Zu meinem ÄRGER : Kultur ist keine Ware

Daniel Fiedler, Leiter der Redaktion Kultur Berlin des ZDF, widerspricht der "FAS".

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Foto: ZDFFoto: Klaus Weddig

Herr Fiedler, worüber haben Sie sich in dieser Woche in den Medien am meisten geärgert?

Über die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. In Deutschland diskutieren wir endlich über die irrwitzigerweise nur im Verborgenen geführten Verhandlungen über das europäisch-amerikanische Freihandelsabkommen. Mühsam erreicht eine Debatte die Öffentlichkeit: über Standards von Waren, über unser Verständnis von Gesellschaft und Kultur. Und was schreibt Claudius Seidl in der „FAS“ dazu? Ihr Kulturfreunde, regt euch ab. Habt keine Angst vor den Amerikanern. Deren kulturelle Standards sind ohnehin besser als unsere deutschen.

Hallo??? Ich bin ein großer Freund amerikanischer Literatur, guter Broadway-Inszenierungen und des amerikanischen Kinos. Aber unsere deutsche Tradition als Kulturnation ist eine andere als die amerikanische. Kultur ist keine Ware. Sie ist ein Wert an sich für unser zivilgesellschaftliches Selbstverständnis. Als vor 2500 Jahren Euripides seine Tragödien in der athenischen polis aufführte, wollte er nichts verkaufen. Dass ausgerechnet in einer konservativen Zeitung dem europäischen Kulturverständnis mit der neoliberalen Keule eins übergebraten wird, das ist – ein Skandal.

Gab es auch etwas, worüber Sie sich freuen konnten?

Auch Theater ist ein Medium, oder? Die Theatergruppe Prinzip Gonzo führt in Oberschöneweide „Das Spiel des Lebens“ auf. Die Zuschauer kommen dabei in eine ungewohnte Rolle. Sie spielen mit. Um ein anderes Leben zu leben. Ausbildung, Beruf, Familie – aus einer Fülle von Möglichkeiten bauen sich die Zuschauer eine neue Biografie. Gefährdungen und Erfolgserlebnisse. Träume und Risiken. Und mit jeder Entscheidung, mit jeder Interaktion mit den Schau- oder Mitspielern, verändern sich die Lebensperspektiven. Ein Abend, der das Nachdenken über das eigene Ich verbindet mit spielerischer Ausgelassenheit. Selten habe ich den Alltag so schnell hinter mir gelassen und so viele Anregungen und Gedanken mit nach Hause genommen.

Welche Homepage können Sie empfehlen?

Der Gratis-Kultur des Internets ist eine Bedrohung für guten Journalismus. Wer will noch für gut recherchierten Online-Journalismus zahlen, wenn es im Netz doch alles umsonst gibt? Und wie finanzieren Journalisten mit ihrer Arbeit zukünftig ihren Lebensunterhalt? Vor kurzem hat sich unter www.krautreporter.de eine Initiative um namhafte Online-Journalisten gegründet, die mittels Crowdfunding 15 000 Unterstützer finden will, die sich bereit erklären, fünf Euro monatlich für gute Berichterstattung zu bezahlen. Bislang sind knapp ein Drittel der 15 000 gefunden. Eine Initiative, die zu unterstützen sich lohnt. Unbedingt.

Daniel Fiedler leitet die Redaktion Kultur Berlin des ZDF und ist unter anderem für

„aspekte“ verantwortlich.

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