• Zahlreiche Beschwerden beim Deutschen Presserat: "Schock-Fotos in "Bild", "Hassfratzen-Aktion" in "Huffington Post"
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Zahlreiche Beschwerden beim Deutschen Presserat : "Schock-Fotos in "Bild", "Hassfratzen-Aktion" in "Huffington Post"

Nach dem Österreichischem Presserat beschäftigt sich auch der Deutsche Presserat mit der Veröffentlichung der Fotos: Und mit der "Hassfratzen"-Aktion der "Huffington Post"

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Aus dem Lastwagen waren in der Nacht zum Freitag die Leichen von 71 Menschen geborgen worden.
Aus dem Lastwagen waren in der Nacht zum Freitag die Leichen von 71 Menschen geborgen worden.Foto: dpa

Nach der österreichischen "Kronen-Zeitung" hatten auch "Bild" und "B.Z." Fotos toter Flüchtlinge im Schlepper-Lastwagen veröffentlicht. Beim Österreichischen Presserat in Wien sind deswegen Dutzende Beschwerden eingegangen. Auch der Deutsche Presserat in Berlin wird sich damit beschäftigen. Nach Aussagen von Pressesprecherin Edda Eick sind bislang 15 Beschwerden eingegangen.

Das Selbstkontrollorgan der Presse wird in der nächsten Sitzung darüber zu entscheiden haben, ob die Veröffentlichung in öffentlichem Interesse war, sprich die Fotos als Dokumente der Zeitgeschichte zu sehen sind, oder ob die Publikation unangemessener Sensationalismus war und die Persönlichkeitsrechte der Opfer verletzt wurden.

Und auch das wird den Presserat beschäftigen. Bislang sind 21 Beschwerden wegen einer Aktion der "Huffington Post" eingegangen, sagte Edda Eick. Vor einigen Wochen hatten 200 Menschen in der "Huffington Post" gesagt: "Willkommen, liebe Flüchtlinge. Gut, dass ihr hier seid." Diese Aktion löste eine Gegenreaktion aus. Es gab massenweise Hass-Kommentare. Die "Huffington Post" machte einen Teil der Kommentatoren mit Namen und Foto öffentlich: "Jetzt sprechen die Hassfratzen". Zur Begründung schrieb die Online-Zeitung: "Wer auf der Seite eines Mediums solche Meinungen vertritt, sollte auch zu ihnen stehen. Sie rufen nach Meinungsfreiheit - wir nehmen sie beim Wort." Gegen die Veröffentlichung der "Hater" gibt es nun Beschwerden beim Presserat. auch darum wird sich das Selbstkontrollorgan kümmern.

Die „Kronen Zeitung“ hatte am Freitag ein unverpixeltes Bild zusammengedrängter Leichen im Laderaum des an der Autobahn abgestellten Schlepper-Fahrzeugs veröffentlicht. Am Sonnabend zogen „Bild“-Zeitung und "B.Z." nach. „Die Gesichter der Todesopfer sind nicht zu sehen, die Identität somit geschützt. Bei einer Tragödie dieses Ausmaßes muss eine entsprechende Bebilderung möglich sein“, verteidigt sich „Krone“-Multimedia-Chefredakteur Richard Schmitt.

Beim österreichischen Innenministerium hieß es, es solle geklärt werden, wie das Foto zustande kam. Die Staatsanwaltschaft sei eingeschaltet, sagte Landespolizeichef Hans Peter Doskozil dem ORF. Das Foto stamme wohl aus Polizeikreisen. Aus dem Lastwagen waren in der Nacht zum Freitag die Leichen von 71 Menschen geborgen worden.

„Ich vermute eine Komplizenschaft zwischen Teilen der Sicherheitsbehörden und der ,Kronenzeitung’.“

„Das Bundesamt für Korruptionsbekämpfung ist dabei zu ermitteln, wie die Aufnahme entstand und in die ,Krone’ gelangte“, sagte Andreas Koller, Vertreter der Initiative Qualität im Journalismus, dem Tagesspiegel am Sonntag. „Ich vermute eine Komplizenschaft zwischen Teilen der Sicherheitsbehörden und der ,Kronenzeitung’.“

Diese berichte und kommentiere seit jeher auffallend polizeifreundlich und sei immer bestens über Interna aus dem Polizeiapparat vertraut. Die Veröffentlichung schockierender Bilder sei durchaus vertretbar, finden indes zwei „Guardian“-Journalisten. Medien haben die Aufgabe zu informieren, nicht das Leben weich zu spülen, schreiben Peter Preston und Emma Graham-Harrison auf guardian.com. „Natürlich ist es legitim, schockierende Bilder zur Illustration des Grauens zu verwenden. Ich verweise auf die Fotos, die in den Konzentrationslagern nach deren Befreiung gemacht wurden. Nur: Was sollte durch das Foto der Toten von Parndorf bewiesen werden? Jeder Medienkonsument kann sich ein Bild von diesem Grauen machen, ohne ein Foto betrachten zu müssen“, entgegnet dem Koller, der auch stellvertretender Chefredakteur der „Salzburger Nachrichten“ ist.

Der Presserat am Dienstag

In solchen Fällen handele es sich immer um Abwägungsfragen. „Ist es legitim, für den guten Zweck die Würde der Person anzutasten? In diesem Fall gab es keinen guten Zweck, sondern nur Sensationsgier. Auch hätte bedacht werden müssen, dass diese Menschen Angehörige haben. Ich stelle mir gerade vor, wie eine Mutter in Syrien oder eine Frau in einem europäischen Flüchtlingslager durch dieses Foto erfährt, dass ihr Sohn oder Mann qualvoll erstickt ist.“

Laut Koller wird sich der österreichische Presserat in der nächsten Sitzung des zuständigen Senats am Dienstag in Wien mit der Angelegenheit befassen, sprich über die Einleitung eines Verfahrens beraten, es seien schon Dutzende Beschwerden eingegangen. Über Beschwerden beim deutschen Presserat wegen der Veröffentlichungen in "Bild" und "B.Z." ist noch nichts bekannt.

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