RAF : Gefangen in der Vergangenheit

Horst Herold, der einstige Chef des Bundeskriminalamtes, ist, so sagt er selbst, der letzte Häftling im Volksgefängnis der RAF. Ein Besuch.

Michael Jürgs

In den als bleiern bezeichneten Zeiten des vergangenen Jahrhunderts ist Horst Herold beschrieben worden als stur und sensibel, dynamisch und depressiv, wehleidig und wütend. Vor allem wurde dem legendären Chef des Bundeskriminalamtes die Arroganz vorgeworfen, mit der er wieder und wieder seine Macht ausspielte. Solange der derartig Porträtierte im Dienst war, musste Herold die Erlaubnis seines jeweiligen Vorgesetzten einholen, des amtierenden Innenministers, falls er sich gegen Unterstellungen, die aus seiner Sicht Rufmord waren und das zu ertragende Maß journalistischer Kritik überstiegen, vor Gericht wehren wollte.

Als sich der Sozialdemokrat verbittert, gerade mal siebenundfünfzigjährig in den Ruhestand zurückzog, begleitet von den Krokodilstränen derer, die lauthals seinen Abschied gefordert hatten, bereitete er diese Vergangenheit juristisch auf. Bis auf einen einzigen gewann Herold alle Prozesse, setzte Gegendarstellungen durch und Unterlassungserklärungen und Widerrufe und schien ausreichend beschäftigt damit, sein Bild in der Öffentlichkeit zurechtzurücken. Immer wieder ist spürbar, manchmal nur in einem halben Satz, wie sehr er noch darunter leidet, nicht seiner Leistung gerecht behandelt worden zu sein. Andererseits scheint ihm das sich dabei aufdrängende Bild eines treuen Hundes, der vom Hof gejagt wird, zu gefallen. Denn solange es noch ein paar offene Rechnungen gibt, hat er was zu tun. Sie zu begleichen mit diesem und gern auch mit jenem. Entweder unten im Keller, wo Horst Herold ein Arbeitszimmer eingerichtet hat und sich online die Welt ins Haus holen kann, oder anlässlich eines Dinners, ihm zu Ehren, gegeben vom Bundespräsidenten in Berlin, wo er unter vier Augen etwas los werden kann. Wiederum über diesen und über jenen.

Der Intellektuelle Horst Herold ist ein witziger Formulierer und gebildet dazu. Er kennt seinen Karl Marx, aber auch seinen Heinrich Mann, er beruft sich gern auf Hegel, zitiert aber lieber noch aus den „Hand-Orakeln“ des spanischen Jesuiten und Philosophen Balthasar Gracian (1601–1658). Bei dem fand er für sich geeignete Vergleiche mit seinen Lebenssituationen wie zum Beispiel die passende Weisheit aus dem Orakel Nr. 99: „Die Dinge gelten nicht für das, was sie sind, sondern für das, was sie scheinen. Selten sind die, welche ins Innere schauen. Recht zu haben, reicht nicht aus.“ Hätte sinngemäß auch vierhundert Jahre nach Gracian in seiner deutlicheren Sprache Genosse Herbert Wehner sagen können, der Jesuit der SPD, von dem der BKA-Präsident zum Abschied einen kleinen Teller aus Meißener Porzellan, bemalt mit einer gelben Rose, geschenkt bekam. Den hält er in Ehren.

Herolds Bonhomie verbreitet Wärme. Sein fränkischer Dialekt täuscht. Geboren ist er in Thüringen. Mag schon sein, dass er im Austeilen besser war als im Einstecken, aber wer das nicht ist, der werfe den ersten Stein. Er kann lachen. Sogar über sich selbst. Wenn man mitlacht, ist er nicht beleidigt. Wir sitzen zu Tisch. Es gibt wie bei jedem meiner Besuche zuvor Weißwürste und Weißbier und Brezeln. Das andere Zimmer, das sich hinter uns in seinem Rücken öffnet, wird bestimmt von Büchern. Sie füllen die Regale bis zur Decke. Herold hat alles gelesen, was andere aus seiner Geschichte machten, denn seine Geschichte ist eine deutsche Geschichte, die des Linksterrorismus in Deutschland.

