Hotel Adlon : Haft de luxe

Seit seiner Eröffnung 1907 hatte das Hotel Adlon viele prominente Gäste – der Bestsellerautor P. G. Wodehouse gehört sicher zu den skurrilsten. Mit Suite und Schoßhund erlebte er Naziterror und Krieg als „jolly good time“.

Berlin am Sonntag, den 22. Juni 1941. Schalke 04 spielt im Olympiastadion gegen Rapid Wien um den reichsdeutschen Liga-Pokal. Hitler beginnt den Russlandfeldzug. Und am Bahnhof Friedrichstraße entsteigen drei Männer dem Zug aus Gleiwitz in Oberschlesien: Zwei Aufpasser der Gestapo und Pelham Grenville Wodehouse, genannt P. G. und von Freunden „Plum“, im englischsprachigen Raum der meistgelesene Autor seiner Zeit. Der Gefangene – man hatte ihn inhaftiert, weil er Engländer und damit feindlicher Ausländer war – hatte zuletzt 13 Monate in der zugigen Zelle eines Internierungslagers verbracht und ist nun auf dem Weg in sein neues Quartier: ins Hotel Adlon.

Für Politik fehlt Wodehouse jegliches Interesse. Für seine Zimmernachbarn ebenfalls. Schauspieler Emil Jannings, Starchirurg Ferdinand Sauerbruch und der junge Leiter der Berliner Staatskapelle, Herbert von Karajan; sie und die anderen Gäste des Kriegsjahres 1941 leben gerne in der perfekten kleinen Welt aus Prunkbetten in getriebener Bronze, beheizbaren Handtuchhaltern und klimatisiertem Weinkeller. So auch John Amery, ein britischer Nazikollaborateur, der zu Kriegsbeginn nach Deutschland ins Adlon und nach dem Krieg in England an den Galgen kam. Er ist nicht unbeteiligt daran, dass sein berühmter Landsmann in Berlin die behaglichste Haft absitzt, die man sich denken kann. Wodehouse kann kommen und gehen, wie er will. Aber er will gar nicht. Er braucht nur Ruhe, um zu schreiben.

Wodehouse war damals 59 Jahre alt. Er hatte 73 Bücher geschrieben. Bis zu seinem Tod 1975 sollte er es auf mehr als 125 bringen. Er war der erfolgreichste humoristische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts – einige seiner Bücher sind jetzt auf Deutsch bei Suhrkamp erschienen.

In England und Amerika sind seine Geschichten von Bertie Wooster, dem exzentrischen Adeligen, und dessen Butler Jeeves seit Jahrzehnten so bekannt wie heute Harry Potter. Millionen Leser lachen über Augustus Fink-Nottle, der nachts am Trafalgar Square nach Molchen jagt, und Mrs. Homer Pudding mit dem Tintenfleck am Kinn. Sie kommen aus einer fremden, heilen Welt, in der, wie ein Kritiker schreibt, die größte denkbare Katastrophe darin besteht, im karierten Anzug zum Dinner zu erscheinen.

Wodehouse lebte abwechselnd in Großbritannien und den USA und seit 1934 auch in Frankreich, wo ihn die Welt der Naziherrschaft einholte – und nach Berlin brachte. Dort fehlte ihm nichts. Außer Wonder, seiner Pekinesen-Hündin. Die trug zumindest teilweise die Schuld an seiner Lage: Als die deutschen Truppen im Mai 1940 seinen Wohnort Le Touquet in der Normandie besetzten, hatte Wodehouse sich nur deshalb noch nicht längst nach England abgesetzt, weil Wonder dafür mehrere Wochen lang allein in Quarantäne hätte sitzen müssen.

