Grundkurs Erzählen, Teil 4 : Das Sprudeln im Kopf

Wenn es hakt – was den Schreib- und Erzählfluss fördert. - Vierter Teil des Grundkurses Erzählen, erschienen zum Erzählwettbewerb 2003.

Dorothee Nolte

Der Schriftsteller-Traum: an einem See inmitten von verschneiten Bergen schreiben. Oder: auf der Terrasse eines toskanischen Landhauses, mit Blick über die Olivenhaine im Abendlicht. Aaah! Wie müsste da alles fließen, wie müssten die Einfälle sprudeln, die Geschichten von selbst entstehen! „Ich habe das mal ausprobiert“, sagt Paolo Coelho. „Aber das einzige Buch, das ich unter diesen idyllischen Bedingungen fertig bekam, war langweilig.“

Die besten Ideen hat der brasilianische Autor dagegen in seinem Apartment mit Blick über die Copacabana, spät nachts, wenn er müde ist. Was genau Schreibfluss und Kreativität fördert, ist eben sehr persönlich: Das können Orte sein, Ausblicke, Möbel, Tageszeiten, die Gegenwart einzelner Personen, Schreibwerkzeuge, aber auch Gerüche wie der von faulen Äpfel, auf den Friedrich Schiller schwor, oder Genussmittel wie Kaffee, von dem Honoré de Balzac angeblich jeden Tag 60 Tassen trank.

Aber was tun, wenn es eben nicht fließt, wenn es hakt, wenn der Einsendeschluss des Erzählwettbewerbs nah ist und die Toskana fern? Gabriele Rico („Garantiert schreiben lernen“, Rowohlt Verlag 2002) empfiehlt die Methode des Clusterns, um Ideen zu stimulieren. Man schreibt ein Kernwort in die Mitte eines Papiers, zum Beispiel das Thema der Geschichte, eine Figur, ein Objekt, das noch nicht farbenreich beschrieben ist, oder das Problem, an dem man herumkaut. Von diesem Kernwort ausgehend zieht man Assoziationslinien in verschiedene Richtungen, ohne dabei auf Logik zu achten (siehe Abbildung). Wenige Minuten genügen, um ein Cluster zu entwerfen, und häufig entsteht ein „Schreibimpuls“, denn es wird schnell spürbar, welche Wörter und Themen viele Assoziationen auslösen und welche nicht.

In der Sprache der Hirnforschung ausgedrückt heißt das: Methoden wie das Clustern, mit denen man den „inneren Zensor“ ausschaltet, regen die rechte, emotionale Gehirnhälfte an, Bilder und Erinnerungen kommen hoch, die im Alltag oft ausgeblendet werden, es entsteht ein Zustand des „flow“ oder der „Ideenflüssigkeit“. In der Phase der Ideenfindung ist nämlich der innere Zensor, der Anspruch, druckreif, originell, perfekt zu schreiben oder zu sprechen, eher hinderlich. Lutz von Werder, Autor zahlreicher Bücher zum Kreativen Schreiben (erschienen im Schibri Verlag), empfiehlt, bei Schreibblockaden ein fiktives Gespräch mit seinem inneren Kritiker zu führen und ihm einen Namen zu geben: „Dann hat er nicht mehr so viel Macht über Sie.“ Nützlich und nötig ist der – konstruktive – innere Kritiker dagegen in der Phase der Überarbeitung.

Jürgen vom Scheidt („Kreatives Schreiben“, Fischer Taschenbuch, Frankfurt 2003) hat eine weitere Anregung: „Lesen Sie sich den Text laut vor, sprechen Sie ihn auf Kassette, reden Sie mit jemandem über das Thema Ihrer Geschichte.“ Das dürfte gerade für Teilnehmer des Erzählwettbewerbs nützlich sein, denn hier kommt es ja auf den Höreindruck an. Es ist der Jury egal, ob ein Text zuerst im stillen Kämmerlein geschrieben und dann vorgelesen wurde, oder ob er frei erzählt und danach schriftlich zusammengefasst wurde – entscheidend ist, dass man die Geschichte gerne bis zu Ende anhört. Das heißt auch: Jeder kann so vorgehen, wie es seinem Naturell entspricht, vom Mündlichen zum Schriftlichen oder umgekehrt – oder auch zwischen beiden wechselnd.

Bert Thinius, Leiter der Katrin Rohnstock Erzählakademie, ist Spezialist für das autobiografische Erzählen. „Dafür braucht man zunächst eine vertrauensvolle Atmosphäre. Die Erzählenden müssen sicher sein, dass ihre Geschichten weder gegen sie ausgenutzt noch sonstwie missbräuchlich verwendet werden." Hat das Erlebnis, von dem man erzählen möchte, gerade erst stattgefunden, fehlt oft der Abstand, um daraus eine Geschichte zu bauen. Wenn es dagegen sehr lange zurückliegt, hat man mit Gedächtnislücken zu kämpfen. „Dann kann man versuchen, die Erinnerung zu beleben, indem man Fotos anguckt, Orte, Gerüche, Speisen, Klänge von früher sucht“, schlägt Thinius vor. Für den Tagesspiegel-Wettbewerb kann man auch schlicht das eine oder andere Detail hinzuerfinden.

Manch eine Zunge oder Feder löst sich am leichtesten nach ein paar Gläschen. Das kann lustig anzuhören sein, ist aber der Qualität nicht unbedingt zuträglich. James N. Frey („Wie man einen verdammt guten Roman schreibt", Emons Verlag) rät jedenfalls von Alkohol sowie „Gras, Koks und Speed“ nachdrücklich ab: „Der Verlust an Kontrolle hat einen negativen Einfluss auf das Produkt. Sicher, Edgar Allan Poe hat geschrieben, wenn er sternhagelvoll war, aber er starb mit vierzig, unzurechnungsfähig und ohne Kontrolle über seine Schließmuskeln. Außerdem war er die Ausnahme.“

Allerdings taugt der Alkohol als Vergleich: „Gute Texte müssen reifen – wie guter Wein“, schreibt Jürgen vom Scheidt. Das Herantasten, die Überarbeitung gehören dazu. Aber wenn die Geschichte reif ist und gut vorgetragen wird – aaah! Dann vergessen die Mitmenschen die Toskana und die Oliven, die Berge und den Schnee. Und hören einfach nur zu.

Bisher erschienen: Wie man die richtige Geschichte findet (28. Mai), Was eine Geschichte spannend macht (4. Juni), Den Anfang finden (12. Juni). Als Nächstes: Wie man eine Geschichte lebendig vorträgt. Alle Artikel zum Erzählwettbewerb sind nachzulesen unter www.tagesspiegel.de/erzaehlwettbewerb . Fragen bitte an wissen@tagesspiegel.de oder unter 26009-361.

0 Kommentare

Neuester Kommentar