Medien : Wodka gegen Panik

Tagesspiegel-Autoren werden zu Bloggern

Kurt Sagatz

Eine Zeitung kennt viele Formate: Nachrichten, Hintergründe, Kommentare, Analysen, mitunter Klatsch und Tratsch. Dennoch muss vieles unerwähnt bleiben – weil man den Rand nicht bedrucken kann, oder weil es sich um die sehr persönliche Meinung eines Autors handelt. Internet-Blogs füllen diese Lücke. In den Web-Tagebüchern ist auch die subjektive Note erlaubt. Wie im Bas-Blog von Wissenschaftsredakteur Bas Kast. Unter der Überschrift „Wodka gegen Panik“ beschäftigt er sich mit dem verschobenen Start der Discovery-Raumfähre und zitiert den Chef der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos mit der Ansicht, einer von vier Treibstoffanzeigern könne schon mal ausfallen. Wie war das noch mal? Während die Amerikaner Millionen in einem weltraumtauglichen Kugelschreiber investierten, nahmen die Russen einfach einen Bleistift mit.

Während dieser Text geschrieben wird, hat sich der Bas-Blog erneut gefüllt. Diesmal mit einem Link „für alle, die schon immer mal gerne wussten, wie sie im Alter aussehen werden oder wie ihr Vorfahre ausgesehen hat“. Wohin der Internet-Verweis führt, liest man am besten online nach, denn dort leitet ein kleiner Klick den Internet-Surfer direkt zu der Seite, auf der man sich sein Gesicht transformieren lassen kann.

Seit Donnerstag sind die Tagesspiegel-Weblogs nun online – zu erreichen über den Link ganz rechts in der Kopfzeile der Tagesspiegel-Onlineseite. Derzeit stellen sich dort fünf Autoren von Tagesspiegel und Tagesspiegel online der Diskussion, die neben ihrer normalen Tätigkeit zu Bloggern geworden sind. Inhaltliche Vorgaben gibt es keine, höchstens eine formale: Möglichst täglich einen neuen Blick auf das Weltgeschehen im Kleinen und Großen zu werfen.

Kurioses, das es nicht in die Zeitung schafft, aber auch ganz Persönliches, das nicht in die Zeitung gehört, macht die Blogs für Bas Kast spannend. „Vielleicht sind die Menschen im Internet grundsätzlich etwas spielerischer, experimentierfreudiger und wilder“, sagt er und lässt sich bereitwillig auf sein Internet-Experiment ein.

Clemens Wergin, Meinungsredakteur des Tagesspiegel, wünscht sich vor allem mehr Rückkoppelung mit den Lesern der Zeitung. „Die Schwelle, einen Leserbrief zu schreiben, ist oftmals doch sehr hoch. Ich hoffe, dass sich durch die Blogs ein anderer, direkterer Dialog ergibt.“ Besonders wichtig sind ihm jene außenpolitischen Themen, für die in der gedruckten Zeitung nicht an jedem Tag der Platz zur Verfügung steht. „Was sich in Asien und speziell in China und Indien wirtschaftlich und gesellschaftlich tut, ist für uns eine immense Herausforderung“, sagt Wergin. „Ein Land, das in den UN-Sicherheitsrat will, muss mehr Debatten über Außenpolitik führen“, ergänzt er und fängt in seinem Blog „Flatworld“ damit an.

Nicht unbedingt leichte Kost sind auch die Themen, mit denen sich Caroline Fetscher beschäftigt. „David Rhode über Srebrenica“, „Die verschleierte Demokratie im Iran“ oder „Condoleezza Rice in Cairo“ lauten ihre Beiträge im „Justworld“-Blog. Sie beschäftigt sich offline wie online mit Menschenrechten, Gender-Debatten oder der Entwicklung transatlantischer Beziehungen.

Markus Horeld, Leiter der Online-Redaktion des Tagesspiegel, fühlt sich fast schon als Neu-Berliner, seit der ehemals bekennende Kreuzberger nach Friedrichshain gezogen ist. Seine realen und virtuellen Entdeckungstouren durch den neuen Bezirk schreibt er in seinem Blog „Homezone Friedrichshain“ auf. Ebenfalls aus der Online-Redaktion bestückt Achim Fehrenbach sein Medien-Blog „Im Wendekreis der Maus“. „Eigentlich wollte ich Weltreisender werden. Doch das Geld reichte nur für einen Computer. Nun sammle ich also mein Treibgut im Internet“, verrät er.

Den Dialog mit den Tagesspiegel-Bloggern aufzunehmen, bedarf es nicht viel. Ein Klick auf den Kommentar-Button reicht aus, um mit den Bloggern Argumente auszutauschen. Rede und Gegenrede, im Internet gibt es eben keine Platzbeschränkungen. Zugleich stellen sich die Tagesspiegel-Blogs aber auch in die bestehende Blogger-Community. Über die Trackback-Funktion entsteht aus all den Blogs jene Blogosphäre, in der jeder Bezug zu jedem herstellen kann, gegenseitig Texte verlinkt werden und sich am Ende die interessantesten Meinungen am schnellsten verbreiten.

Die Tagesspiegel-Weblogs:
http://www.tagesspiegel.de/weblogs

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