Zu PAPIER gebracht : Setzt es auf den Twindex!

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Foto: privat
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Um das Wahlkampfspektakel in den USA zu messen, überraschte uns Twitter diese Woche mit einem eigenen politischen Index, dem „Twindex“ (siehe Bild unten). Die Algorithmen messen anhand der über den Dienst verbreiteten Nachrichten die Stimmungsschwankungen auf Twitter, es ist wie bei Aktienkursen, gehandelt werden Obama und Romney. Das geht nach dem Motto: schwule Ehe, nicht so gut; Lage der Nation, schon besser; Christentum, super. Twitter jubelte in einem Blogeintrag, nun könne man Konversationen auswerten, die vorher in der Mittagspause, in Cafés oder beim Abendessen verhallten. Die amerikanischen Zeitungen stimmten in den Jubelchor mit ein und berichteten.

Eigentlich hätten sie laut aufschluchzen sollen. So bereichernd Twitter für unsere Öffentlichkeit ist – ermöglicht es doch einen weitaus direkteren Dialog mit unseren Politikern –, so wenig ist es repräsentativ. Die Einschaltquoten sind vergleichsweise niedrig, eine amerikanische Studie hat ergeben, dass gerade einmal acht Prozent der erwachsenen Twitter-User täglich den Service besuchen. Die Konversationen auf Twitter sagen also über das politische Befinden des Volkes wenig aus, abgesehen davon, dass ein Stimmungsbarometer kein Politikersatz sein sollte. Schon ohne „Twindex“ suggerieren wir unseren Politikern viel zu oft, sie hätten zu handeln, wie das die laute Masse will. Feixend halten wir ihnen dann die Sonntagsfrage unter die Nase, statt zu argumentieren. Und das jetzt auch noch stündlich? Manchmal ist es besser, wenn die digitale Öffentlichkeit den Journalismus nicht imitiert, sondern sich auf ihre eigenen Qualitäten besinnt. Repräsentativ zu sein gehört nicht dazu.

Die Autorin war Online-Chefin des Tagesspiegels. Sie lebt heute in London und bloggt unter www.mercedes-bunz.de.

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