Über die Wurzeln und über die Protagonisten, woher die kamen und was die wollten und wie viele Leben sie außer dem eigenen zerstörten, gibt es Hunderte von Untersuchungen. Die Rote Armee Fraktion (RAF) war nicht etwa mythisch, Andreas Baader war kein Robin Hood. Die RAF war mörderisch. Keinen fürchteten die kriminellen Täter so wie Herold, denn dieser kriminalistische Triebtäter war ihnen ebenbürtig, schien sich in den Köpfen der Terroristen geradezu eingenistet zu haben. Wie ein hoch konzentrierter Schachspieler versuchte Herold die Züge der Staatsfeinde Nummer eins genannten Desperados vorauszuahnen, um auch auf überraschende Attacken sofort reagieren zu können.

In vielen Fällen hatte er mit dieser Taktik Erfolg. In einem ganz entscheidenden Fall nicht.

In diesem Fall erlebte Horst Herold sein Waterloo.

Das war im deutschen Herbst 1977.

Seit dem 6. September wurde ein zerfurchtes Gesicht auf Seite eins fast aller deutschen Tageszeitungen gedruckt. Jede Nachrichtensendung im Fernsehen zeigte das Foto des entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Was im Herbst des Jahres 1977 passierte, zwischen dem Tag des Kidnappings, dem 5. September, und dem Tag, an dem Schleyer im Kofferraum eines grünen Audi 100 tot aufgefunden wurde, dem 19. Oktober, ist in allen Details geschildert worden … Die letzte Eintragung in Schleyers Terminkalender kurz vor dem Attentat lautete: „Herold anrufen“. Der war Chef des Bundeskriminalamtes, dreiundfünfzig Jahre alt, Erfinder der Rasterfahndung, von seinen Bewunderern als genial, von seinen Kritikern als größenwahnsinnig bezeichnet.

Am Bahnhof der Kleinstadt, in der er mit seiner Frau seit vielen Jahren wohnt, hatte er mich oben an der Treppe erwartet, die von den Gleisen zum Ausgang führt. Er stand aufrecht am Rand und fiel unter den Wartenden nicht weiter auf. Ein stattlicher Mann, bayerischer Filzhut, jünger wirkend als seine mittlerweile zweiundachtzig Jahre. Hinter einer großen Brille neugierige Augen. Man hätte ihn mit einem der Pensionäre verwechseln können, die hier in der Idylle Rosenheim den Rest ihres Lebens genießen.

Der Schutzmann vor dem Bahnhof, wo Herold sein Auto geparkt hat, begrüßte ihn mit Respekt. Er nannte ihn nicht mehr Chef, doch dass Herold mal sein Chef war, ließ sich ahnen. Der Uniformierte gehörte zu denen, die ihn nach seinem Rücktritt bewachten. Herold ist seit Ende 1980 nicht mehr im Amt, aber noch fünfzehn Jahre lang wurde er rund um die Uhr geschützt. Von Beamten des Bundeskriminalamtes und von Beamten des Landeskriminalamtes … Unter stetiger Bewachung zu leben, war nicht nur lästig – obwohl Herold mit seinen Bewachern gern mal ein Bier trank und selbstverständlich auch von Fall zu Fall Silvester feierte, wo auch hätte er sonst hingehen sollen? –, es war auch teuer. Um dem Staat die Kosten zu ersparen, hatte er nach seinem Rücktritt dem amtierenden Innenminister Gerhart Baum vorgeschlagen, dass er sich irgendwo im Ausland niederlassen könnte, wo ihn keiner kannte. Zum Beispiel sei es möglich, dank seiner guten Kontakte zum FBI, in den USA eine neue Identität zu bekommen und fortan dort zu leben, ohne Bodyguards. Wo er nun seine Rente verzehre, sei doch letztlich egal. Er bat lediglich, was nicht zu viel verlangt schien angesichts seiner Lebensleistung für den Staat, um einen Kaufkraftsausgleich zwischen Dollar und Mark.

