Fahrbericht Nissan Qashqai 1.2 : Eile mit Weile

Stärken Super Ausstattung Top Preis-Leistungs-Verhältnis Viele Fahrerassistenzsysteme Schwächen Mit 19-Zöllern hölzernes Abrollen Keine Automatik lieferbar Verbrauch bei hohem Tempo

Vor sieben Jahren ersetzte Nissan die  glücklosen Kompaktwagen Almera und Tiida durch ein Auto, welches weder Geländewagen noch Kombi oder Hochdachlimousine war, von allem jedoch ein bisschen. Der Wagen war ein Wagnis, weil er in der populären Golf-Klasse in kein gängiges Raster passte. Deswegen fiel er auf und kam wohl gerade deswegen an. Über zwei Millionen Nissan Qashqai sind seit 2007 weltweit verkauft worden. Inzwischen hat der etwas andere Golf viele Nachahmer gefunden, die am Erfolg dieses Konzepts teilhaben wollen. Nissan konnte den Qashqai in der zweiten Generation zwar nicht neu erfinden, aber dennoch wieder neue Akzente in dieser Klasse setzen. So mit den meisten Fahrerassistenzsystemen, mit LED-Hauptscheinwerfern wie in der Oberklasse, mit exzellenten Sitzen dank NASA-Hilfe und mit neuen sparsamen Downsizing-Turbomotoren. Doch reichen die 115 PS des 1,2-Liter Basismotors aus, um das leer fast 1,4 Tonnen schwere SUV ordentlich zu bewegen? Das klärt unser Praxistest. 

AUSSEN UND INNEN

Der Eindruck täuscht: Auch wenn die zweite Generation des Qashqai optisch viel wuchtiger daher kommt, so ist  die Neuauflage nur zwei Zentimeter breiter, 4,7 Zentimeter länger, dafür aber 1,5 Zentimeter flacher als die Erstauflage. Dennoch wuchs die Kopffreiheit auf Vorder- und Fondsitzen um jeweils einen Zentimeter. Geblieben ist die erhöhte Sitzposition, weswegen Autos dieser Spezies ja so beliebt sind. Im Inneren stellt der Fahrer mit Wohlgefallen fest,  dass das Interieur mit scharfer Grafik und Sieben-Zoll-Berührungsbildschirm modern, die hochwertigen Kunststoffen wohnlich und die klaren Bedienelemente aufgeräumt wirken. Beim Platzangebot ist die erste Reihe über jede Kritik erhaben  und auch im Fond herrschen gute Raumverhältnisse;  selbst  zwei proper gebaute Menschen reisen dort bequem.

SITZEN UND LADEN

Selten hat der Autor in einem SUV dieser Preisklasse so vorzüglich gesessen. Während der Entwicklungsphase hatten Nissans Sitz-Designer Zugang zu medizinischen Analysedaten der NASA über Drücke und Blutfluss im unteren Rücken von Testpersonen, die in die Gestaltung der Polsterung einflossen. Auch im Fond gibt es keinen Anlass zu Klagen.

Die mögliche Zuladung von 460 Kilogramm reicht für die meisten Transportfälle gerade so aus. Die Anhängelast ist mit 1200 Kilogramm jedoch vergleichsweise gering. Zudem ist die Ladekante mit 78 Zentimeter recht hoch ausgefallen. Dafür entschädigt ein schlaues Gepäckmanagement. Ein Griff genügt und der Rücksitz faltet sich zusammen. Die Gepäckraumabdeckung lässt sich anschließend sicher und geschützt im Unterboden verstauen. Der serienmäßige zweiteilige Zwischenboden kann zum Teil aufgestellt werden,  um beispielsweise Einkaufstüten vor dem Verrutschen zu bewahren. Zudem ist der Qashqai kinderfreundlich, denn im Fond  lassen sich entsprechende Kindersitze mit den gut erreichbaren Isofix-Verankerungen leicht arretieren.

FAHREN UND TANKEN

Das Japan-SUV ist ein interessanter Gegenentwurf zum heutigen Zeitgeist des Schneller-Weiter-Höher-Sportlicher-Teurer.  Dieses neue Crossover-Modell macht nicht auf Sport um jeden Komfort-Preis. Vielmehr ein SUV, aus dem man auch nach 500 Kilometern entspannt aussteigt, ohne dass der Rücken vorher ein schmerzhaftes Alarmsignal an das Gehirn gesendet hat. Dennoch hat Qashqai Nummer zwei bei der Handlichkeit dank eines aufwendigen Fahrwerks einen Sprung nach vorn gemacht. Dieser neue Nissan-SUV fährt sich nun fast so locker wie ein Pkw, nur man sitzt eben eine halbe Etage höher.

