Zukunft des Kurznachrichtendienstes : Wer kauft Twitter?

Stagnierende Nutzerzahlen, Übernahme-Gerüchte: Die Bewegung #WeAreTwitter will das Unternehmen kaufen und in eine Genossenschaft überführen.

Sophie Krause
Der künftige US-Präsident Donald Trump twittert gern und viel. 15 Millionen Menschen folgen ihm dabei.
Der künftige US-Präsident Donald Trump twittert gern und viel. 15 Millionen Menschen folgen ihm dabei.Screenshot: Tsp

Die Gerüchteküche um eine mögliche Twitter-Übernahme brodelt. Zuletzt waren Google, Disney und Microsoft als potenzielle Käufer des Kurznachrichtendienstes im Gespräch. Nun hat sich ein neuer Interessent gemeldet. Eine Gruppe von Twitter-Nutzern will das Unternehmen kaufen. Die Bewegung #WeAreTwitter hat unter dem Titel „Free Twitter from Wall Street“ eine Online-Petition gegründet, die Twitter in die Hände der Community legen will. Sie wollen neue Erlösströme erschließen und transparente Regeln gegen Hasskommentare entwickeln. „Die Börse mag dich nur wegen deines Aktienkurses“, heißt es in der Petition. „Wir hingegen finden dich großartig.“ Und weiter: „Wer auch immer Dich kauft, kauft in gewisser Weise uns.“

Die Initiatoren richten sich mit dem Aufruf an Twitter und dessen Chef Jack Dorsey selbst. Sie wollen eine Genossenschaft gründen und weitere Nutzer zu Mitinhabern machen. Rund 3000 Menschen unterstützen die Petition bereits. Die digitale Unterschriftensammlung hat vor allem symbolischen Charakter, denn sie verpflichtet das Unternehmen nicht zum Handeln. Anstoß für die Debatte lieferte der Journalist Nathan Schneider mit einem Artikel im britischen „Guardian“ Ende September, in dem er vorschlug, Twitter zu kaufen und so zu retten.

In Deutschland griff der Blogger und re:publica-Mitgründer Johnny Haeusler die Debatte auf und rief Interessierte dazu auf, in einem Google Doc Überlegungen zur Twitter-Übernahme zu diskutieren. Mittlerweile wird die Debatte auf internationaler Ebene wesentlich umfangreicher auf Loomio geführt, einem Open-Source-Tool zur Entscheidungsfindung in Gruppen. Dort geht es bereits um Geschäftsmodelle und die Frage, ob die Unterzeichner namentlich auftreten sollten – bislang ist die Petition weitgehend anonym.

Auch die Nutzerzahlen wachsen kaum noch

Dass es Twitter schlecht geht, ist kein Geheimnis. Gerade wurde bekannt, dass Twitters COO Adam Bain, der für den Geschäftsbetrieb zuständig ist, das Unternehmen verlässt. Erst im Oktober wurden Hunderte Mitarbeiter entlassen, die Video-App Vine soll eingestellt werden. Ein erfolgversprechendes Geschäftsmodell fehlt dem Unternehmen.

Die Twitter-Aktie liegt momentan bei 18 US-Dollar, Ende 2013 hatte sie mit rund 70 US-Dollar ihren Höhepunkt erreicht. Im letzten Quartalsbericht meldete Twitter zwar, der Umsatz sei um acht Prozent auf 616 Millionen US-Dollar gestiegen. Vor einem Jahr waren es noch 58 Prozent.

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Auch die Nutzerzahlen wachsen kaum noch. Twitter hat jeden Monat 317 Millionen Nutzer, Mitte des Jahres waren es noch 313 Millionen. In Deutschland sind laut eigenen Angaben jeden Monat zwölf Millionen Menschen auf Twitter, wobei unklar ist, wie viele davon tatsächlich eingeloggt sind und wie viele Menschen Tweets lesen, ohne eingeloggt zu sein. Viele Experten schätzen die Zahl als zu hoch ein.