Aus formalen Gründen wurde der Antrag abgelehnt. In den Bestimmungen für Beamtenpensionen war eine solche Regelung nicht vorgesehen, also entschieden unter dem Motto: Bloß keine Präzedenzfälle! die zuständigen Bürokraten entsprechend den geltenden Paragrafen.

Solange die RAF noch lebte, war in Deutschland sein Leben in Gefahr. Jetzt ist sie tot. Er sei der „letzte Gefangene im Volksgefängnis der RAF“, scherzte Herold. Der Scherz ist gar nicht so lustig, wie er klingt. Horst Herold ist zwar ein freier Mann, aber gefangen in der Vergangenheit.

Ohne ihr entfliehen zu können, lebt er in einem Netzwerk der Erinnerungen. Mal schwebte per Hubschrauber Otto Schily für ein, zwei Stunden ein, um seinen Rat einzuholen, mal besucht ihn einer von seinen früheren Kollegen. Doch wenn die wieder abgefahren sind und den Bungalow verlassen haben, der auf dem Gelände einer Bundesgrenzschutzkaserne liegt, setzt sich die Vergangenheit wieder zu ihm auf die Terrasse oder neben ihn in seinen Arbeitskeller und weicht Herold nicht von der Seite.

Gefangen genommen wurde er an einem ganz bestimmten Tag in jenem deutschen Herbst. Es war der 12. September 1977. Danach war für ihn nichts mehr, wie es einmal war, danach hat sich sein Leben verändert.

An diesem Tag fährt er wie an jedem Tag, seit Schleyer entführt wurde, ins Bundeskanzleramt und trägt zur Lage vor. Außer ihm und Bundeskanzler Helmut Schmidt gehören nur noch vier weitere Männer zu diesem Kreis, der sich zweimal täglich schließt: Justizminister Hans-Jochen Vogel, Innenminister Werner Maihofer, Kanzleramtschef Manfred Schüler und Regierungssprecher Klaus Bölling. Es ist im Landeskriminalamt in Düsseldorf, gerichtet an Oppositionsführer Helmut Kohl, ein Tonband eingetroffen, besprochen von Hanns Martin Schleyer. Wer zu denen gehört, die das Band aus dem sogenannten Volksgefängnis abholten und weiterleiteten, weiß er nicht. Herold ist bis heute davon überzeugt, „dass von denen, die aktiv an der Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers beteiligt waren, als Unterstützer, Sympathisanten, Helfer, allenfalls ein Drittel gefasst wurde, dass es aber noch viele andere geben muss, denn die Gefassten allein hätten eine solche Logistik nicht bewältigt“. Die Kassette wird eingelegt, und sie wird abgespielt. Die raue Stimme des Entführten füllt den Raum. Die Männer hören schweigend zu. Sie sind überzeugt, dass Schleyer gezwungen wurde zu sagen, was sie gerade hören, aber für einen unter ihnen ist es dennoch wie eine Verurteilung, mit der er von dem Tag an wird leben müssen. „Nachdem das BKA vor allem bei den vorbeugenden Maßnahmen eindeutig versagt hat, die Bundesregierung sich offenbar nicht zum Handeln entschließen kann, der Bundeskanzler … ebenfalls keine Entscheidung trifft, ist es nunmehr Aufgabe der Opposition, die Verantwortlichkeiten klarzustellen und offenzulegen. Ich bin nicht bereit, lautlos aus diesem Leben abzutreten, um die Fehler der Regierung, der sie tragenden Parteien und die Unzulänglichkeit des von ihnen hochgejubelten BKA-Chefs zu decken“, lautet die Anklage Schleyers.

„Ich wusste in dem Moment“, sagte Horst Herold, als er davon erzählte und mich dabei an den Arm fasste, als wollte er sichergehen, dass ich ihm zuhörte, „dass ich nur eine einzige Chance haben würde, mich gegen diese Anschuldigung zu verteidigen“. Nämlich nur die, dass es ihm gelingen würde, Schleyer lebend und unverletzt zu befreien.

