Praxistest Mercedes S 400 Hybrid : Auf die milde Art

„Das Beste oder nichts“, so der Werbespruch von Mercedes. Wenn das bei einer Baureihe umgesetzt werden sollte, dann bei der S-Klasse. Wir sind den Mercedes S 400 Hybrid gefahren.

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Klassisch-modern: Der Mercedes S 400 Hybrid verströmt Souveränität. Nicht so aufregend wie das Coupé, aber stilsicher.
Klassisch-modern: Der Mercedes S 400 Hybrid verströmt Souveränität. Nicht so aufregend wie das Coupé, aber stilsicher.Foto: Hersteller

Das beste Auto der Welt. Tiefstapelei sieht anders aus, aber unter diesem Claim hat Daimler vor zwei Jahren die neue S-Klasse eingeführt. Eindrucksvoll das Ganze auf dem Gelände von Airbus in Hamburg. Das sind hohe Ansprüche, die das Auto allerdings in zahlreichen Test durchaus mit Leistung unterlegt hat. Wir stehen vor dem Mercedes S 400 Hybrid. Der trägt sogar noch ein grünes Lichtlein vor sich her, denn die Luxuslimousine fährt mit elektrischer Unterstützung, sollte also recht sparsam unterwegs sein. 6,3 Liter verspricht der Prospekt. Respekt! Schaun mer mal, würde ein gewisser Franz B. sagen.

Außen und Innen

5,12 Meter Außenlänge, 1,90 Meter Breite und 1,49 Meter Höhe – das sind die Eckdaten in denen die S-Klasse ihren Luxus aufbaut. Das Design des Mercedes S 400 Hybrid außen ist klassisch-modern und verströmt jene Souveränität, welche dieses Modell schon immer beherrscht hat. Nicht so aufregend wie das Coupé, aber immer stilsicher. Das haben Designchef Gorden Wagener und sein Team schon gut hingekriegt. Der Pulsschlag steigt jetzt nicht auf ungeahnte Höhen. Aber dafür hat Mercedes ja auch andere Modelle im Portfolio.

Ähnliches lässt sich über den Innenraum sagen. Holzapplikation auf dem Lenkrad, ein Klassiker bei S-Klasse, sind unvermeidlich. Der geschwungene Armaturenträger sieht richtig gut aus, wird von Chrom-Lüftungsdüsen beherrscht. Darüber thront aber das Meisterstück der Stuttgarter: Ein voll digitales Cockpit, das welches das gigantische Display im Format 16:9 gleich mit integriert. Wirkt der Rest des Interieurs schon sehr klassisch, so wird es mit diesem Hightech-Trum fast schon wieder technoid.

Sitzen und Laden

Platz sollte in einem solchen Auto kein Thema sein. Ist es auch nicht. Die vier vorgesehenen Passagiere können, im wahrsten Sinne des Wortes, die Beine ausstrecken. Vorne schränkt der breite Mitteltunnel die Bewegungsfreiheit zur Mitte hin vielleicht etwas ein. Darunter sitzen nicht nur, wie sonst üblich, Kardanwelle und das angeflanschte Getriebe. Dazwischen versteckt sich auch der scheibenförmige Elektromotor, der platzsparend im Wandlergehäuse versteckt ist. Mehr Platz als sonst braucht er deshalb nicht.

Und hinten? Ist ja schließlich wichtig für ein Auto, bei dem sich die meisten Besitzer, zumindest in Asien und den USA, lieber chauffieren lassen statt selbst in Lenkrad zu greifen. Kurz gesagt: Überfluss pur. Die beiden Einzelsitze lassen sich fast bis in die Waagerechte absenken, für jeden steht ein eigener Monitor bereit und besser sitzen lässt es sich kaum. So ziemlich jede Ikea-Couch ist unbequemer als diese Sessel. Ebenso wie vorne wird hier massiert, dutzende Stellmotörchen bringen eine Vielzahl von Einzelelementen so in Position, dass selbst der feinfühligste Passagier hier eine Bequeme Position finden kann. Zugegeben, das machen alle Luxuslimousinen ähnlich gut. Nur hier lässt sich das Ganze noch einen Tick filigraner austarieren. Wer das beste Auto der Welt bauen möchte, der muss eben überall eine Schippe drauflegen.

