Medien : "Wow, das ist guter Stoff"

Was wäre deine erste Frage an Tom Kummer?

Tom Kummer, 38, interviewte Hollywood-Stars und schrieb Reportagen, nicht nur fürs "SZ-Magazin" der "Süddeutschen Zeitung", sondern auch für den "Stern", die "Frankfurter Allgemeine" und andere. Von Kummer ließen sich die Stars überraschend viel gefallen, sie redeten mit ihm ganz anders als üblich - intelligenter, offener. Im Frühjahr 2000 kam heraus, dass Kummer zumindest einen Teil seiner Interviews frei erfunden hatte. Er berief sich darauf, Künstler zu sein. Der folgende Skandal kostete die Chefs des "SZ-Magazins", Ulf Poschardt und Christian Kämmerling, ihre Jobs. In der vergangenen Woche wurde in München, im Verlag der "Süddeutschen Zeitung", über das Schicksal des "SZ-Magazins" beraten. Ergebnis: Das Magazin wird es weiter geben, vorerst. Die Entscheidung war knapp. Das Magazin stand und steht zum Teil noch heute für eine neue, besonders kreative Form des Journalismus. Dafür, dass dieser Journalismus in die Krise geraten ist, wird vor allem Tom Kummer verantwortlich gemacht. Das Wort "Borderline-Journalismus" machte Karriere. Kummer hat einen zweijährigen Sohn, er lebt heute mit seiner Familie abwechselnd in Schnottwil im Schweizer Kanton Solothurn und in Los Angeles.

Was wäre deine erste Frage an Tom Kummer?

Ich kann dir die ganz coole Tom-Kummer-Frage an Tom Kummer nicht in einer Sekunde sagen. Die kommt eben nicht so spontan. Was viele Leute falsch einschätzen, ist, dass diese Interviews ziemliche Denkarbeit sind. Da ergibt sich die erste Frage erst nach längerer Überlegung, nach dem Rhythmus und der Stossrichtung des Themas. Keine einzige erste Frage an einen Star ist tatsächlich in dieser Form gestellt worden. Meine erste Frage in einem Interview ist immer eine konzeptionelle. Das heisst nicht, dass der Rest des Interviews keine echten Momente hat. Die erste Frage ist der Opening Shot.

Hast du diese Art von konzeptionellen Interviews so geplant oder ist dir das passiert?

Ich bin Journalist geworden, weil ich das für ein gutes Medium hielt zum Experimentieren. So bin ich zum Journalismus und zu "Tempo" gekommen, Mitte der achtziger Jahre. Alles demontieren, alles dekonstruieren fand ich toll, besonders bei einem Mainstream-Medium wie dem Journalismus. Und das ist auch von "Tempo" goutiert worden. Und auch noch gut bezahlt. So ist das für mich sechs, sieben Jahre lustig gelaufen, bis 1992. Und da war dieses Hollywood, eine unbekannte Welt für mich. Das interessierte mich: Nach Hollywood gehen, als fremder Faktor in der Glamourwelt. Zufällig hat es sich dann ergeben, dass das "SZ-Magazin" von Leuten geführt wurde - Ulf Poschardt und Christian Kämmerling -, die ähnlich postmoderne Ideen hatten wie ich. Ich dachte: Denen liefere ich etwas, das die wegbläst.

Und das war das konzeptionelle Interview?

Ich glaube, ich habe mit dem Pamela-Anderson-Interview einen Testballon gestartet. Ich habe Pamela Anderson wirklich getroffen, bei einem typischen Hollywood-Gruppeninterview, sogar das Bildchen gemacht mit ihr, mit fünf Journalisten an einem Tisch, knapp zehn Minuten Zeit für Bullshitfragen. Dabei hatte ich eine ganz klare Vorstellung, wie wichtig Pamela Anderson war, popkulturell gesehen. Eine Vorreiterin der Girl-Power-Bewegung. Für mich bestand der Witz darin, ein trashiges Sexsymbol wie Pamela Anderson klug zu machen. Sie tönt bei mir smart und kultiviert.

Das Resultat war so jenseits von dem, was man überhaupt machen kann, es war eines der inszeniertesten Interviews. Es war wie Drehbuch schreiben. Und es wurde sofort begeistert aufgenommen. Ich dachte: Das ist jetzt die Latte, die du dir gelegt hast. Wirklich, ich habe den Text nicht abgegeben und gedacht: Jetzt hast du ein Verbrechen begangen. Ich habe gedacht: Wow, das ist guter Stoff.

Bestand ein unausgesprochenes Einverständnis darüber, dass die Interviews inszeniert sind?

Was mich erstaunt hat, war die Verpackung der Geschichte im Heft. Mir fehlte die Selbstironie im Vorspann. Ich hatte das Gefühl, dass man in München wahnsinnig stolz darauf ist. Natürlich hätte ich sagen müssen: Man muss das besser labeln. Welche Form man dafür findet, habe ich diesen Jungs überlassen. Die sind ja smart genug, habe ich gedacht.

Hast du nie gedacht: Moment, ich muss es ihnen jetzt nochmal ganz deutlich sagen?

Nein. Das ist ja auch der Grund, weshalb ich jetzt büßen muss. Die haben das vielleicht auch nicht wissen wollen. Ich habe ein Buch geschrieben, "Good Morning Los Angeles". Ein Mann hat dazu das Nachwort geschrieben, den ich sehr schätze: Claudius Seidl. Er gehörte zu dem Kreis, der die "Süddeutsche" gemacht hat. Stell dir vor: Der schreibt in meinem Buch, in dem alles steht, genau meine Vorstellung von Journalismus. Ich sage jetzt nicht, dass man es wegen dieses Buchs hätte wissen müssen, aber es war ein weiterer Hinweis von mir, dass ich diese Dinge gerne in der Balance halte.