Der Basismotor hingegen hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Der 1,2-Liter-Vierzylinder stammt von Renault und werkelt in mannigfaltigen Leistungs- und Drehmomentversionen auch in verschiedenen Modellen von Renault und Dacia. In einem kurz zuvor getesteten Dacia Duster überzeugte dieses hubraumkleine Triebwerk auf  ganzer Linie. Hier im Qashqai,  wo der Vierzylinder zehn PS und 15 Newtonmeter schwächer ist als im Dacia, gibt sich dieses Konzerntriebwerk überraschend lethargisch und wirkt vor allem an langen Autobahnsteigungen mit vier Personen an Bord überfordert. Im gegenüber dem Duster 100 Kilogramm schwereren Qashqai offenbart die 115-PS-Maschine zudem zwei Gesichter: Sehr sparsam im Teillastbereich, richtig durstig im höheren Drehzahlbereich. Wer sich zurück hält, kaum über Landstraßentempo 100 fährt, wird mit sehr guten Verbrauchswerten um die sechs Liter belohnt. Wer hingegen auf der Autobahn, noch dazu mit voller Zuladung, deutlich über 120 km/h fährt, muss mit Werten von über zehn Litern rechnen. Nein, ein Autobahn-Langstreckenauto ist der ansonsten sehr angenehm zu fahrende Qashqai mit diesem Basismotor nicht. Daher lieber Eile mit Weile in diesem Modell. Man kommt halt etwas später an, aber dafür entspannt! Unser Tipp: Wer oft mit vier Personen und Gepäck fährt oder häufig lange Autobahnstrecken zurücklegen muss, sollte auf den angekündigten neuen 163-PS-Turbobenziner warten, der Ende des Jahres starten soll. Im Schnitt kamen wir auf der insgesamt 1700 Kilometer langen Testfahrt auf einen Praxisverbrauch von 7,1 Litern Super E10, 1,5 Liter über dem unrealistischen Normwert von 5,6 Litern. Übrigens: Nachtfahrten sind mit dieser Tekna-Version im wahrsten Sinne des Wortes die helle Freude. Denn die serienmäßigen LED-Lampen schlagen eine taghelle Schneise in die Dunkelheit; man fährt fast wie am Tage.

HÖREN UND SEHEN

Der neue Qashqai gehört zu den Leisetretern unter den SUV. Die verwendeten Dämmstoffe sorgen für ein ohrenfreundliches Geräuschniveau. Erfreulicherweise fallen die Abrollgeräusche der 19-Zoll-Räder moderater aus als befürchtet. Und der Turbobenziner von Renault läuft auch in diesem Nissan schön kultiviert,  kennt keine Vibrationen und bleibt selbst beim Ausdrehen, was er allerdings nicht mag, auf der kultivierten Seite. Weil das Armaturenbrett für ein Auto dieser Art ungewöhnlich flach baut, hat man einen freien Blick nach vorn auf die geschwungene Motorhaube. Schräg nach hinten ist die Sicht wegen der dicken C-Säule allerdings recht dürftig. Doch das kompensiert  die sehr gute Rückfahrkamera mit den hilfreichen Einparklinien, die in der Tekna-Version  Serie ist. Und wer will, kann das Auto automatisch längs einparken lassen, ebenfalls serienmäßig.

WÄHLEN UND ZAHLEN

Es gibt den All-inklusive-Urlaub – und es gibt in gewisser Weise auch das All-inklusive-Auto, wie Nissan mit der Tekna-Version des Qashqai beweist, die mit 27450 Euro in der Preisliste steht. Da ist schon alles drin – zu einem Preis, den andere Anbieter als Dumping bezeichnen würden. Zum Vergleich: Ein ähnlich ausgestatteter VW Tiguan ist gut 9000 Euro teurer! Für konkurrenzlos günstige 650 Euro gibt es ein ganzes Paket an Fahrerassistenzsystemen, die bei anderen Herstellern ein Mehrfaches kosten: Bewegungserkennung, intelligenter Einparkassistent, Müdigkeitserkennung, Totwinkelwarner und Autonomer Notbrems-Assistent. Letzterer reagiert in Verbindung mit einem Abstandsradar in drei Stufen auf einen drohenden Unfall. Reagiert der Fahrer nicht auf die akustische Warnung, bremst der Automat ab. Serie sind weiterhin ein riesiges Glas-Ausstelldach mit Jalousie, einfache Smartphone-Anbindung und schicke 19-Zoll-Räder. Wer sich mit weniger zufrieden geben kann, bekommt den Qashqai 1.2 DIG-T mit 115 PS in der Visia-Ausstattung schon für 19940 Euro. Unter anderem mit Klimaanlage, Radiosystem, Freisprecheinrichtung, Berganfahr-Assistent, Fünf-Zoll-Farbdisplay, Tempomat mit Geschwindigkeitsbegrenzer und Reifendruck-Überwachung. Was will man eigentlich mehr?

GUTES UND SCHLECHTES

Nach unserem Praxistest über gut 1700 Kilometer steht fest: Nissan wird mit der zweiten Generation die Erfolgsgeschichte der ersten nicht nur fortschreiben, sondern ihre eine neue folgen lassen. Denn dieses schnittige SUV ist eine erfrischende Alternative zum langweiligen Golf. Harmonisches Fahrwerk und leiser, wenn auch schwacher Motor, passen zum entspannten Charakter dieses SUV,  das optisch was her macht.

Leider lässt einen Nissan keine Wahl bei der Wahl seines eigenen Modells. Lediglich für die Topversion Tekna sind die hilfreichen Fahrerassistenzsysteme  lieferbar. Aber diese Topversion wird stets mit 19-Zoll-Rädern geliefert. Diese dicken Schlappen sehen zwar toll aus,   beeinträchtigen jedoch den Fahrkomfort auf schlechten Straßen nachhaltig. Abwählen kann man sie nicht. Warum eigentlich nicht?! 

Stärken

Super Ausstattung

Top Preis-Leistungs-Verhältnis

Viele Fahrerassistenzsysteme

Schwächen

Mit 19-Zöllern hölzernes Abrollen

Keine Automatik lieferbar

Verbrauch bei hohem Tempo

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