Zweierlei Maß : Jugendschutz ist Ansichtssache

Was unterscheidet „Borgia“ im ZDF und den „Polizeiruf“ in der ARD, wenn es um drastische Bilder geht? Man muss kein Philister sein, um da ein Fragezeichen zu setzen.

„Geschichte kommt an“, jubelte das ZDF am gestrigen Freitag. Da lagen der Fernsehanstalt die Quoten zum Sechsteiler „Borgia“ vor. Mehr als fünf Millionen Zuschauer sahen im Schnitt zu. Und vor allem dieses Faktum machte den Seniorensender froh: „Die Serie kam auch sehr gut bei den Jüngeren an.“

Das ZDF zeigte eine geschnittene Fassung. Darin gab es Mord, Vergewaltigung, Unzucht, Folter, abgeschnittene Hoden wurden auf dem Silbertablett serviert. In der ungeschnittenen Fassung gab es Mord, Vergewaltigung, Unzucht, Folter, abgeschnittene Hoden wurden auf dem Silbertablett serviert. Die beiden Versionen unterschieden sich in der Drastik, in der Sache unterschieden sie sich nicht. Renaissance im Hardcore-Format.

Das ZDF hat die Blut-und-Sperma-Serie stets um 20 Uhr 15 gezeigt. Und keiner muss ein Philister sein, der da ein Fragezeichen setzt. Die öffentlich-rechtlichen Sender nehmen Jugendschutz ernst, unbenommen, das Fragezeichen rührt aus dem Umgang mit dem Jugendschutz her.

Dem Bayerischen Rundfunk war der „Polizeiruf 110: Denn sie wissen nicht was sie tun“ mit Matthias Brandt zu gefährlich für einen 20-Uhr-15-Termin, also wurde der Film in der Bildästhetik von 9/11 um einen Bombenanschlag auf Fußballfans am 23. September erst um 22 Uhr gezeigt. Begründet hatte Sabine Mader, die Jugendschutzbeauftragte des BR, ihre „dringende Empfehlung“ auf Verschiebung damit, dass bei Heranwachsenden unter 14 Jahren das „Risiko einer nachhaltigen Angsterzeugung“ bestehe.

Nun kann es sein, dass diese jungen Zuschauer den „Polizeiruf 110“ trotzdem gesehen haben; nun ist es möglich, dass keiner aus der Gruppe der unter 14-Jährigen „Borgia“ verfolgt hat. Ein Sender kann beim Einschaltverhalten immer nur von Wahrscheinlichkeiten ausgehen. Etwas anderes ist es, wie ein ausstrahlender Sender Programm und Jugendschutz aktiv zusammensieht. „Borgia“ war spekulatives Fernsehen: Möglichst viel Mord, Vergewaltigung, abgeschnittene Hoden etc. pp.. Und der Jugendschutz wurde gleich mit verspekuliert. jbh

1 Kommentar

Neuester Kommentar