Zu PAPIER gebracht : Algorithmus ist eine Vision

Google ist eine Kreativmaschine, die all das möglich macht, was andere für undenkbar hielten. Muss man sich deswegen vor einem Algorithmus der Lebensführung fürchten?

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Google ist wieder mit seinen Kamera-Autos unterwegs.
Google ist wieder mit seinen Kamera-Autos unterwegs.Foto: dpa

Google schickt wieder seine Kamerawagen durch die Straßen Berlins. Ein großer öffentlicher Aufschrei ist ausgeblieben. Was auch daran liegt, dass die gewonnenen Aufnahmen nicht für Google Street View verwendet werden sollen, sondern zur Aktualisierung von Google Maps. Gegen digitale Navigation lässt sich ideologisch wenig einwenden, es lässt sich nur darüber klagen, wenn sie nicht präzise und aktuell ist.

Google Maps ist heute Gewohnheit und war mal eine Utopie: Digitale Mobilität würde vielen mehr nutzen als das Fingerkreisen und Suchen auf nie wieder zusammenfaltbaren Straßenkarten. Der Konzern hat sich das Finden zur Aufgabe gemacht und damit nie wieder aufgehört.

Wird aus freiem Willen der Algorithmus der Lebensführung?

Google, aber auch Facebook, aber auch WhatsApp sind Kreativmaschinen. Hier wird Zukunft gedacht und in Zukunft gemacht. Was könnte dem Einzelnen, vielen, allen noch an die Hand und ins Smartphone gegeben werden, damit das tägliche Leben effektiver, ja erfolgreicher gestaltet werden könnte? Solche Sätze gelten sofort als naiv und gefährlich. Hast Du nicht Dave Eggers „The Circle“ gelesen, diese Negativ-Utopie von der alles erforschenden, erfassenden Monstermaschine, die die Subjektivität dominieren und kommerzialisieren will? Aus freiem Willen wird der Algorithmus der Lebensführung.

Ich habe Eggers gelesen, doch ist mein Schluss ein anderer. Google, aber auch Facebook, aber auch – you name it! – sind Kreativmaschinen. Die Konzerne sind frei von Phantasielosigkeit, sie sind reich an Visionen. Zukunft wird gemacht, indem Zukunft gedacht wird. Sie explorieren Möglichkeiten, wo anderswo angenommene Unmöglichkeiten die Kräfte fesseln. Expedition ist immer gefährlich, unwägbar, kann scheitern, kann gelingen. Also gewinnt die Neigung, sich im Hier und Jetzt einzugraben. Getrieben von Gegenwartsangst und Zukunftsfurcht.

Das ist Googles Sache nicht. Dutzende, hunderte Entwickler stürzen sich auf Ideen, um sie auf Tauglichkeit zu prüfen und für praktische Anwendung umzusetzen. Das ist die Vision, die fasziniert: Wir leben noch nicht am Rande, am Ende unserer Eventualitäten, wir wissen noch gar nicht, welche es sein können. Google liefert dafür die Chiffre. Eine Aktiengesellschaft, ein Kapitalismus-Aggregat. Das macht verdächtig, ist es vielleicht auch: Mein Leben mit Google ist die Dividende für Google. Jede Alternative ist willkommen. Wo ist sie? Politik und Gesellschaft agieren stets auf Nahsicht. Die Probleme sind immer gegenwärtig. Sie werden moderiert, gelöst, dann kommt der nächste Tag. Das gleiche Spiel im Klein-Klein.

Anders Google. Ein Markt der Möglichkeiten, die hinausweisen, hinausgehen, die sich nicht sofort ins Risiko verstümmeln. Google hasst Stillstand. Ich kann Google dafür nicht hassen.

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