Medien : Zeuge sein

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Christine-Felice Röhrs

Dienstag, 20 Uhr, Volksbühne, Roter Salon. Auf dem Podium sitzt Gideon Levy: militärisch kurzes Haar, Distanz in den dunklen Augen. Er sieht ein wenig aus wie Robert de Niro und gar nicht wie fast 50. Vielleicht hält Streiten jung. Levy ist als Streithammel bekannt, gehört zu den umstrittensten Journalisten Israels, weil er regelmäßig die Besatzungspolitik der Regierung unter Beschuss nimmt . Vielbeachtet und europaweit abgedruckt zum Beispiel sein offener Brief an Schimon Peres vor einigen Monaten – eine enttäuschte Abrechnung mit einem Freund. Für ihn hat Levy mal gearbeitet, vier Jahre lang, bevor er wieder zur „Ha’aretz“ zurückkehrte, seiner Heimat, politisch und als Autor. „Ha’aretz“ ist linksliberal, zwar auflagenschwach, gleichwohl eines der Blätter, die Meinung machen im Land.

Auch an diesem Abend wird Levy sich wieder kloppen, verbal. Aber: Am Morgen hat es ein ganz anderes Gespräch gegeben. Ein persönlicheres, eines über die Schwierigkeiten, in Israel kritisch über die Regierung zu berichten. Oder freundlich über den Feind, die Palästinenser.

Das tut Levy jeden Sonntag. Vorher, in der Woche ist er in den besetzten Gebieten unterwegs. Er streift sich eine kugelsichere Weste über und spricht mit Soldaten, mit Schulmädchen, Bauern, Fußgängern und Flüchtlingen. „Ha’aretz“ ist die einzige israelische Zeitung, die hier noch zwei Korrespondenten unterhält. Sie sind Berühmtheiten: Amira Hass. Und Gideon Levy.

„Witnessing“, sagt Levy, sei seine Aufgabe. Zeuge sein. Die Augen aufmachen für andere, die sie schließen. Er schaut kühl, als er das sagt, man soll ihn jetzt bloß nicht bewundern. Er sei nicht moralischer oder ehrlicher als andere, einer muss das schließlich machen, sagt er. Die meisten Israelis wüssten doch nicht, wie die Palästinenser nur eine Stunde entfernt leben müssen.Von den meisten israelischen Medien werde das ausgeblendet – es gibt ja doch nur Proteste. Dabei, das hat Levy an diesem Morgen nachdrücklich gesagt, ist es wichtig, dass die Menschen verstehen, woher der Terror kommt, wenn sie ihn bekämpfen wollen. Aus Elend und Agonie nämlich. Aus den Flüchtlingslagern und aus den Familien, die gedemütigt und um jegliche Lebensfreude gebracht werden.

Levy hat sich im roten Sessel zurückgelehnt und erzählt: Vor ein paar Wochen sei er in Dschenin gewesen. Er sah: einen Bauern, seine Frau und zwei Kinder bei der Gartenarbeit. Er sah: einen Panzer und den Panzerschützen, der auf den Bauern, die Frau und die Kinder zielte. Er sah, wie die Kugeln die Kinder durchsiebten. Dann, wie die Soldaten den Garten stürmten, den Bauern überwältigten, ihn nackt auszogen, ihm Handschellen anlegten. Zwei Stunden lang habe der Bauer auf dem Boden sitzen und auf sein totes und sein sterbendes Kind schauen müssen, bis die Soldaten den Mann gehen ließen. Levy hat das aufgeschrieben – und Morddrohungen dafür erhalten.

Natürlich, Levy gibt es zu: Die Armee zu kritisieren in einer Zeit, da die meisten Menschen meinen, dass diese mehr denn je zwischen Sein und Nichtsein ihrer Heimat steht – eine schwierige Sache. „Aber so sensibel ich auch bin gegenüber der Öffentlichkeit, die zurzeit furchtbar, furchtbar leidet“ sagt Levy, „es rechtfertigt keinen Informationsboykott.“ Ausrufezeichen.

Levy möchte klar stellen: In Israel herrscht nach wie vor Meinungsfreiheit. Er sagt, dass er seine Kolumne mit voller Rückendeckung der Chefredaktion schreiben dürfe. (Was er nicht sagt: Der Druck auf die Zeitung, seine und Amira Hass’ Kolumnen einzustellen, wächst ständig.) Und es gibt viele, für die er immer noch eine Ikone ist, ein letzter Rest der demontierten Linken, ein Verteidiger der Menschenrechte. „Aber die anderen werden mehr.“ Sehr schnell sehr viel mehr.

Seit einem halben Jahr etwa, sagt Levy, wollen viele Leute seine Kolumne nicht mehr lesen. Und das sind – Levy hebt die Stimme – Leser einer linksliberalen Zeitung! Leser, die seine Kolumne seit Jahren schätzen. Andere reagieren aggressiv. Sie schicken ihm E-Mails, in dem sie ihm den Tod seiner Kinder schildern. Sie beschimpfen ihn auf der Straße, und neulich wollten ihn zwei verprügeln. Die Stimmung in der Bevölkerung ist nach rechts gekippt, auch ganz links.

Levy hebt resignierend die Schultern. Die Dinge seien noch nie so schlimm gewesen. Er wisse wirklich nicht mehr, woher „das Licht“ kommen solle. „Aus Ramallah? Mit dieser Autonomiebehörde? Pff. Aus Jerusalem? Mit dieser Regierung? Pff.“ Es sei einfach kein Ausweg da. Außer – ja, außer vielleicht einer internationalen Schutztruppe wie es sie im Kosovo gibt. Viele lehnen das ab in Israel. Levy sagt: „Kosovo ist jetzt auch in Israel. Leider.“

Gideon Levy war mal Idealist. Er tut auch immer noch die Arbeit eines Idealisten: stemmt sich gegen ein Regime, das, wie er meint, anderen Unrecht tut. Aber: Hoffungslosigkeit, bekanntlich, kann Idealismus zersetzen, auch Zynismus kann das, und was anderes als Zynimus ist es, wenn ein Mann wie Levy sagt: „All das bringt mich zu der Überlegung, dass es vielleicht noch nicht genug Blutvergießen gegeben hat.“ Maybe we should call for more bloodshed. Vielleicht sei es wieder das alte Muster, das sich schon beim Frieden mit Ägypten oder vor dem Frieden von Oslo gezeigt hat: Waffenstillstand gibt es erst nach einem letzten, blutigen Aufbäumen. Auch wenn alle lange vorher gewusst haben, wie die Lösung aussehen müsste. More bloodshed…

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