Berliner Philharmoniker : Aus der Note geboren

Sie sind das unabhängigste Orchester der Welt: Die Berliner Philharmoniker wählen Dirigenten und Musiker selbst aus. Doch für diese Freiheit mussten sie seit der Gründung 1882 kämpfen.

Frederik Hanssen

BerlinAlles beginnt mit einer Niederlage. Als die Konzertdirektion Wolff für den Januar 1882 ein Gastspiel der Meininger Hofkapelle in Berlin ankündigt, lächeln die Hauptstädter: Da greift wohl ein Provinzorchester nach den Sternen! Doch als die 50 Musiker aus Thüringen ihre Instrumente ansetzen und sich unter der Leitung von Hans von Bülow in Beethovens Schicksals-Sinfonie stürzen, bleibt dem Publikum die Spucke weg.

Solch Präzision und Konzentration hat man in Preußen noch nicht erlebt! „Da erfuhr man plötzlich, teils mit Bewunderung, teils mit Schrecken, dass in den Darbietungen unserer Berliner Orchester bisher ein heilloser Schlendrian geherrscht hatte“, schreibt der Dirigent Siegfried Ochs. „Die Beethovenschen Sinfonien, die man längst zu kennen glaubte, wirkten wie neue Werke, man stand vor Offenbarungen, die man nicht für möglich gehalten hätte.“

Das triumphale Gastspiel ist vor allem eine Genugtuung für Hans von Bülow. Als er 1879 nach Meiningen geht, hat er ein klares Ziel vor Augen: Der „Spree-Mediocrität“ etwas entgegenzusetzen, die Preußen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, indem er seine Instrumentalisten mit militärischem Drill zu „bombenfester Sicherheit“ noch in den heikelsten Passagen erzieht: Allein für den Beethoven-Zyklus werden 200 Proben angesetzt.

In Berlin kann nun nichts so bleiben wie zuvor, das spüren auch die Musiker der Bilseschen Kapelle, dem nach der königlichen Staatskapelle zweitwichtigsten Orchester der Stadt. Eine neue Epoche bricht an – und der konkrete Auslöser ist, wie so oft, denkbar prosaischer Natur: Benjamin Bilse, der seit 1842 als dirigierender Unternehmer sein Orchester betreibt, ist für seinen Geiz berüchtigt. Sieben Tage in der Woche jagt er in der Wintersaison seine Truppe auf die Bühne, im Sommer geht es auf ausgedehnte Konzertreisen. Als der Maestro seinen Angestellten kurz vor der 1882er Tournee nach Warschau – Hin- und Rückfahrt selbstverständlich 4. Klasse – neue Verträge vorlegt, die eine massive Kürzung des bescheidenen Gehalts von rund 500 Mark vorsehen, kommt es zur Revolte. 50 der 56 Musiker lassen die 24-Stunden-Frist für die Unterschrift verstreichen, werden gefeuert und gründen keine zwei Wochen später ein eigenes Ensemble. Unter notarieller Aufsicht geben sie sich eine Satzung und wählen einen dreiköpfigen Vorstand. Die erste deutsche „Orchesterrepublik“ ist geboren.

Zunächst heißt sie noch „ehemals Bilsesche Kapelle“, zu einem eigenen Namen inspirierte die Truppe erst ihre feste Spielstätte, die Philharmonie in der Bernburger Straße, nahe des Potsdamer Platzes. Eigentlich war der Saal 1877 als Rollschuhbahn konzipiert worden. Schnell installiert man eine provisorische Bühne, auf den vorhandenen Parkettboden werden Stühle gestellt. Da sich die Akustik als konzerttauglich erweist, wird schon nach zwei Jahren die Innenausstattung angepasst: Ganz nach dem Geschmack der Zeit lässt man die Wände überreich mit Stuck verzieren, die Hauptfarben Gold und Blau etablieren sich als optisches Markenzeichen des „Philharmonischen Orchesters“.

Gerne verweisen die Wiener Philharmoniker darauf, dass sie bereits 40 Jahre vor dem spektakulären Befeiungsschlag der Bilse-Musiker eine Vereinigung zur autonomen Durchführung von Sinfoniekonzerten gegründet haben. Die Österreicher sind als Angestellte der Staatsoper allerdings finanziell abgesichert. Die Berliner hingegen müssen sich von der ersten Stunde an als Anbieter auf dem freien Markt durchschlagen. Viele Jahre lang funktioniert das nur nach dem Prinzip der Selbstausbeutung.