Dass eine gute Autostunde entfernt in Dünkirchen 400 000 Engländer und Franzosen versuchen, vor den Deutschen zu fliehen, ist Wodehouse egal. Er, seine Frau Ethel und Wonder fahren auf den Markt Gemüse kaufen. Da geraten sie in eine Straßensperre. Ein Wehrmachtsoffizier durchsucht den Wagen. Wodehouse notiert: „Es folgte ein scharfes, empörtes Kläffen, dann der Schrei eines Mannes in Todesangst. Der Offizier, an seiner Hand saugend, strauchelte rückwärts.“ Ein britisches Fluggeschwader rettet ihnen das Leben. Die Deutschen gehen in Deckung – nur „Wonder, das konnte ich sehen, hätte die Auseinandersetzung gerne an dem Punkt weitergeführt, an dem sie unterbrochen wurde, denn ein kämpferisches Licht brannte in ihren Augen, und leise fluchte sie auf Chinesisch in sich hinein.“

Die Schilderung von Wodehouse ist bezeichnend für seine Unfähigkeit, irgendetwas ernst zu nehmen. Auch ein Jahr später, inzwischen wurde er von den Deutschen verhaftet, erst nach Belgien und dann in das Internierungslager Tost in Oberschlesien gebracht, ist von Ernst oder gar Angst in seinen Aufzeichnungen keine Spur. Im Gegenteil. In Tost schreibt er Money in the Bank, einen Roman über einen Lord, der vergisst, wo er das Familienvermögen hingelegt hat.

Das deutsche Außenministerium unter Joachim von Ribbentrop sieht es gerne, dass Wodehouse im Lager nicht den Humor verliert, und macht ihm einen Vorschlag. Wodehouse soll sich mit einer Schilderung des Lageralltags per Rundfunk an seine Leser wenden. Die drollige Schilderung eines berühmten englischen Autors über den Umgang der Deutschen mit ihren Gefangenen würde, so das Kalkül, auf die damals noch neutrale USA beruhigend wirken. Für England hingegen müsste sie eine quälende Provokation sein. Wodehouse freut sich auf ein komfortables Hotel, wo man vor dem Abendessen ein, zwei Martini an der Bar trinken und in der Suite ungestört schreiben kann.

Das Hotel Adlon am Pariser Platz befand sich in nächster Nähe zu Reichskanzlei, zum Propaganda- und Außenministerium. Geografisch lag es mittendrin, politisch jedoch war es außen vor. Hitler besuchte das Hotel nur ein einziges Mal, anlässlich einer Visite des Machthabers von Birma, ging aber nach zehn Minuten wieder. Die SS bevorzugte bis zu seiner Zerstörung im November 1943 das Hotel Kaiserhof in der Wilhelmstraße.

Wenn ins Adlon hoher Nazibesuch kam, waren die Anlässe meist gesellschaftlicher Art. Die Tanztees im Pavillon bei Ersatzkaffee und rationierter Schokolade sind Legende. Dass die Leiter der beiden beliebtesten Tanzorchester, die Juden Marek Weber und Dajos Béla, schon so lange nicht mehr den Taktstock schwangen, war schon vergessen. Von Krieg und Naziherrschaft spürte 1941 nur wenig, wer die Drehtür passiert hat.

In den Jahren zuvor bezog der Sprachendienst des Auswärtigen Amtes regelmäßig zwei Stockwerke des Hotels, um unter strengster Geheimhaltung Hitlers Rundfunkreden zu übersetzen, bevor sie in alle Welt gesendet wurden. Die Gestapo hielt den Dienst dort „in einer Art Klausur“, wie Hedda Adlon in ihrer Biografie über das Hotel schrieb, das ihr Schwiegervater am 23. Oktober 1907 feierlich eröffnet hatte. Außerdem verwanzten die Nazis alle Telefone im Haus. Dadurch konnten sowohl die Gespräche in der Leitung als auch in den Zimmern belauscht werden – ein Eingriff, der dem Diskretionsverständnis der Hotelleitung gründlich widersprach: „Obwohl Textilien von Beginn an sehr scharf kontingentiert waren, gelang es uns in jener Zeit doch, eine großartige Neuanschaffung durchzuführen.“ Die war für die großen Apartments bestimmt, deren Bewohner gerne auch mal vertraulich plaudern. „Für diese Apartments beschafften wir große Kissen von besonderem Format und für eine besondere Bestimmung: Unsere Gäste konnten mit ihnen ihr Telefon bedecken!“ Manch einer verabschiedete sich mit dem Hinweis auf die vorzüglichen Kissen, die sehr zur Beruhigung ihrer Nerven beigetragen hätten.