Wenn du es auf Englisch gemacht hättest und die Agenten hätten es lesen können, hätte es dann Probleme gegeben?

(Lacht) Du weißt, dass diese Geschichten alle den Agenten vorgelegt wurden. Von Anfang an. Auch die Bilder musste man sich besorgen bei den Agenten. Auch für meine Akkreditierung muss ich jedes Jahr sieben Geschichten einschicken und sie zum Teil übersetzen. Die haben das völlig goutiert.

Vielleicht waren die ganz froh, dass da nicht stand, was die Stars wirklich gesagt haben.

Der Spaß war schon, dass die Leute bei mir zum Teil wahnsinnig gut geklungen haben.

Zum Beispiel Mike Tyson.

Die Wahrheit an diesem Interview ist, dass Tyson sich als denkender Mensch versucht. Er will nicht als dummer Straßenboxer gelten, sondern eine Bedeutung haben. Er leidet darunter, dass er niemals das Charisma eines Muhammad Ali haben wird. Er fragt sich, warum hat der das gehabt? Warum bin ich so unbedeutend? Ich glaube, das kommt in diesem Interview gut rüber. Es ist in fünf Länder verkauft worden.

Ich stelle es mir für eine Redaktion schwierig vor, wenn das, was du ablieferst, zum Teil nicht konzeptionell und zum Teil konzeptionell ist.

Jaja, ich bin ja auch bestraft worden. Ich bin nicht hier, um irgendetwas zu rechtfertigen. Das war natürlich falsch, was ich tat. Im Nachhinein war das unfair gegenüber diesen Redakteuren, unfair gegenüber dem Journalismus und so weiter. Aber das war damals aus meiner Warte in L.A. wirklich egal. Man kann jetzt sagen, der hat kein Verantwortungsgefühl. Diese Verantwortung habe ich wirklich nicht gespürt. Ich habe nur die Verantwortung gespürt, dass das eine gute Geschichte wird, die mir gefällt.

Dein Entdecker, Markus Peichl, sagt in einem Streitgespräch in der "Zeit", du besäßest ein außerordentliches Talent, aber du seiest kein Borderline-Journalist, sondern ein Borderline-Charakter.

Süß. Aber das ist natürlich taktisch. Es geht darum, mich zu isolieren. Hier wird eine ganze Bewegung angegriffen: der Zeitgeist-Journalismus, den Peichl mitbegründet hat. Die haben sich gesagt: Okay, der Kummer ist weit weg, den müssen wir nicht retten, den können wir einfach zum Psychopathen stempeln, trennen, abschieben, sagen, der ist ein Borderline-Charakter.

Erzähl mir vom Ivana-Trump-Interview.

Ich wollte aus der Ivana Trump quasi eine deutsche Philosophin machen. Ich habe die Überschrift an den Titel eines bekannten Buches angelehnt: "The Philosophy of Andy Warhol". Daraus habe ich Ivana Trump sechs oder sieben Stellen in den Mund gelegt und das Ganze mit "Die Philosophie der Ivana Trump" überschrieben. Jetzt heißt es, die ganze Geschichte sei Andy Warhol. Dabei handelt es sich zum größten Teil um Selbstreflexionen über diese Frau, Monologe mit mir, gemixt mit Aussagen von ihr bei einem Telefoninterview. Ich hielt Poschardt für einen Warhol-Experten, es war für mich schwer nachvollziehbar, dass die beiden Chefs nicht merkten, dass sich "Die Philosophie der Ivana Trump" auf Zitate aus dem legendären Warhol-Buch bezog.

Du riskierst natürlich auch, die Stars besser zu machen, als sie sind.

Ich könnte sagen: Okay, ich habe den Anspruch, Tom Hanks genau zu präsentieren, wie er ist. Ich möchte hinter seine Fassade blicken. Aber wer kann das machen? Doch nicht ein Journalist. Das müsste sein Bruder tun. Oder jemand wie Truman Capote, der jede Woche eine Party veranstaltete, zu der die alle auch kamen.

Du hättest, anstatt das Stück einfach dem Agenten zu schicken, es explizit absegnen lassen können.

Wenn ich mich in Zukunft verbünde, dann lieber mit der Redaktion. Sonst kann ich gleich Imageberater der Stars werden.

Das Bruce-Willis-Interview hast du abgerechnet mit Reisespesen, Bewirtung, sogar mit den Batterien für das Tonbandgerät.

Der Rechercheaufwand für meine Art Interviews war genauso groß wie bei einem aufwändigen Porträt. Dass ich im Fall von Bruce Willis die Batterien für meinen Recorder verrechnet habe, liegt daran, dass ich sie gekauft habe in der Erwartung, ein Interview zu führen. Rückblickend wäre es natürlich fairer gewesen, ein Porträt zu schreiben, die Redaktion über meine Vorgehensweise zu informieren und offen über den Hintergrund meiner Spesenabrechnung zu sprechen. Im Sommer 1998 war mein Interviewstoff aber längst ein Markenzeichen. Die Chefredaktionen rissen sich darum.

Wie müssten deine Interviews in Zukunft sein, dass man sie nicht nur als Fiction anschaut?

Sie müssten so sein, dass der Leser vor einem Rätsel steht. Das Lesevergnügen müsste darin bestehen, dass dieses Rätsel nicht gelöst wird.

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