Familie : Jeder Tag ist Vatertag

Der 28-jährige Rico Baganz erzieht seinen Sohn alleine – wie rund 20 000 Männer in Berlin. Ihnen fehlt häufig der Austausch mit Männern in vergleichbaren Situationen.

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Ein starkes Team. Rico Baganz und sein vierjähriger Sohn Joshi leben seit der Trennung der Eltern zu zweit. Foto: Uwe Steinert Foto: uwe steinert
Ein starkes Team. Rico Baganz und sein vierjähriger Sohn Joshi leben seit der Trennung der Eltern zu zweit. Foto: Uwe SteinertFoto: uwe steinert

Wenn Rico Baganz erzählt, dass er seinen vierjährigen Sohn Joshi alleine erzieht, blickt er meist in überraschte Gesichter. Alleinerziehende Mütter – klar, das kennen die meisten. Aber Väter ohne weibliche Hilfe bei der Erziehung? Für viele Berliner scheint das ungewöhnlich zu sein. Und es ruft Interesse hervor: Kindergärtnerinnen, Mütter und Großmütter erkundigen sich nach Alltag und Erziehungsproblemen, wenn sie etwa auf dem Spielplatz mit dem 28-jährigen Vater ins Gespräch kommen. Ein paar Tipps sind auch oft dabei.

Rückblick. Mitte 2008 trennte sich Baganz von seiner damaligen Lebensgefährtin. Sein Sohn und er waren plötzlich nur noch zu zweit – Joshis Mutter verkraftete die Trennung nicht und musste wegen psychischer Probleme behandelt werden, zunächst stationär. „Joshi kam gerade in die Trotzphase und hatte oft Wutanfälle“, sagt Baganz, der kurz zuvor sein Studium als Filmemacher beendet hatte. „Und ich stand plötzlich allein da.“ Mittlerweile schläft Joshi regelmäßig zweimal wöchentlich bei seiner Mutter.

Seit dem Tag der Trennung gehört Rico Baganz zu einer Minderheit in Berlin: Er ist alleinerziehender Vater. Rund 20 000 Berliner Männer teilten 2008 sein Schicksal. Demgegenüber stehen rund 130 000 alleinerziehende Frauen – das ist mehr als das Sechsfache. Wie viele Frauen und Männer unverheiratet wieder mit Partnern zusammenleben und deswegen nicht im eigentlichen Sinn alleinerziehend sind, erfasst die Statistik allerdings nicht.

Speziell auf alleinerziehende Männer zugeschnittene Angebote gibt es in Berlin kaum. Eine Ausnahme ist das Väterzentrum in Prenzlauer Berg. Hierhin können sich Väter wenden – ob alleinerziehend oder nicht. Leiter Marc Schulte bietet unter anderem eine „Strategieberatung für Väter“ an. In Einzelgesprächen geht es dann beispielsweise darum, wie das Verhältnis zur Mutter des Kindes ist oder um Rechts- und Erziehungsfragen. Die Gespräche würden von getrennt vom Kind lebenden oder alleinerziehenden Vätern sehr gut angenommen, sagt Schulte. In Gruppenseminaren geht es dann beispielsweise um Fragen zur gesunden Ernährung oder um die Betreuung der Kinder.

Im Väterzentrum gibt es auch Freizeitangebote. Rico Baganz fährt regelmäßig von Wartenberg in den Prenzlauer Berg, etwa zum Frühstück am Samstagmorgen. Essen ist hier allerdings Nebensache. Die Kinder spielen auf dem Boden, daneben sitzen Rico Baganz und andere Papas, greifen ab und zu zum Spielzeugauto und unterhalten sich: über das neueste Spielzeug ihrer Kinder, über Fußballergebnisse, über das Arbeitsleben. Und natürlich über ihre Erfahrungen mit den Kindern und über Erziehungsfragen.

Der Austausch mit Männern in vergleichbaren Situationen fehle den Vätern häufig, sagt Schulte. „Männer sind nicht dafür sozialisiert, sich mit anderen Männern über ihre Probleme auszutauschen.“ Das sei noch immer eine Frauendomäne. Doch nur über Kommunikation könne „Mann“ in seine Rolle hineinwachsen, sagt Schulte. Das weiß auch Baganz: „Ich versuche einfach, ein guter Papa zu sein und mein Kind glücklich zu machen“, sagt er. „Es ist verdammt schwierig, Spielkamerad und Freund zu sein – und gleichzeitig Erzieher.“

Einen Job zu finden, ist ebenfalls schwierig für ihn: Arbeitnehmer würden von alleinerziehenden Vätern Abstand nehmen, sagt Baganz. Grund seien die häufigeren Fehltage – ein Vater fehlt eben auch, wenn das Kind krank ist. Baganz’ Lösung soll die Selbständigkeit sein. Momentan bereitet er seinen Start als selbständiger Filmemacher vor. Vielleicht hilft demnächst auch seine neue Freundin – Baganz ist frisch verlobt. So wird Joshi bald auch eine zweite Mutter haben.

Der Berliner Familienbeirat hat einen Onlinedialog ins Leben gerufen, in dem Familien darüber diskutieren können, wie die Stadt familienfreundlicher gemacht werden kann. Heute stehen dort ab 15 Uhr die familienpolitischen Sprecher der Fraktionen im Abgeordnetenhaus Rede und Antwort: www.zusammenleben-in-berlin.de

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