Alles Lüge : Die Hitler-Tagebücher (1983)

Es sollte ein Jahrhundertfund sein, es wurde ein Debakel: Im April 1983 präsentierte der „Stern“ die angeblichen Hitler-Tagebücher. Die größte Fälschung aller Zeiten? Da gibt es noch ganz andere Fälle.

Andreas Austilat

Wahrscheinlich war es die teuerste Geschichte, die jemals in einer deutschen Zeitschrift erschien: 9,34 Millionen DM zahlte der „Stern“ 1983 und präsentierte dafür am 25. April voller Stolz 60 Tagebücher aus der Hand des Führers – so stand es jedenfalls auf dem rot gesiegelten Einband: „Eigentum des Führers“, darüber der Hinweis „streng geheim“, rot unterstrichen und mit Ausrufezeichen.

„Die Geschichte des Dritten Reiches muss umgeschrieben werden“, verkündete der damalige Chefredakteur Peter Koch. War ja keinem klar, wie schlimm der Führer unter Verdauungsproblemen litt. Obwohl, ein paar Fragen blieben offen, die goldenen Initialen auf dem Einband zum Beispiel, „F H“. Hieß der Mann nicht Adolf mit Vornamen? Oder stand „F H“ für „Führer Hitler“?

Die heiße Ware war angeblich im April 1945 per Flugzeug vom Himmel gefallen und hatte bei Dresden eine Weile im Wald gelegen, bevor Gert Heidemann ihrer habhaft wurde. Der „Stern“-Starreporter schien prädestiniert dafür, in dieser Sache den richtigen Riecher zu haben, zählte einen ehemaligen SS-General zu seinem Bekanntenkreis, nannte Görings Privatjacht sein eigen, und Görings Tochter war seine langjährige Freundin. Bei so viel Sachverstand und der Aussicht auf glänzende Rendite – die auf Nazidevotionalien versessene Auslandspresse von „Sunday Times“ über „Time“ bis „Paris Match“ war gern bereit, ebenfalls viel Geld für den Nachdruck auszugeben – brannten bei den Verantwortlichen beim „Stern“ alle Sicherungen durch.

Eine weitere Folge erschien noch, dann brach die Geschichte über der Illustrierten zusammen. Nicht der Führer, sondern Konrad Kujau, Künstler und vor allem begnadeter Kopist, hatte das Tagebuch verfasst. Alles falsch, befanden die Experten von Bundeskriminalamt und Bundesanstalt für Materialprüfung, Papier, Tinte und Einband. Und auch der Inhalt hielt keiner Überprüfung stand. „Grotesk“, urteilte der Präsident des Bundesarchivs und verwies zum Beispiel auf die Dankesworte, die Hitler angeblich zu seinem 50. Eintrittsjubiläum bei der Reichswehr fand, im Alter von 48.

Kujau und Heidemann wurden jeder zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt, den „Stern“-Verantwortlichen sprach das Gericht aber erhebliche Mitschuld zu. Zumindest ein Teil der über neun Millionen DM tauchte nie wieder auf.

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