Zwar kommt 1882 die Unterstützung von allen Seiten: Komponisten und Dirigenten stiften Notenmaterial, Musikalienhändler gewähren Kredit für die Beschaffung von Instrumenten, und der Konzertagent Hermann Wolff steht den Umstürzlern mit Management-Knowhow zur Seite. Bereits am fünften Tag der Unabhängigkeit findet der erste Auftritt des neuen Orchesters zusammen mit dem Stern'schen Gesangsverein statt. Doch am Ende der ersten Saison steht das Orchester am Rand des Ruins. Nur als Begleitorchester der vier großen Berliner Chöre und dank einer Kooperation mit der Musikhochschule überlebt es die ersten Jahre. Bis 1912 verdienen sich die Musiker als Kurkapelle im Seebad Scheveningen jeden Sommer ein Zubrot.

Nach dem Vorbild der Bilseschen Donnerstags-Auftritte, bei denen weniger der Musikgenuss im Vordergrund stand als vielmehr die Möglichkeit für Bürgerstöchter im heiratsfähigen Alter, angemessene Bekanntschaften zu machen, gestalten die Philharmoniker ihre „populären Konzerte“: Soireen, bei denen auch Speisen und Getränke serviert werden. „Während die Klänge rauschten, wurde der Wirtschaftsbetrieb nicht abgestellt“, erinnert sich Gerhard Hauptmann, „nur dass die Kellner auf leisen Sohlen einher schritten und sich mit den Gästen nur pantomimisch verständigten“.

Wollen sie künstlerisch frei bleiben, wird den Musikern klar, müssen sie im Bereich der Organisation die Selbstbestimmung zumindest partiell abtreten. Zum heimlichen Intendanten steigt darum der Konzertagent Hermann Wolff auf, der von Franz Liszt bewundernd als „Oberbefehlshaber aller musikalischen Celebritäten“ gerühmt wird. Er hält den Musikern für ihre künstlerische Arbeit den Rücken frei, kümmert sich um Werbung und Kartenverkauf, um Gastauftritte und Verträge.

Dafür darf Wolff auch bestimmen, wer bei der niveauvollen Abonnement-Reihe den Taktstock in die Hand bekommt – schließlich trägt er das finanzielle Risiko. 1887 gelingt ihm ein Coup mit der Verpflichtung Hans von Bülows. Der Maestro, der einst die Meininger zum Weltorchester gemacht hatte, formt nun die Berliner stilistisch zur EliteTruppe. Nach Bülows Tod 1894 zeigt Wolff mit der Wahl von Arthur Nikisch wieder den richtigen Riecher: Der ungarische Maestro mit dem feurigen, sinnlichen Dirigierstil wird das Orchester 25 Jahre leiten.

1911 gelingt es den Musikern erstmals, eine bescheidene Summe von der Berliner Stadtverordnetenversammlung zu erhalten: 60 000 Mark jährlich, die Hälfte dessen, was Aachen für sein Orchester ausgibt. Als Gegenleistung für die Subvention müssen sie lediglich sechs kostenlose Schülerveranstaltungen sowie 40 Konzerte zu ermäßigten Preisen von 30 Pfennig geben.

Nach Nikischs Tod 1920 entscheidet Louise Wolff, die die Geschäfte ihres verstorbenen Mannes übernommen hat, überraschend, den 36-jährigen Wilhelm Furtwängler an die Spitze der Philharmoniker zu berufen. Privat eher kühl und distanziert, schlägt Furtwängler auf dem Podium Musiker wie Publikum gleichermaßen in seinen Bann: Als „Hypnotiseur“ beschreibt ihn sein Nachfolger Sergiu Celibidache. Interpretatorisch nimmt er sich größte künstlerische Freiheiten heraus. So ungenau und fahrig er dabei den Taktstock führt, so unnachahmlich gelingt es ihm, die Musik im Moment der Aufführung atmen zu lassen. Dass Beethoven im Zentrum seines Denkens steht, dass er die großen deutschen Meister von Bach bis Bruckner am liebsten dirigiert, macht ihn nicht nur zum weltweit verehrten Lordsiegelbewahrer des nationalen Kulturerbes, sondern lässt ihn fatalerweise auch so interessant für die Nationalsozialisten werden.

