Shirin Ebadi über Freiheit : "Der Mauerfall gab mir Hoffnung"

Noch leben die Menschen im Iran in Unfreiheit – doch Veränderung ist möglich, auch in meinem Land. Ein Gastkommentar der iranischen Friedensnobelpreisträgerin.

Shirin Ebadi
Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi aus dem Iran ist optimistisch, was die Zukunft ihres Landes angeht.
Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi aus dem Iran ist optimistisch, was die Zukunft ihres Landes angeht.Foto: Imago

Ich hatte das Glück, in einer Familie aufzuwachsen, die die Rechte der Frau absolut respektierte. Mein Vater machte da keinen Unterschied zwischen meinem Bruder und mir. Unsere Freiheiten hatten allerdings jahrelang eine Grenze: Er bestand darauf, dass wir nach der Schule sofort nach Hause kamen oder ausdrücklich um Erlaubnis fragten, wenn wir dies nicht wollten. Nachdem ich die damals sehr schwierige Jura-Aufnahmeprüfung der Universität bestanden hatte, gab mein Vater mir einen Schlüssel und sagte: Ab jetzt bist du frei, du brauchst niemanden mehr zu fragen, wohin du gehen darfst. Das war eine prägende Erfahrung von Freiheit. Meine Freiheit war der Preis für meine Mühe und Anstrengung. Ich wusste: Ich war erwachsen und hatte das Recht, sie zu genießen.

Der Genuss eines Glases Wein kostet 70 Peitschenhiebe

Die Menschen im Iran wollen heute auch frei sein, in ihrem Privatleben wie politisch und gesellschaftlich. Sie sind aber selbst in den privatesten Entscheidungen eingeschränkt, sie können nicht anziehen, was sie wollen, und nicht wählen, wen sie wollen. Wer sich zur Wahl stellen darf, entscheidet der Wächterrat, eine Frau, die sich nicht nach den islamischen Kleidungsvorschriften hält, begeht eine Straftat – selbst eine ausländische Politikerin wie Claudia Roth muss sich daran halten. Der Genuss eines Glases Wein kostet 70 Peitschenhiebe und wer dreimal verurteilt wurde, wird mit dem Tod bestraft. Weil sie ihre Religion gewechselt haben, sitzen derzeit 80 Iranerinnen und Iraner im Gefängnis.

Frauen sind dabei noch schlimmeren Beschränkungen unterworfen, ihr Leben, ihre Zeugenaussage haben per Gesetz nur die Hälfte des Wertes, den das Leben und die Aussage eines Mannes haben. Ein Mann kann seine Frau grundlos verstoßen und vier Ehefrauen haben, für sie selbst ist eine Scheidung extrem schwer. All dies in einem Land, dessen Studierende zu mehr als der Hälfte Frauen sind. In einem unfreien politischen System ist meines Erachtens keinerlei wirkliche Freiheit möglich, auch keine private. Das ist der Grund, warum die gesellschaftlichen Spannungen im Iran so stark sind.

Die Menschen im Iran wollen die Trennung von Staat und Religion

Gesetze wie die im Iran und die Diktaturen in anderen muslimisch geprägten Ländern tragen derzeit zu einem verheerenden Bild des Islam bei. Wer aber all dies dem Islam anlastet und ihn für unvereinbar mit Freiheit hält, macht eine Religion dafür verantwortlich, wie Diktatoren sie verbiegen. Die Menschen im Iran sind in ihrer Mehrheit mehrheitlich Muslime, aber sie wollen die Trennung von Staat und Religion.

Auch die Menschen aus Syrien und dem Irak, die aktuell nach Europa fliehen, fliehen vor Diktaturen und in der Hoffnung auf Freiheit. Diese Gründe sollte Europa im Blick haben, wenn es, wie jetzt, mit vielen Flüchtlingen konfrontiert ist. Es sind Menschen aus Ländern, die viele Jahre der Unfreiheit erlebt haben, in denen sich keine Zivilgesellschaft bilden konnte und die jetzt in Kriegen, Terror und Anarchie versinken. Es ist gut, dass Deutschland großzügig Flüchtlinge aufnimmt, andere EU-Mitglieder machen da leider keine gute Figur. Alle westlichen Länder sollten sich aber nach ihrer Verantwortung fragen.