Fahren und Tanken

Kommen wir zum interessantesten Teil des Tests. Denn dass die S-Klasse Luxus kann, das wussten wir schon vorher. Spannend ist aber zu sehen, wie bei einem knapp zwei Tonnen schweren Gefährt Hybridantrieb interpretiert wird. Vorne unter der Haube werkelt ein V6-Benziner mit einem Hubraum von 3,5 Liter. Der würde alleine die Fuhre schon sehr gut bewegen und ist neben dem Diesel der einzige Sechszylinder, der für die S-Klasse zur Verfügung steht. Dazu gesellen sich niedliche 27 PS aus besagtem Elektromotor, der seine Batterie hinten im Heck versteckt. Die Kombination klingt erst mal witzig und nicht sonderlich sinnvoll. Doch wir sollten eines Besseren belehrt werden.

Der Elektromotor ist nämlich zeitgleich auch Anlasser und Lichtmaschine. So macht das Ganze denn schon mehr Sinn, denn das einzige Mehrgewicht für den Hybridantrieb stellt die Batterie dar. Im Gegenzug darf man von dem Schwaben keine längeren Strecken rein elektrisches Fahren erwarten. Mild Hybrid ist das zugrundeliegende Konzept, das eben eine begrenzte elektrische Unterstützung fürs Fahren verspricht und dafür wenig bauliche Nachteile mit sich bringt.

Luxus beim Fahren: Dank der guten Luftfederung bleibt das Fahrwerk butterweich und stabilisiert den Mercedes S 400 Hybrid trotzdem sanft. Die Siebengang-Automatik-Schaltung arbeitet überaus geschmeidig, ebenso wie der Wechsel von Elektroantrieb zum Benziner.
Luxus beim Fahren: Dank der guten Luftfederung bleibt das Fahrwerk butterweich und stabilisiert den Mercedes S 400 Hybrid trotzdem...Foto: Hersteller

Unsere ersten Testkilometer führen durch den morgendlichen Stadtverkehr Berlins. Die übliche Route: Schule, Kindergarten und schließlich ins Büro. Schnell wird der Vorteil des E-Starters erkennbar. Sanft zieht er aus dem Stand los, aber schon nach geschätzten 20 Metern springt der V6-Benziner zur Seite. Dass es dem Senken des Verbrauchs zuträglich ist zeigt sich aber schon nach der ersten Runde Cityverkehr mit einer Länge von rund zwölf Kilometern. Mit 8,5 Litern sind wir laut Bordcomputer unterwegs gewesen. Das kann sich schon mal sehen lassen. Den kombinierten Normverbrauch gibt Daimler vage mit einem Wert zwischen sechs und sieben Liter an. In der Stadt sollen es zwischen 7,5 und 6,3 Liter sein. Da solche Werte ja bekanntermaßen Schall und Rauch sind, stellt der erste Messwert zufrieden. Zumal er sich auf weiteren Fahrten als recht stabil erweist.

Fahren wir also mal raus. Hybride haben in der Stadt ihre Stärken, die S-Klasse nutzt man aber gerne zum Reisen. Bei all dem Luxus lässt es sich kaum bequemer von A nach B kommen. Die B96 Richtung Süden dient uns als Ausfallstraße. Autobahnähnliche Verhältnisse bis kurz nach Ludwigsfelde. Hier surrt der Luxusdampfer stabil mit 120 km/h und einem Verbrauch von 6,5 Liter dahin. Zugegeben, hier haben Dieselantriebe eindeutig Vorteile. Ein moderater Diesel würde hier wohl unter fünf Liter fahren. Aber für einen großvolumigen V6 ist das Ergebnis bis nach Luckenwalde doch in Ordnung.

Übrigens geht Luxus auch beim Fahren. Denn die Luftfederung dämmt aktiv das Wanken der Karosse auf kurvenreichen Landstraßen ein. So bleibt das Fahrwerk federweich und stabilisiert doch den Mercedes S 400 Hybrid derart sanft, dass es eine Freude ist. Dazu zelebriert die Automatik die sieben verfügbaren Gänge rauf und runter, ohne dass es im Innenraum irgendjemand mit bekäme. Nicht mal an den Drehzahlen des Motors, denn davon ist in der S-Klasse so gut wie nichts zu hören. Auch der Übergang von Elektroantrieb zum Benziner geht standesgemäß geschmeidig vonstatten.

Auf dem Rückweg nehmen wir die Autobahn. Denn der Mercedes S 400 Hybrid soll nicht nur sparen, sondern auch boosten. Sprich, der E-Motor, wird er denn gefordert, soll zusätzlichen Vortrieb verschaffen. Nun darf man sich auch an dieser Stelle nicht zu viel versprechen. Erinnere, wir reden von 27 PS Zusatzleistung. Aber wenn das Leistungsdiagramm im Cockpit den einsetzenden E-Motor anzeigt, dann geht es tatsächlich noch ein bisschen flotter nach vorne. Die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h wird mit 6,8 Sekunden angegeben. Das ist glaubhaft und zum Beispiel fast eine Sekunde schneller als beim Diesel-Hybrid S 300, der mit einem Vierzylinder auskommen muss. In der Summe dieser Fahrt messen wir einen Verbrauch von 8,6 Liter. Das kann sich sehen lassen, da der Bordcomputer bei der Hochgeschwindigkeitsfahrt auf der Autobahn durchaus auch zweistellige Werte vor dem Komma anzeigte.

