Zu PAPIER gebracht : Der Film meines Lebens

Woher kommt plötzlich diese Stange? Unsere Kolumnistin wundert sich über ein neues Selfie-Phänomen.

von
Astrid Herbold
Astrid HerboldFoto: Thilo Rückeies

Ich war in Prag. Und habe gestaunt. Weniger über den Altstädter Ring oder den Hradschin. Da war es auch toll, und gar nicht so fürchterlich überfüllt, wie immer alle sagen. Auf der Karlsbrücke war sogar so viel Platz, dass man nicht Anorak an Anorak in Trippelschritten vorwärtsgeschoben wurde. Sondern ganz in Ruhe für das obligatorische Streichelfoto mit Nepomuk posieren konnte. Unsere digitale Ausbeute nach drei Tagen Städteurlaub war trotzdem mager: 20 Handyfotos, auf zehn davon blinzelt ein Familienmitglied leider gerade.

Andere gingen die Sache mit der Reisedokumentation deutlich systematischer an. Überall fielen uns Menschen mit merkwürdigen Geräten auf. Es waren fast ausschließlich asiatische Touristen, die ihre Smartphones an langen Stangen vor sich in die Luft hielten. Sie schienen zu filmen – nur was? Wir pirschten uns ran und spähten über die Schulter. Was dann kam, kann ich nur als alteuropäischen Kulturschock bezeichnen. Die Touristen filmten sich selbst! Aus leicht erhöhter Perspektive, wie man es vom ausgestreckten Selfie-Arm kennt. Sie hielten den eigenen Anblick beim Spaziergang durch die fremde Stadt fest. Häh? Dass das Selfie eine Art Meta-Metapher für unser Zeitalter geworden ist, das hatte sich schon zu uns herumgesprochen. Ich fotografiere mich, also bin ich wohl. Was auch immer: am Leben, mittendrin im Geschehen, interessant, witzig. Und die besten Selfies sind natürlich die mit eingebautem Neidpotenzial. Guckt mal, wo ich hier bin – und mit wem. Und wie gut meine Laune ist. Yeah.

Ein wahres Pointenfeuerwerk

Das Selfie schien 2014 auf seinem gesellschaftlichen Zenit angekommen zu sein. Da drängt sich die Frage auf: Was könnte das nächste heiße Selbstinszenierungsding sein? Ist es der Film meines Lebens – aufgenommen mithilfe einer „Selfie Stange“, wie die Dinger offiziell im Handel heißen? Aber wer wird diese wackeligen Handkamera-Filme jemals anschauen wollen? Stundenlanger Blick auf die immer gleiche Gestalt: Jeder noch so lakonische Experimentalfilm ist dagegen ein wahres Pointenfeuerwerk.

Vielleicht sind diese Selfie-Filme gar nicht zum Anschauen gedacht, sondern dienen der Prophylaxe. Dass man plötzlich was Tolles erlebt – und dann ist kein Apparat zur Hand. Selbst ein beherztes „Halt, bleibt stehen, ich will ein Foto machen!“ kann immer schon zwei Sekunden zu spät kommen. Eine kleine asiatische Reisegruppe hat uns in Prag deshalb besonders beeindruckt. Sie waren zu dritt und wollten offenbar auf Nummer sicher gehen. Eine hielt die Selfie-Stange, eine Zweite fotografierte permanent die Umgebung, ein Dritter filmte die beiden ersten bei ihren Bemühungen. Da kann dann nichts mehr schiefgehen mit den schönen Erinnerungen, dachten wir. Und gingen Hand in Hand weiter.

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