Zu meinem ÄRGER : Das ADAC-Heim und die Krähe

Featureautor Jens Jarisch wundert sich über Metaphern im deutschen Journalismus und ein ungewöhnliches Begräbnis.

Jens Jarisch.
Jens Jarisch.Foto: rbb/Ali Ghandtschi

Herr Jarisch, worüber haben Sie sich in dieser Woche in den Medien denn am meisten geärgert?

Ärger und Missmut haben bei mir die verschwundenen Sprachinnovationen zum ADAC-Skandal verursacht. Das heimliche Hobby vieler Journalisten ist ja die Kreativität. Wenn Redakteure poetisch werden, dann kann man sich auf Metaphern wie „Panne“ und „Totalschaden“ verlassen. Dazu immergleiche Fotomontagen von dem ADAC-Emblem hinter zersplittertem Glas oder dem ADAC-Vereinsheim mit einer darüber kreisenden Krähe. Wahrscheinlich hat dann die Gesellschaft für deutsche Sprache interveniert und alle hielten sich plötzlich zurück. Nur die „heute“-Nachrichten hatten den Appell nicht mitgekriegt und verklärten den zurückgetretenen Vorsitzenden sehr sinnbildhaft zum „gefallenen Engel“, und die „Süddeutsche“ wagte noch einen „Mit Vollgas gegen die Wand“-Kommentar, inklusive Crashtest-Foto. Ich finde es schade, dass dieses Feuerwerk der Sprachbilder zu Ende gehen musste.

Gab es auch etwas, worüber Sie sich freuen konnten?

Wie immer fand ich seelische Erbauung in der militant-optimistischen Welt der „Gala“, dort, wo keine Ehen zerbrechen, sondern die Paare gerade „frisch getrennt“ sind. Selbst die Beerdigung Philip Seymour Hoffmans klang dort so: „Der Tag seines Abschieds hätte ihm gefallen“. Überschattet wurde die Trauerfeier laut „Gala“ allein von Amy Adams’ Handtasche, mit der Valentino en passant ein bisschen Werbung zu machen versuchte. Da sind US-Amerikaner offenbar sehr sensibel, und so fand sich an dem Tod des großen Schauspielers doch noch etwas, das ein wenig nachdenklich stimmte.

Was ist Ihre Lieblingswebsite derzeit?

Wenn wir schon bei Realitätsflucht sind: Inspiriert von Chan Koonchungs Frage, was die Leute lieber wählen würden, eine gute Hölle oder ein gefälschtes Paradies, hat der Fotograf Matthew Niederhauser in China künstliche, aber real existierende Räume dokumentiert. Klug, erkenntnisreich und visuell umwerfend: matthewniederhauser.com/counterfeit-paradises.

Jens Jarisch,

Featureautor, Redakteur für das Künstlerische Wort beim

Kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB)

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