Zeitungsmarkt : Die „Bunte“ für Männer

Andere Welten: Italien leistet sich drei tägliche Sportzeitungen. Eine davon ist sogar die meistgelesene Tageszeitung des Landes.

Tim Klimeš[Rom]

Der römische Bekannte schüttelt den Kopf: „Gli Italiani sono strani“, sagt er, „die Italiener sind komisch.“ Drei tägliche Sportzeitungen? So viel gebe es doch gar nicht zu berichten. Er selbst liest sie nicht, ist nicht solch ein Tifoso, vom Fußball beseelter Fan, wie viele seiner Landsmänner. Einer seiner Söhne spielt Basketball. Vielleicht liegt es daran.

Denn der Erfolg der Sportblätter in Italien ist vor allem der einen Sportart Nummer eins zu verdanken, dem Fußball. Mehr als die Hälfte ihrer Berichte drehen sich um den Calcio, auf den hinteren Seiten folgen Radsport, Motorsport und Randsportarten. „Gazzetta dello Sport“, „Corriere dello Sport“ und „Tuttosport“, so heißen, aufgezählt nach Auflage, die drei Tageszeitungen mit einer Gesamtleserschaft von rund sechs Millionen. Zwar wird auch in Italien üblicherweise nur am Wochenende Ligafußball gespielt – berichtet aber wird jeden Tag.

„Das ist Italiens meistgelesene Tageszeitung“, sagt Birgit Schönau und zieht den rosafarbenen Bestseller aus dem Stapel Altpapier, „besser als die ‚Bild‘-Zeitung“. Mit einer Auflage von durchschnittlich 520 000 Exemplaren und mehr als drei Millionen Lesern täglich ist die „Gazzetta dello Sport“ zugleich Europas größte Sportzeitung. Als Italiens Fußballer 2006 die Weltmeisterschaft gewannen, verkaufte sich das Blatt rund 2,3 Millionen Mal – ein Rekord. Der Verlag musste die Ausgabe, in der das Zeitungslogo die Farben der italienischen Trikolore trug, sogar nachdrucken lassen. Noch immer wird der Titel mit der Überschrift „Tutto vero!“ („Alles wahr!“) im verlagseigenen Fanshop als 38-mal-53-Zentimeter-Poster verkauft.

Wenn an diesem Wochenende der letzte Spieltag der Serie A ausgetragen wird, können sich Inter Mailand oder der AS Rom noch den Gewinn der italienischen Meisterschaft sichern. Die Kioskverkäufer werden den Montag sehnlichst erwarten, immerhin bringt das Spieltagsresümee am Wochenanfang Italiens Sportzeitungen wöchentlich bis zu 30 Prozent mehr Auflage. Entsprechend üppig dürften die Verkäufe mit dem diesjährigen Saisonrückblick ausfallen.

Für Birgit Schönau sind die Sportzeitungen auch Informationsquelle. Die deutsche Journalistin lebt seit 1990 in Italien, berichtet für „Zeit“ und „Süddeutsche Zeitung“ aus der ewigen Stadt. Und oft auch aus dem Stadion. „Nichts ist Fußball in Italien weniger als ein Sport“, das schrieb die Journalistin bereits 2005 in ihrem Buch „Calcio – Die Italiener und ihr Fußball“. Das Land lasse sich durch den Sport wunderbar erzählen, sagt sie im Gespräch. Deshalb ihr Buch. Deshalb vielleicht auch die Sportzeitungen?

Viele Italiener kaufen sich morgens am Kiosk nichts weiter als eines der drei Blätter. Alles Wichtige zum Weltgeschehen bekommt man in Italien immerhin am U-Bahn-Eingang zugesteckt. Drei Gratisblätter sind landesweit erhältlich, eine davon, die „Leggo“, ist mit über zwei Millionen Lesern die zweitgrößte Gratispublikation Europas. Und selbst wer die Gratiszeitungen meidet, bekommt ein paar Nachrichten vom Tag mit auf den Weg: Auf drei von rund 60 Seiten informiert etwa die „Gazzetta“ auch über nationale und internationale Politik. In der Rubrik „Altri Mondi“ („Andere Welten“) – wenn ein neuer Papst gewählt wird oder amerikanische Hochhäuser einstürzen. „Spektakel hat hier eine lange Tradition“, sagt Birgit Schönau. Ihre Wohnung liegt fünf Laufminuten vom Kolosseum entfernt, dem Ort, an dem im Jahr 404 n. Chr. etwas geschah, was symptomatisch ist für die italienischen Tifosi. Der Mönch Telemachus hatte damals, zwölf Jahre nachdem das Christentum zur Staatsreligion ausgerufen worden war, versucht, zwei kämpfende Gladiatoren zu trennen. „Wir sind jetzt Christen“, soll er den Zuschauern entgegengeschrien haben, „diese Kämpfe sind ein unwürdiges Spektakel.“ Dann steinigten sie ihn zu Tode.