Von den politischen Ereignissen überfallen, arrangieren sich Wodehouse und das Hotel Adlon mit der Macht, um von ihr möglichst nicht gestört zu werden. Weil sie das Draußen nicht verändern können, machen sie es sich drinnen gemütlich. Den Bomben und der Gestapo begegnen sie so lange wie möglich mit Gelassenheit und Komfort. Selbst der Luftschutzbunker des Hotels ist mit Sesseln, Teppichen und Büchern wohnlich ausgestattet, zum dumpfen Krachen der Geschosse knallen die Korken der Flaschen aus dem benachbarten Weinkeller.

Als das Schlimmste vorbei ist, gehen Hotel und Autor unter. Das Adlon, das – bis zuletzt unversehrt – als Lazarett genutzt wird, brennt wenige Tage vor Kriegsende, am 3. Mai 1945, bis auf einen Seitenflügel aus; und Wodehouse, der einst geliebte Schriftsteller, muss erneut feststellen, dass er in seiner englischen Heimat als Verräter gehasst wird.

Warum? Ein Auszug aus der ersten von insgesamt fünf Rundfunkreden am 25. Juni 1941: „Die letzten Jahre waren in verschiedener Hinsicht eine angenehme Erfahrung. Es gibt eine ganze Menge Dinge, die für die Internierung sprechen. Es hält Sie aus den Salons draußen und gibt Ihnen Zeit, Ihre Lektüre nachzuholen. Sie bekommen auch eine Menge Schlaf. Der hauptsächliche Nachteil besteht darin, dass man von zu Hause weg ist.“ Einen Tag später bekräftigt er das in einem Interview mit David Flannery von der CBS. Wodehouse: „Ich lebe hier im Adlon, habe eine Suite im dritten Stock, eine sehr schöne zudem, und ich kann kommen und gehen, wie es mir beliebt.“ Flannery: „Bedauern Sie diese Art von Kriegsgefangenschaft, Mr. Wodehouse?“ Wodehouse: „Nicht im Geringsten. Solange ich eine Schreibmaschine, ausreichend Papier und ein Arbeitszimmer habe, geht es mir gut.“

Britische Politiker und Journalisten reagieren fassungslos. Es bilden sich Lager: Die einen glauben, Wodehouse sei von den Nazis zu den Reden gezwungen worden; die anderen bezichtigen ihn eines unpatriotischen, zynischen Deals mit den Deutschen. In einem Brief an seinen Schulfreund William Townend vom 11. Mai 1942 nimmt Wodehouse, ehrlich geschockt von den Attacken aus England, zu den Anklagen Stellung: „Camp was really great fun – das Lager war wirklich ein großer Spaß. Diese Briefe im ,Daily Telegraph‘, ich hätte meine Internierung im Lager so schlimm gefunden, dass ich mich durch einen Handel mit der Deutschen Regierung freigekauft hätte, haben mich zum Lachen gebracht. Ich wurde freigelassen, weil ich fast 60 war. Die Deutschen internieren keine Menschen, die älter sind als 60 Jahre.“

Wie, fragen sich Wodehouse-Freunde und -Kommentatoren, sind solche Äußerungen eines gebildeten, erwachsenen Menschen möglich? Wodehouse ist vollkommen unpolitisch, so viel ist den meisten klar. Zurückgezogen in seine Cricket spielende Welt von Wooster und Jeeves. Aber dämlich? William Connor, Journalist des in England erscheinenden „Daily Mirror“, glaubt nicht daran. Am 15. Juli 1941 spricht er in der BBC: „Ich bin gekommen, um Ihnen die Geschichte eines reichen Mannes zu erzählen, der sich gerade an seinem letzten und größten Verkaufserfolg versucht – dem seines eigenen Landes. Es ist eine düstere Geschichte davon, wie einer seine Ehre an die Nazis verpfändet für den Preis eines weichen Bettes in einem Luxushotel. Es ist das Protokoll von P. G. Wodehouse, der 40 Jahre hochprofitabler Spaßmacherei mit dem schlechtesten Witz beendet, den er je in seinem Leben von sich gab.“