Die ARD/ZDF-Onlinestudie geht von fünf Prozent der 58 Millionen deutschen Internetnutzer aus, also 2,9 Millionen Menschen, die auf Twitter sind. Zum Vergleich: 29 Millionen Menschen nutzen Facebook in Deutschland, das ist rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung. Weltweit sind jeden Monat rund 1,8 Milliarden Menschen auf Facebook. Die Konkurrenz ist für Twitter also groß, und eine Rettungsaktion wäre schwierig. Aber brauchen wir die 140-Zeichen-Plattform überhaupt?

Martin Emmer vom Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität in Berlin findet: Nein. „Unsere Medien sind doch so vielfältig aufgestellt, dass man notfalls auf ein Angebot wie Twitter verzichten könnte, zumal die Reichweite in Deutschland eher begrenzt ist“, sagt Emmer.

In Deutschland sei Twitter „ein sehr schmales Nischenmedium, das vermutlich weniger als eine Millionen regelmäßige Nutzer hat. Aber wenn man genauer hinguckt, dann sind das stark passive Leser. Für bestimmte politische und journalistische Eliten ist Twitter ein sehr angenehmes Medium des Austauschs. Aber es stellt keine allgemeine, breite und repräsentative Öffentlichkeit her wie andere klassische Massenmedien.“

Dafür sprechen auch die Zahlen der erfolgreichsten Twitter-Nutzer. Zu den reichweitenstärksten Twitteren gehören Prominente und Unternehmen. Über die Plattform kommunizieren sie direkt mit ihren Fans und ihrer Zielgruppe, ohne den müßigen Umweg über die Massenmedien gehen zu müssen. Laut dem Online-Tool twittercounter.com ist die Sängerin Katy Perry mit knapp 94 Millionen Followern weltweit die erfolgreichste Twitter-Nutzerin, dicht gefolgt von Justin Bieber, Taylor Swift und Barack Obama.

Auf der technischen Ebene ist Twitter einzigartig

In Deutschland hat der Fußballer Mesut Özil laut twittercounter.com mit rund 14 Millionen die meisten Follower. Der neue US-Präsident Donald Trump schätzt Twitter sehr, er hat 14,8 Millionen Follower und hat das Medium im Wahlkampf stark genutzt. Als US-Präsident will er sich zurückhalten.

Die meisten deutschen Twitter-Nutzer scheinen tatsächlich inaktiv zu sein. Eine Analyse des deutschen Software-Entwicklers Björn Schumacher zeigt, dass rund 70 Prozent der deutschsprachigen oder in Deutschland lokalisierten Konten inaktiv sind. Die übrigen rund 30 Prozent hatten innerhalb der vergangenen 90 Tage mindestens einen Tweet abgesetzt und gelten damit als aktiv. Bei insgesamt drei Millionen Twitter-Nutzen in Deutschland kalkuliert Schumacher die Zahl derer, die zwischen keinem und 50 Follower haben, auf rund 2,4 Millionen.

Für Twitter spricht laut Kommunikationswissenschaftler Martin Emmer allerdings seine technische Architektur. Denn anders als bei Facebook oder Blogs können auch Twitter-Nutzer, die keine Follower haben und noch nie getwittert haben, über Hashtags in eine öffentliche Debatte einsteigen und große Aufmerksamkeit erzielen.

Auf Facebook muss man mit einer Person befreundet sein, um deren Posts zu sehen. „Auf der technischen Ebene ist Twitter einzigartig. Wenn es verschwinden würde, wäre das ein Verlust“, sagt Emmer. „Aber natürlich würde dieser Verlust nicht die ganze demokratische Öffentlichkeit gefährden.“

Ob das Genossenschaftsmodell ökonomisch und organisatorisch erfolgreich sein kann, will Emmer nicht beurteilen. „Es kann durchaus sein, dass man ein paar Probleme in den Griff bekommt, wenn man nicht zwanghaft versucht, mit Twitter Umsatz zu machen.“ Dazu gehören Werbeanzeigen, die Twitter-Nutzer in ihrer Timeline angezeigt bekommen, weil das Unternehmen versucht, sich über Werbevermarktung tragfähig zu machen.

Wenn diese verschwänden, weil das Genossenschaftsmodell keine Anteilseigner mehr befriedigen müsse, so Emmer, wäre das auch für die Nutzer positiv. Auf Twitter findet das Genossenschaftsmodell viel Gegenliebe. Unter den Hashtags #WeBuyTwitter und #WeAreTwitter teilen Unterstützer die Petition.

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