Hören und Sehen

Es gibt nichts, was es nicht gibt in dieser S-Klasse. Daher haken wir dieses Kapitel mal recht kurz ab. Die Armada an Assistenten aufzuzählen würde mindestens einen eigenen Bericht füllen. Es sei gesagt, dass die Fahrfunktionen des teilautomatisierten Fahrens einwandfrei funktionieren. Der Spurhalteassistent halt den Mercedes S 400 Hybrid auf Kurs, der adaptive Tempomat den Abstand zum Vordermann korrekt ein und das Notbremssystem zeigt sich allzeit bereit. Nimmt man die Hände vom Steuer, dann meckert der Benz nach einigen Sekunden und mahnt zur Wachsamkeit. Das ist die gesetzliche Lage, aber das Auto suggeriert: Eigentlich könnte ich auch ohne dich, Fahrer. Und das macht er absolut glaubhaft.

Mild Hybrid: Vorne unter der Haube werkelt ein V6-Benziner mit einem Hubraum von 3,5 Liter. Dazu gesellen sich niedliche 27 PS aus einem Elektromotor, der seine Batterie hinten im Heck versteckt.
Mild Hybrid: Vorne unter der Haube werkelt ein V6-Benziner mit einem Hubraum von 3,5 Liter. Dazu gesellen sich niedliche 27 PS aus...Foto: Hersteller

Die restlichen Kriterien: Der Rundumblick ist ordentlich im Mercedes S 400 Hybrid, nur nach hinten wird es durch das recht hohe Heck schwierig. Aber da, sie erraten es, gibt es Rückfahrkamera, akustische Warnungen und natürlich auch einen Parkassistenten. Das Infotainment ist vom Feinsten, die Darstellung durch das hochauflösende Display top.

Wählen und Zahlen

Der Mercedes S 400 Hybrid ist mit 87.168 Euro eingepreist. Damit ist das Modell, halten sie sich fest, fast die Einstiegsvariante. Nur der Diesel S 350d, mit oder ohne Allrad, und der S 300 Hybrid sind noch ein paar Tausender günstiger. Gut, wer eine S-Klasse ordert, der sollte schon ein bisschen was in der Portokasse haben. Daher ist die Preisgestaltung bei diesem Auto eben relativ. Zumal in unserem Testwagen noch Sonderausstattungen im Wert einer ordentlichen C-Klasse installiert waren. Das Nachrechnen haben wir irgendwann aufgegeben und den Wert des Testwagens auf runde 120.000 Euro taxiert. Bei solchen Zahlen braucht man nun auch nicht auf die Kleinlichkeiten in der Liste der Sonderausstattungen einzugehen. Es wird wohl jeder Kunde bei dieser Baureihe Extras im Wert von 20.000 Euro und mehr ordern. Wenn schon, denn schon.

Gutes und Schlechtes

Das beste Auto der Welt? Superlative sind immer Ansichtssache und Geschmack immer persönlich. Zweifellos taugt aber die S-Klasse an sich für die Kategorie Luxuslimousine für das ein oder andere Superlativ. Sie ist das Flaggschiff, die Krone der Modellpalette. Und wieviel Mühe sich Daimler gegeben hat diesen Anspruch zu untermauern, zeigt sich an jeder Naht, an jedem Fetzen Leder, an jeder Lüftungsdüse und jeder technischen Finesse, die das Auto hat.

Der Mercedes S 400 Hybrid kann daneben durch seine Antriebskombination durchaus überzeugen. Selbst wenn der Verbrauch bei der Kundschaft weniger eine Rolle spielen dürfte, für einen grünen Anstrich der Luxuskarosse reicht es allemal. Denn in der Summe fährt der V6-Benziner mit seinem Elektro-Kumpel mindestens so ökonomisch wie ein entsprechender Diesel. Da sich die wenigsten Vorstände und Manager dazu werden hinreißen lassen eine Ladesäule zu suchen und einen Stecker in ihre S-Klasse zu stecken, ist der Mild-Hybrid dieses Modells wahrscheinlich sogar die sinnvollste Variante für die S-Klasse. Und egal, ob es das beste Auto der Welt ist oder nicht. Allein die Gewissheit, dass es besser kaum geht, dürfte ja schon genügen.

Autor

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

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