Sport : Tradition des bösen Bluts

US-Sportsoziologe Markovits über Prügelskandale und Rivalitäten im amerikanischen Basketball

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Herr Markovits, in der BasketballLiga NBA musste ein Spiel wegen einer Prügelei zwischen Spielern und Fans abgebrochen werden. Wie konnte es dazu kommen?

Die Sache wurde ausgelöst durch ein Foul von Ron Artest, dem Verteidiger von den Indiana Pacers. Er hat Ben Wallace, seinen Gegenspieler von den Detroit Pistons, kurz vor Schluss hart attackiert, obwohl seine Mannschaft klar in Führung lag. Das war ein Affront.

Warum?

Weil sich beide Spieler hassen. In der vergangenen Saison wurde Detroit Meister, aber Artest von Indiana wurde zum besten Verteidiger der Liga gewählt. Die Amerikaner sind vernarrt in Sportstatistiken, und viele Fans haben ausgerechnet, dass Wallace eigentlich besser war.

Muss man sich deshalb prügeln?

Die Szene eskalierte erst, als sich Artest nach der Rangelei auf dem Feld auf die Bank setzte und von einem Fan mit einem Becher Cola beworfen wurde. Die Cola tropfte ihm vom Gesicht, und hinter ihm saßen Zuschauer, die ihn verspottet haben. Da ist Artest ausgerastet.

Sind Eskalationen üblich in der NBA?

Ab und zu kommt es zu Rangeleien, aber meist nur zwischen Spielern. Es gab auch Fälle, wo Spieler die Zuschauer angepöbelt haben. Es ist ja auch schwer, die Nerven zu behalten, wenn 20 000 Zuschauer dich ausbuhen, besonders die Fans, die dir quasi auf dem Rücken sitzen, wenn du auf der Bank hockst. Aber dass plötzlich Dutzende Fans in eine Schlägerei verwickelt werden, dass ein Spieler wie Artest mit hunderten Cola-Bechern und Popcorntüten beworfen wird – dass das ganze Spiel im Chaos versinkt und abgebrochen wird, das gab es noch nie.

Bisher hat man in Europa gedacht, der amerikanische Basketballfan würde Popcorn essen und sich zurückhalten…

Das ist Blödsinn. Was glauben Sie, was bei wichtigen Spielen für Emotionen ausgelöst werden? Vor allem bei Rivalen wie Detroit und Indiana.

Welche Rivalitäten gibt es da?

Detroit und Indianapolis liegen nah beieinander, die Teams spielen in der gleichen Division, sind ähnlich stark. Und dann die Verstrickungen: Indianas Trainer, Isiah Thomas, war früher Trainer in Detroit. Kaum war er hier gefeuert, wurde er da angeheuert. Noch unbeliebter ist Indianas Manager Larry Bird. Er war als Basketballer eine Legende, aber verhasst in Detroit, weil er bei den Boston Celtics spielte. Detroit und Boston waren die großen Rivalen der 80er Jahre. Damals nannte man die Detroiter „Bad Boys“, weil sie hart spielten.

Das ist ja eine richtige Wissenschaft…

Und es kommen immer neue Rivalitäten dazu. Detroit hat letzte Saison auf dem Weg zur Meisterschaft in einer harten Serie Indiana geschlagen. Da hat sich eine Tradition des bösen Bluts entwickelt.

Waren Sie mal in Detroit in der Halle?

Ich habe eine Saisonkarte. Ich wohne in Ann Arbor, einer Universitätsstadt in der Nähe. Zuletzt war ich sogar bei einem NBA-Finale. Die Karte habe ich auf dem Schwarzmarkt gekauft – für 800 Dollar.

Das Gespräch führte Robert Ide.

Andrei S. Markovits, 56, ist Sportsoziologe und Politologe an der Universität Michigan. Gerade ist von ihm das Buch „Amerika, dich hasst sich’s besser“ (Konkret Verlag) erschienen.

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