Die Wirtschaftskrisen der 20er Jahre lassen das Orchester von einer Notlage in die nächste taumeln. 1926 haben die Philharmoniker 90 000 Reichsmark Schulden, Ende 1929 bereits 480 000. Versuche, eine Unterstützung durch die Stadt oder das Reich zu erhalten, scheitern immer wieder, obwohl sich die Philharmoniker zu weitreichenden Eingriffen in ihre Autonomie bereit erklären. Aber mit der strauchelnden Weimarer Republik ist nicht mehr ins Geschäft zu kommen. 1930 überweist die Regierung statt der angekündigten 120 000 Reichsmark nur 8000, die Musikergehälter werden erst um sechs, dann noch einmal um weitere zwölf Prozent gekürzt. Eigentlich müsste das Orchester Konkurs anmelden.

1933 wendet sich Furtwängler umgehend an die Nationalsozialisten. Er will sein Arbeitswerkzeug retten, die Philharmoniker, die er sich so ganz nach seinem Willen geformt hat. Joseph Goebbels erkennt sofort das Propagandapotenzial, das in diesem Symbol deutscher Hochkultur liegt, und greift zu. Noch bevor sein Ministerium offiziell eingerichtet ist, hat er bereits die laufenden Defizite des Orchesters ausgeglichen.

Furtwängler verkauft die „Orchesterrepublik“ an die Nazis, die aus den Philharmonikern Beamte machen und das „Reichsorchester“ zu ihrem wichtigsten kulturellen Botschafter. Die Betroffenen halten still. „Der Irrtum der Musiker bestand im Glauben, die Freiheit ließe sich teilen und in der Kunst bewahren, während sie im Leben längst verloren war“, schreibt Wolf Lepenies im Vorwort zur gerade erschienenen Untersuchung „Das Reichsorchester. Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus“ von Misha Aster. Die Philharmoniker werden direkt der Aufsicht Joseph Goebbels unterstellt, fortan nennt dieser sich „Schirmherr“ des Orchesters. Seine eigennützige Fürsorgepflicht nimmt der Propagandaminister so ernst, dass er die Musiker nach Kriegsbeginn mit einem doppelten Unabkömmlichkeitsvermerk vor dem Zugriff der Armee schützt.

Alle aktiven Mitglieder übergeben ihre GmbH-Anteile und damit auch ihr Recht auf Selbstverwaltung 1934 dem Reich. „Herr Reichsminister Dr. Goebbels“, schreibt Furtwängler in einer Mitteilung zur Übernahme, „hat an diese Zusicherung die Bedingung geknüpft, dass mir die absolute Führung des Orchesters in künstlerischer wie personeller Hinsicht übertragen ist.“

Da täuscht sich der Maestro allerdings. Denn Goebbels sorgt dafür, dass nicht nur die Zusammenarbeit mit der jüdischen Konzertdirektion Wolff beendet wird, sondern lässt auch Furtwänglers Vertraute Berta Geissmar, ebenfalls eine Jüdin, aus dem Orchestermanagement entfernen. 1934 wird der Gleichschaltungs-Spezialist Karl Stegmann zum zweiten Geschäftsführer berufen.

1933 waren unter den 100 Musikern vier Juden. Drei von ihnen gehen ins Ausland, bald nachdem die Nazis an der Macht waren; der Geiger Gilbert Back wird 1935 für erstaunliche 16 000 Reichsmark aus seinem Vertrag gekauft. Bei den „Halbjuden“ und Musikern mit jüdischen Ehefrauen zeigt sich Goebbels großzügig. Und von ideologischen Attacken bleibt sein liebstes Propagandaspielzeug verschont. Während 1943 bei den Wiener Philharmonikern 42 Prozent der NSDAP angehören, sind bei den Berlinern nur 15 Parteimitgliedschaften dokumentiert.