„In Rom gibt es über 300 Kirchen“, sagt Schönau, „und keine einzige ist nach ihm benannt. Raten Sie mal, warum?“ Das Spektakel, der Fußball sei in Deutschland nicht so stark im gesellschaftlichen Leben verankert wie in Italien – und so wird auch die Sportzeitung zum Gesellschaftsblatt. Man suche sich in Deutschland nicht das Lieblingscafé nach dem Wirt aus, der denselben Lieblingsklub habe. „In Italien wird im schlimmsten Fall die Partei nach der Klubzugehörigkeit ausgewählt“, sagt die Journalistin. Sport und Politik – in Italien hängt das zusammen. Als der gebürtige Mailänder Silvio Berlusconi 1994 erstmals an die Macht kam, entdeckte er den Fußball als besonders effektives Instrument der Politik. Der Cavaliere, wie Berlusconi auch genannt wird, nannte seine Partei „Forza Italia“, nach dem Stadionausruf der italienischen Fußballfans, und er instrumentalisierte fortan seinen AC Mailand. Brachte die eigene Partei gerade keine Positivnachrichten, brachte sie eben sein Verein. Als Präsident eines Top-Serie-A-Klubs kommen auch die einschlägigen Gazetten nicht an einem vorbei.

„Die italienische Gesellschaft hat starke Züge einer postdemokratischen Gesellschaft, in der die Teilnahme am kollektiven Spektakel die demokratische Partizipation ersetzt“, sagt Schönau. Im Klartext, was die Italiener im Parlament vermissen, bekommen sie im Stadion oder beim gemeinsamen Fußballfernsehen: Teilnahme. Schon deshalb ist aus deutscher Sicht der Stellenwert des Fußballs in Italien schwer zu ermessen – und mit ihm der Stellenwert der Sportzeitungen.

In Deutschland gebe es die Tradition der akademischen Auseinandersetzung mit dem Fußball nicht, „die Disziplin des calcio parlato, des gesprochenen Fußballs“. In Italien könne im Fernsehen auch zwanzig Minuten über eine Schiedsrichterentscheidung diskutiert werden – „Fußball-Debatten werden in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang gerückt“, sagt Schönau. 1998 beschäftigte eine strittige Schiedsrichterentscheidung gar das italienische Abgeordnetenhaus. Und sollte, was die Mandatsträger beschäftigt, nicht auch die Presse beschäftigen?

Dass es in Deutschland keine Fußballsprache gebe, merke man schon an den hiesigen Fernseh-Sportkommentatoren. „Die sind erstaunlich sprachlos“, sagt die Journalistin: „Ecke – Lahm, Pass – Schweinsteiger; das war’s.“ Die italienischen Kommentatoren würden „eine Geschichte erzählen“, „eine Dramaturgie entwickeln“. Ähnlich auch die Sportzeitungen, die „neben den Hintergrundberichten über die Unterhaltungsindustrie Fußball auch Mythen schaffen, einen Voyeurismus bedienen“. Dann hat Birgit Schönau die Formel gefunden: „Eine ‚Bunte‘ für Männer, das ist die italienische Sportzeitung.“

Obgleich sich etwas geändert hat im Land der Tifosi. Der Fußball-Korruptionsskandal von 2006 habe einen Bruch verursacht, sagt die Journalistin. Die Gewalt in den italienischen Fußballstadien tat ihr Übriges. „Viele Italiener betrachten ihren Sport heute kritischer.“ Die täglichen Sportzeitungen hat das nicht weiter tangiert, in den vergangenen drei Jahren haben sich die Auflagenzahlen nur unmerklich verändert. Was früher live im Stadion verfolgt wurde, wird heute eben vom Sofa aus im Fernseher gesehen – oder in der Zeitung nachgelesen. „Der Ausflug ins Stadion ist tot“, sagt Schönau, „nicht der Fußball.“ Mit ihm leben die täglichen Sportzeitungen weiter.

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