Soziologie : Politisch doppelt gescheitert: Wie tot ist Karl Marx?

Er schrieb schon über die Globalisierung, als es sie noch gar nicht gab. Und er forderte „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ – dazu sollte es nie kommen. Am 14. März 1883 starb Karl Marx im Londoner Exil. Hier schreiben fünf Experten, was 125 Jahre später von ihm geblieben ist.

JÜRGEN KROMPHARDT

Bei keiner der großen Gestalten der Nationalökonomie ist es so wichtig wie bei Marx, zwischen Analyse, Prognosen und politischer Wirkung zu unterscheiden.

Als Analytiker baut Marx auf David Ricardo, dem bedeutendsten Theoretiker der klassischen Ökonomie, auf und versucht, die Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktionsweise herauszuarbeiten. Dabei würdigt Marx die Leistung der Kapitalisten bei der Steigerung der Produktion durch ständige Neuerungen und Verbesserungen im Produktionsprozess. Er liefert eine Grundlage für Schumpeters Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, in der die dynamischen Unternehmer, die in einem „Prozess der schöpferischen Zerstörung“ Innovationen durchsetzen, eine zentrale Rolle spielen.

Wie bei Ricardo steht bei Marx die Analyse der Verteilung zwischen den sozialen Klassen der Kapitalisten und Arbeiter im Mittelpunkt. Beide gehen – für ihre Zeit zu Recht – von einem uneingeschränkten Lohnwettbewerb zwischen den Arbeitern aus, durch den tendenziell der Lohn immer auf das Existenzminimum herunterkonkurriert wird. Wegen dieses Auseinanderdriftens von Löhnen und Produktivität muss – so Marx – beständig ein „Zwiespalt eintreten zwischen den beschränkten Dimensionen der Konsumtion auf kapitalistischer Basis und einer Produktion, die beständig über diese Schranke hinausstrebt“. Wie aktuell diese Analyse wieder ist, zeigt sich heute in Deutschland, wo nach Jahrzehnten der Lohnzurückhaltung der Konsum stagniert, wodurch die Binnennachfrage gebremst und dauerhaftes Wachstum gefährdet wird.

Als Prognostiker scheitert Marx wie Ricardo mit der Vorhersage einer tendenziell fallenden Profitrate. Beide unterschätzten das Ausmaß und die Dauerhaftigkeit des technischen Fortschritts. Marx sah überdies nicht voraus, dass die Arbeiter sich noch im 19.Jahrhundert das Recht erkämpften, Koalitionen zu bilden und Löhne durchzusetzen, die nicht am Existenzminimum verharrten, sondern sich überwiegend an der Produktivitätsentwicklung orientierten. Daher kam der von Marx erwartete „Zwiespalt“ lange nicht zum Tragen.

Im politischen Bereich ist Marx doppelt gescheitert: Er setzte auf den Zusammenbruch des Kapitalismus, dessen Widersprüche er für unüberbrückbar hielt, und lehnte deswegen Reformen ab, die die Überwindung dieses Systems nur hinauszögern würden. Jedoch brach weder der Kapitalismus zusammen, noch funktionierte die von ihm propagierte sozialistische Alternative, die durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel und zentrale Planung des Wirtschaftsablaufs gekennzeichnet ist. Wie dieses sozialistische System genau funktionieren sollte, sagte Marx allerdings nicht. Insofern hat er es allen leicht gemacht, seinen Namen zu missbrauchen und sich bei der Verteidigung des „real existierenden Sozialismus“ auf ihn zu berufen.

Jürgen Kromphardt, 74, lehrte Volkswirtschaft an der TU Berlin. 1999 –2004 war er als Mitglied des Sachverständigenrats für die Beurteilung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung einer der fünf Wirtschaftsweisen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Wachstum, Konjunktur und Beschäftigung.

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