Medien : Zauber der Filmoperette: „Der Kongress tanzt“

Hendrik Feindt

Zuletzt bedarf es nur einer einzigen bildmächtigen Silhouette – in diesem Fall ist es Napoleon, der wie eine Gewitterwolke die Fläche des Bildschirms durchquert – und aller Zauber, alles Wunschdenken der Liebes-Operette ist wie weggewischt. Dies eben ist der kalkulierte Irrwitz jedes Spektakels: dass alle, wenn die schönen Töne und die Bilder vorüber sind, sich wieder ihren alltäglichen Sorgen stellen müssen. Die naive Handschuhmacherin Christl (gespielt von dem Ufa-Star Lilian Harvey) kehrt zurück zu ihren Handschuhen. Der Zar als Bonvivant (Willy Fritsch) reist wieder heim nach Russland. Und Metternich, der österreichische Kanzler (den Conrad Veidt ebenso ingeniös wie diabolisch verkörpert), hat sein ganzes Ränkespiel umsonst aufgezogen. Politik ist kein Ballsaal, sosehr es in dem Film „Der Kongress tanzt“ auch den Anschein haben mag.

1931 ist die große Zeit des Filmmusicals und der Filmoperette angebrochen. Die Varieteebühnen sind zu grandiosen Filmpalästen umgebaut, und „Der Kongress tanzt“ von Erik Charell mit der Musik von Werner Richard Heymann reist „von Jubel zu Jubel“, wie die Zeitungen berichten, von seiner Welturaufführung in Wien zur Uraufführung nach Berlin. Der Film ist damals so multinational wie der Wiener Kongress von 1814, den er zur historischen Folie seiner Liebeshändel nutzt. Und zwei Jahre später, weil sein Regisseur Charell aus jüdischer Familie kommt, ist er so unerwünscht, wie sich der historische Kongress einst als obsolet erwiesen hat.

„Der Kongress tanzt“, Arte, Mittwoch, 22 Uhr 30

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