Medien : Zementierte Zeit

Reinhard Siemes

Im November und im Dezember ist die große Zeit der Werbung für Uhren und Schmuck: Die Branche glaubt immer noch an den Weihnachtsmann.

Auf den gezeigten Uhren ist aber nicht fünf vor zwölf – was der Situation vieler kleiner Juwelier-Geschäfte entsprechen würde. Stattdessen ist es zwischen sechs und zehn Minuten nach zehn. Die Uhrenhersteller folgen damit der Erkenntnis von Marketingleuten, die behaupten, um acht nach zehn würden die Zeiger so stehen, dass Uhren ein fröhliches Gesicht haben, bisweilen sogar lachen. Damit beweisen diese Herren einmal mehr, dass sie viel von seltsamen Marktmodellen, aber wenig von den Menschen verstehen.

Die sehen keine Uhr, die lacht. Sondern eine Tageszeit. Und wo befinden sie sich um irgendwas nach zehn? Am Schreibtisch, in der Fabrik oder im Gang vom Arbeitsamt. Keine besonders angenehme Vorstellung, wenn es darum geht, über Geschenke nachzudenken.

Nur, für diese Menschen sind die Anzeigen mit den zementierten Zeigern auch gar nicht gemacht. Der potenzielle Rolex-Käufer nimmt um acht nach zehn in Marbella den ersten Champagner oder führt auf der Reeperbahn seinen Kampfhund aus. Wer Breitling-Uhren trägt – Werbers Lieblinge –, sitzt in einer Besprechung oder in der Business- Lounge vom Flughafen. Dabei muss er feststellen, dass sein Chronograph (eine Uhr, was ist das schon?) fast so unvollkommen funktioniert wie die Abflugzeiten der Billig-Airlines. Denn was liest er in der Werbung? „Breitling optimiert tagtäglich die Robustheit und Funktionalität seiner Chronographen.“

Da lobe ich mir die Anzeige von Maurice Lacroix im Spiegel-Heft 49/2002. Die Zeiger der abgebildeten Uhr stehen auf 8 Uhr 17. Um diese Zeit bin ich noch beim Frühstück oder habe schon Feierabend.

Und ein Cappuccino oder ein gutes Essen, die mich anlachen, sind mir lieber als grinsende Uhren.

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