Das Halbfinale der Schüler : Zeitungsfantasien

Rührend, gruselig, witzig und absurd ging es zu beim Halbfinale des Tagesspiegel-Erzählwettbewerbs Schüler präsentierten ihre Geschichten. Die jüngsten Vorleser waren erst sieben Jahre alt.

Dorothee Nolte,Kathrin Unterberg

Gibt es etwas, was eine Zeitung nicht kann? Nein! Zeitungen können sprechen, fliegen und zaubern; sie können ihre Buchstaben neu zusammensetzen und sich – wie praktisch – in Spickzettel verwandeln; ja, sie können sogar als „Zeitung 007“ Verbrecher jagen. Fantasie macht’s möglich, und Fantasie gab es im Überfluss beim Schüler-Halbfinale des Tagesspiegel-Erzählwettbewerbs.

„Zeitung“ lautete das Thema diesmal, und Zeitungen traten in allen Formen auf: als Zeitungshut, Pappmaché oder als Lebensretter. In der Geschichte von Jonas Kilian (10) etwa warnt eine Zeitung vor einem Meteoriteneinschlag – aber nur Held Peter kann das lesen, die Erwachsenen sehen lediglich den Wetterbericht. Peter aber konstruiert flott eine „Meteoritenablenkungsmaschine“ und rettet die Erde.

Rund 60 Schüler trugen im Ethnologischen Museum in Dahlem vor 240 Zuhörern ihre Geschichten vor. Dicht gedrängt saßen sie mit Familien und Klassenkameraden mitten zwischen den Ausstellungsstücken – die jüngeren auf Kissen in der Abteilung „Indianer Nordamerikas“, die älteren auf dem Marktplatz in der Südsee-Abteilung, umgeben von Masken und Booten.

Die jüngsten Erzähler waren erst sieben Jahre alt, wie Jelena Lewin: Sie brachte das Publikum zum Lachen mit einer absurden Geschichte über Tofus, seltsame Tierchen, die aus der Werbebeilage springen und sich rasant vermehren. Besonders aufgeregt wirkt sie nicht, als sie auf eine Box klettert, um das Mikro auf dem Stehtisch zu erreichen. Und wie vielen anderen gelingt auch ihr das kleine Wunder: dass eine Geschichte im mündlichen Vortrag noch besser wirkt als in der schriftlichen Fassung. Denn darauf hatte die Jury zu achten: Welchen Erzählern hört man so gerne zu, dass sie auch beim großen Finale vortragen dürfen?

Der Erzählwettbewerb, der bereits zum siebten Mal stattfindet, ist eben kein reiner Schreibwettbewerb. Es kommt darauf an, das Publikum auch mit den Mitteln der gesprochenen Sprache in den Bann zu schlagen: mit Stimme, Betonung, Pausen und Blickkontakt.

Über 250 Schüler und 150 Erwachsene hatten sich beteiligt, 13 Klassen aus elf Schulen machten mit, von der deutsch-griechischen Homer-Grundschule in Pankow über die Zuckmayer- Realschule in Neukölln bis zur John-F.- Kennedy-Schule in Zehlendorf. „Zuerst habe ich gedacht: Was kann eine 3. Klasse schon zum Thema Zeitung schreiben?“, sagt Bettina Haubold, Lehrerin an der Mahlsdorfer Best-Sabel-Grundschule. „Aber dann kamen schon beim ersten Brainstorming so viele Ideen, dass ich mir sicher war, dass interessante Geschichten entstehen würden.“ 

Ein wiederkehrendes Motiv bei den jüngeren Schülern: Zeitungen – oder die Meldungen, die darin stehen – werden lebendig. In Melanie Munds und Sarah Winklers Geschichte (Andersen-Grundschule, 11 Jahre) springen zwei Mädchen in die Zeitung hinein, in der sie eine Meldung über eine Steinigung in Somalia gelesen haben, und retten das bedrohte Mädchen. Oder andersherum: In Lea Sofie Freeses (11) Geschichte erscheint der Marquis d’Argens, dessen Foto sie gerade in der Zeitung erblickt hat, plötzlich in ihrem Zimmer.

Bei den älteren Schülern herrschten eher ernste Themen vor. Der Beruf des Kriegsreporters schien dabei eine besondere Faszination auf die Teilnehmer auszuüben. Ob auf Busfahrten durch arabische Länder oder nur in einem Albtraum, überall gerieten Reporter in Lebensgefahr. Paul-Pascal Scheub (15) hingegen erzählte mit schauspielerischem Talent davon, wie bereits im alten Rom Zeitungen Skandale aufdecken und Kaiser stürzen konnten.

Auch Herzerwärmendes war dabei. Die 13-jährige Charlotte Wagner ließ in ihrer Geschichte ein Männchen aus Zeitungspapier zum einzigen Freund eines Obdachlosen werden. Lachsalven erntete Mohamed Nehme (14), der spitzbübisch lächelnd vom ersten Tag eines Zeitungsjungen berichtete, an dem einfach alles schiefgeht.

Egal ob ernst oder gruselig, rührend oder witzig, alle Teilnehmer verließen unter großem Applaus das Lesepult. Selbst so mancher nichts ahnende Museumsbesucher unterbrach seinen Gang und lauschte gebannt. Die Geschichten, die der Jury am besten gefallen haben, werden demnächst noch einmal öffentlich zu hören sein: beim großen Finale am 21. März.

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