die Frage direkt an Pronold weiter.

Das Interesse der Fans reicht über deutsche Landesgrenzen hinaus, die Sendung wird rund um den Globus im Live-Stream verfolgt. Aus einem weltweiten Netz von Fans – so genannten „Botschaftern“ – ist heute Schahryar aus Teheran per Telefon zugeschaltet. Er erzählt, was die Iraner von der Papstwahl halten.

Dabei stärken die inhaltliche Zusammenarbeit mit „fluter“, einem Magazin der Bundeszentrale für Politische Bildung, sowie das Budget des Muttersenders den Rücken: „NBC hat keine Geldprobleme“, sagt Rieth. Das sieht man. Im Foyer wird der Besucher von einer Pförtnerin empfangen, im ersten Stock genießt man das Panorama auf das Brandenburger Tor, Platz gibt es en masse und die Kollegen von ARD und ZDF kommen ab und an vorbei – voller Neid um das Studio. Kein Grund, sich in Arroganz zu üben: An der Pinnwand hängen SOS-Rufnummern diverser Pizzabringdienste, und das Jubiläum zur hundertsten Sendung hat man irgendwie verpasst.

Doch täuschen hochgelegte Füße und Zigarettenschwaden nicht über den Ernst der Giga-Mission hinweg. Zwar beschreibt Finger die Sendung als „Floh im Pelz des Mediengeschäfts“. Aber die Gästeliste liest sich wie ein „Who is Who“ des öffentlichen Lebens: Walter Riester war da, Norbert Blüm und Wolfgang Thierse. Wegen der zentralen Lage kommen die Gäste zu Fuß oder wie Hans-Christian Ströbele auf dem Fahrrad.

Das wurde allerdings gerade gestohlen, wie wir in einem kurzen Nachrichtenblock erfahren. Pronold schmunzelt, seine Nervosität hat sich gelegt. Aber nicht nur die Studiogäste goutieren das Engagement von „Giga Real“ mit Wohlwollen. Medienexperte Groebel sagt, „mir fällt nichts Negatives dazu ein“.

Nur ein Wermutstropfen bleibt: „Ich brauche zum Abschminken jeden Abend länger als meine Freundin“, seufzt Rieth.

„Giga Real“, Montag bis Freitag um 20 Uhr auf NBC Europe

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