Das letzte Konzert für die Nazis findet am 16. April 1945 statt, kurz darauf liefern die Philharmoniker die Musik für die „Stunde Null“: Am 26. Mai dirigiert Leo Borchardt im Steglitzer Titania-Palast Werke der unter den Nazis verbotenen Komponisten Mendelssohn-Bartholdy und Tschaikowsky. Einem Entnazifizierungsverfahren muss sich nur Wilhelm Furtwängler unterziehen.

Furtwängler wird als „Mitläufer“ eingestuft und könnte seine Funktion wieder einnehmen. Doch die Zusammenarbeit gestaltet sich schwierig, der Star fühlt sich in der zerbombten Stadt unwohl, immer häufiger sagt er ab und zieht die Wiener Philharmoniker (und ihre lukrativen Schallplattenaufnahmen) vor. Am 30. November 1954 steht das Orchester plötzlich ganz ohne künstlerischen Leiter da: Furtwängler stirbt, und just an diesem Tag überwirft sich sein Interims-Nachfolger Celibidache mit den Musikern.

Herbert von Karajan wird der neue Hausgott auf Lebenszeit werden: Die 34 Jahre währende Ära Karajan wird sich als ein weiteres goldenes Zeitalter der Philharmoniker herausstellen, künstlerisch und ökonomisch: Zu keiner Zeit haben die Musiker so gut von ihrer Kunst leben können wie unter der Ägide des genialischen Selbstvermarkters. 800 Tonträger bringt der Maestro, der nie einen festen Wohnsitz in Berlin hatte, mit dem Orchester heraus.

Als freie Wahl mag man Karajans Ernennung aber kaum bezeichnen, da fällt die „Orchesterrepublik“ hinter die Gepflogenheiten in der jungen Bundesrepublik zurück. Es existiert zwar eine Resolution vom 13. Dezember 1954, in der sich der Orchestervorstand für den österreichischen Maestro ausspricht, doch es ist unklar, ob diesem Brief eine Vollversammlung vorausgegangen ist. Von den noch lebenden Musikern der damaligen Zeit kann sich jedenfalls keiner an eine Abstimmung im Plenum erinnern.

Die erste demokratische Wahl eines künstlerischen Leiters findet somit erst im 107. Jahr der Philharmoniker statt, nach Karajans Tod am 16. Juli 1989. Diesmal entwickeln die Musiker ein Verfahren, das dem Auserkorenen garantiert, von zwei Dritteln des Ensembles gewollt zu sein. Es gelingt den Musikern tatsächlich, die lauernden Journalisten abzuhängen und an einem geheimen Ort in mehreren Wahlgängen den „Neuen“ zu ermitteln.

Am 8. Oktober steigt weißer Rauch auf: Habemus Claudio Abbado! Eine Lebensstellung allerdings bekommt der italienische Dirigent nicht angeboten, über die Länge der Amtszeit soll nicht länger die Natur entscheiden. Und tatsächlich wird Abbado auch der erste Chefdirigent sein, der seinen Posten freiwillig räumt. Bereits im Februar 1998 erklärt er, er werde nur noch zum Ende der Saison 2002 zur Verfügung stehen. Hintergrund ist die unterschiedliche Auffassung von Dirigent und Orchester über Probenarbeit und Programmgestaltung, die wiederholt von der Presse publik gemacht wurde.

Die Philharmoniker lernen auch diesmal dazu und gehen darum erst in sich und dann auf die Suche nach einem Nachfolger: Basisdemokratisch wird diskutiert, welche Richtung man einschlagen möchte, ob es für ein Spitzenorchester wichtiger ist, die eigenen Traditionen zu pflegen oder sich zu öffnen, stilistisch wie organisatorisch.

Mit der Wahl von Sir Simon Rattle tragen am 23. Juni 1999 eindeutig die Progressiven den Sieg davon. Dass der britische Dirigent seine Unterschrift unter den Vertag davon abhängig macht, dass die bislang als nachgeordnete Behörde des Senats geführten Philharmoniker in eine Stiftung umgewandelt werden, zeigt, welchen Respekt er dem einmaligen Geist des Orchesters entgegenbringt. So frei wie im Jahr des 125-jährigen Gründungsjubiläums waren die Berliner Philharmoniker niemals in ihrer Geschichte. Frei für die Kunst.

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