Die Chance, die Herold brauchte, auf die er in der ihm eigenen kühlen Professionalität gewartet hatte, wurde zwei Tage später vertan. Auch das hat er bis heute nicht verarbeitet, hat bis heute nicht akzeptiert, was andere Schicksal nennen. Ein dummer Zufall, eine blöde Panne, so etwas konnte trotz aller Planung passieren – hätte allerdings nicht passieren dürfen. Im Fall Schleyer war es nämlich die letzte Gelegenheit, den Entführten zu befreien. Wenn dies gelungen wäre, würde es heute keinen gebrochenen Mann geben, der wie ein Gefangener hinter Mauern und Hecken in seiner Rosenheimer Festung lebt, sondern Horst Herold, den Helden.

Herold schweigt. Die Erinnerung macht ihn nicht mehr wütend, nur noch resigniert stumm. Ohne die Nachlässigkeit irgendeines anonym gebliebenen Beamten hätte Schleyer gerettet werden können, wahrscheinlich sogar unverletzt, zumindest lebend, denn die Einsatzkommandos des BKA waren für genau solche Fälle einer Geiselbefreiung ausgebildet worden. Herold legt die rechte Hand an die Schläfe, als ob er sich auf das Wesentliche konzentrieren müsse, aber das Wesentliche lautet dann in einem lapidaren Satz kurz gesagt so: „Wir wussten nicht, was wir wussten.“

In dieser Niederlage ist sogar der Sieg verborgen, doch wer wollte davon etwas hören, als Schleyer tot aufgefunden worden war. Hätte, wäre, wenn. Heute alles keine Rede mehr wert. Ohne die sekundenschnelle Verknüpfung aller nur greifbaren Daten in Rechnern, egal wo auf der Welt die in Betrieb sind, hätte man das Netzwerk des islamistischen Terrorismus nach der Attacke auf das World Trade Center niemals erkannt, geschweige denn in Teilen zerstört.

Die seit der Panne von Erftstadt-Liblar auf Horst Herold lastende Bedrückung – obwohl er ja rational erklären konnte, sich und anderen, dass es nicht seine Schuld gewesen ist, nun wirklich nicht – wird er nicht mehr los. Sein Satz über die Unfähigkeit des BKA-Präsidenten hat Schleyer überlebt.

Zwar blieb er danach noch zwei Jahre im Amt, bevor er sich aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand versetzen ließ. Zwar behielt er seine Wohnung innerhalb des BKA-Gebäudes in Wiesbaden, aber die Nächte, in denen er schlaflos und ruhelos von dort aus durchs Amt streifte, nagten an seiner Seele. Selbst gute Freunde, von denen er wenige hatte – wer möchte schon mal auf ein Glas vorbeikommen und plaudern, wenn er sich zuvor einer Leibesvisitation unterziehen musste? –, gaben es irgendwann auf, ihn aus seiner selbst gewählten Einsamkeit zu holen. Herold blieb in seinem Bunker. Zu viel hat er da in sich hineingefressen, zu wenig von sich gegeben, insofern war sogar etwas dran an den angeblichen gesundheitlichen Gründen, die ihn in den Ruhestand trieben.

Weil sein Antrag auf Auswanderung abgelehnt wird, muss er sich im eigenen Lande einrichten. Nicht irgendwo, denn er steht weiterhin auf der Liste möglicher Opfer ganz oben. Gesucht wird ein Ort, an dem er sich gut beschützen ließe. Man bietet ihm schließlich ein Areal auf einem Kasernengelände an. Wahrlich nicht der Platz, den sich Herold für seinen Lebensabend freiwillig ausgesucht hätte. Grundstück und Hausbau kosten insgesamt sechshunderttausend Mark. Die muss Herold selbst bezahlen. Es ist das Einzige, was er Tochter und Enkelin mal hinterlassen kann. Schon heute ist vorstellbar, wie groß die Nachfrage auf dem Immobilienmarkt sein wird für einen Bungalow, der ringsum von Kasernen umgeben ist. Der Gedanke an Isolationshaft drängt sich auf, aber das Wort ist besetzt von denen, die er einst verfolgte.

Der Text ist in Auszügen dem Band „Der Tag danach. Wenn das Leben über Nacht nicht mehr ist, wie es war“ von Michael Jürgs entnommen. Er ist 2006 als Taschenbuch im Goldmann-Verlag erschienen.

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