Der Plan des Ribbentrop-Ministeriums ist also aufgegangen. Die Reden, in denen der berühmte Landsmann in launigem Ton über seine „jolly good time“ in Deutschland plaudert, treffen die Engländer ins Mark. Dort als Verräter gehasst, wird Wodehouse von den Deutschen belohnt. Seit der letzten Ansprache am 26. Juli 1941 ist er wieder mit seiner Frau Ethel vereint, die auf dem französischen Land Asyl fand – und dem Pekinesen Wonder. Das ist insofern ein besonderes Privileg, als im Adlon striktes Hundeverbot herrscht. Ein ehemaliger Gast erinnert sich, wie ein Mann in Marineuniform für Karl Dönitz zwei Zimmer reservieren will: eins für den Admiral selbst und eins für dessen Schäferhund. Der Hotel-Angestellte bedauert; Hunde seien im Adlon nicht erlaubt. Da erscheint Ethel Wodehouse, mit Wonder an der Leine auf der Treppe. Ungläubig deutet der Offizier auf das Duo: „Nun, ja“, meint der Rezeptionist, „Sie müssen verstehen – das ist Mrs. Wodehouse.“

Ungläubig reagiert auch Michael Vermehren, ein junger deutscher Journalist, der Wodehouse Ende 1941 im Adlon besucht, weil er gehört hat, dass dieser einen Rechtsbeistand sucht. Wodehouse will die englische Presse, die ihn niedermacht, wegen Verleumdung verklagen. „Ich brauche hier einen Anwalt, der in England meine Sache vortragen kann.“ Vermehren erwidert, er kenne zwar Anwälte, habe aber Zweifel, ob diese eine Genehmigung erhielten, die Kriegszone wegen einer Verleumdungsklage zu passieren. „Ach“, sagt Wodehouse, „denken Sie, das könnte schwierig werden?“

1942 verschärft sich die Lage, die USA treten in den Krieg ein und die Bombenangriffe auf Berlin nehmen zu. Neben den hellblau livrierten Rezeptionisten wacht die schwarze SS über den Eingang des Adlon, aus dem fast alle Ausländer verschwunden sind. Zu den wenigen, die bleiben, gehört etwa „Lord Haw-Haw“ William Joyce, ein britischer Faschist, der 1939 nach Deutschland desertiert ist und Propagandareden über den Rundfunk verbreitet. John Amery, der dem Außenministerium den Tipp mit Wodehouse gab. Oder der „Großmufti“ alias Mohammed Hadschi Amin al Husseini. Das religiöse Oberhaupt der Muslime von Jerusalem bezieht 1942 im Adlon Quartier, nachdem verschiedene Versuche gescheitert sind, ein panarabisches Reich zu errichten. Berüchtigt sind seine Hetzreden. Mehrmals ruft al Husseini die Bevölkerung der arabischen Staaten auf, alle Juden zu töten.

Tür an Tür wohnen der Dschihadist und der Dandy – und während der Krieg in vollem Gange ist, al Husseini und die SS nebenan die große Vernichtung beraten, sitzt Wodehouse in seinem Zimmer, schreibt von wunderlichen Lords und drolligen Verwechslungen. Er ist die beredte Erfüllung des Adlon-Anspruchs, dass hinter den Drehtüren, zwischen Marmorsäulen, bequemen Sesseln und befrackten Dienern alles Hässliche vergessen ist. Als William Townend ihn ermutigt, ein Buch über seine Zeit in Deutschland zu schreiben, erwidert ihm Wodehouse im Dezember 1944, er sei inzwischen von den Nazis nach Paris gebracht worden: „Das Blöde ist, dass es über die Jahre in Deutschland wirklich absolut nichts gibt, was sich zu schreiben lohnt. Es ist außergewöhnlich schwierig, mein Leben dort zu beschreiben. Vermutlich geschahen rings um mich alle möglichen interessanten Dinge, aber sie haben mich nicht berührt. In Berlin habe ich nur im Adlon gesessen und geschrieben, und hin und wieder ging ich Gassi mit Wonder.“

Nach England kehrt Wodehouse nie wieder zurück. Im Alter von 93 Jahren stirbt er als US-amerikanischer Staatsbürger in Southampton. Großbritannien hat ihn aber rehabilitiert: 1975, in seinem Todesjahr, adelt ihn die Queen zum Sir, auch sie ist eine glühende Verehrerin seiner Bücher.

Das Adlon ist wiederauferstanden als erstes Hotel der Stadt. Hunde sind willkommen. Der Tagessatz kostet 50 Euro, inklusive Körbchen, Napf und Knochen.

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