Iran - Abenteuer zwischen Tradition und Moderne
Willkommen im Iran. Treffpunkt für Teheraner: Die Khomeini-Moschee am Nordrand des Basars.Weitere Bilder anzeigen
1 von 21Foto: Hella Kaiser
08.11.2013 14:15Willkommen im Iran. Treffpunkt für Teheraner: Die Khomeini-Moschee am Nordrand des Basars.

Sie haben jahrzehntelang gute Geschäfte mit den Diktatoren gemacht und beste Beziehungen zu ihnen gepflegt, auch mit Saddam Hussein und Muammar Gaddafi. Deutschland war einer der größten Handelspartner Irans nach der Revolution 1979. Jetzt, nach dem Atomabkommen, sind deutsche Geschäftsleute und Politiker zurück im Iran. Genau wegen dieser Geschichte schuldet der Westen, schuldet Europa jenen Menschen etwas, die vor Diktaturen und Krieg nach Westen fliehen.

Der US-Präsident Barack Obama hat mehrfach betont: Die Alternative zum Atom-Abkommen mit dem Iran ist Krieg. Ich kann natürlich nicht akzeptieren, dass gegen mein Land Krieg geführt wird. Deshalb habe ich den Aufruf für das Atom-Abkommen unterzeichnet. Außerdem war ich immer schon gegen die Atompolitik der iranischen Regierung, die ich für einen Fehler hielt. Einen Fehler rückgängig zu machen, ist immer gut.

"Vergessen Sie die Menschenrechte auch dann nicht, wenn Sie Geschäfte abschließen"

Meine weitere Bitte an Deutschland lautet: Vergessen Sie die Menschenrechte auch dann nicht, wenn Sie Verträge in diesen Ländern unterschreiben oder dort Geschäfte abschließen. Das EU-Parlament hat alle europäischen Politikerinnen und Politiker angehalten, bei Besuchen auch Vertreter der Zivilgesellschaft zu treffen. Nach meinem Eindruck geschieht das sehr, sehr selten. Sie müssen die Familien politischer Gefangener treffen, sie müssen die Regierung in Teheran fragen, warum Journalisten im Gefängnis sind. Sie haben eine Verpflichtung etwa Abdolfattah Soltani gegenüber. Er ist Anwalt und hat den bedeutenden Menschenrechtspreis der Stadt Nürnberg erhalten. Seit vier Jahren sitzt er im Gefängnis. Er wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt, nur weil er seine Pflicht als Anwalt getan und politische Angeklagte verteidigt hat.

Die Untergrund-Bands von Teheran
Thunder: Die Country-Rock- Band, 1999 gegründet, spielte im Januar ein staatlich genehmigtes Konzert vor 1400 Zuschauern – inklusive Nebelmaschine. Sänger Ardavan Anzabipour (eingekreist) glaubt an die neue Regierung. Er wählte den Satz: „Du wirst sein, was du willst so sehr du es willst!“Alle Bilder anzeigen
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14.08.2014 09:37Thunder: Die Country-Rock- Band, 1999 gegründet, spielte im Januar ein staatlich genehmigtes Konzert vor 1400 Zuschauern –...

Ich kann mich noch sehr genau an den Tag des Mauerfalls erinnern. Das war ein sehr wichtiger Tag für mich, auch weil ich das Gefühl hatte: Das wird eines Tages auch in meinem Land geschehen. Als ich später in Berlin war, habe ich in einem Andenkenladen ein Stück der Mauer gekauft und es in meinem Büro aufgestellt. Immer wenn wir ein wirkliches Tief erlebten, habe ich es angeschaut und wusste: Es kann noch so viel geschehen. Ich habe dieses Mauerstück leider nicht mehr. Es verschwand, als die Behörden mein Büro beschlagnahmten und ich mein Land verlassen musste.

Shirin Ebadi ist iranische Richterin und Menschenrechtsaktivistin. Sie erhielt 2003 als erste muslimische Frau den Friedensnobelpreis und lebt seit 2009 im Exil in Großbritannien. Dieser Text erscheint zum 70-jährigen Bestehen des Tagesspiegels. Lesen Sie weitere Beiträge zum Geburtstag auf unserer Themenseite.

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