Jugendgesundheit : Kinderschutz mit großen Lücken

Die Gesundheitsämter können nur jede zweite Familie nach der Geburt des ersten Babys besuchen. Die Bezirke verweisen auf knappe Kassen und zu wenig Personal.

Sandra Dassler

Eigentlich sollen in Berlin alle Familien nach der Geburt ihres ersten Kindes einen Besuch von den Kinder- und Jugendgesundheitsdiensten erhalten. Diese Verpflichtung hat das Land im Rahmen des Netzwerkes Kinderschutz vor Jahren an die Bezirke übertragen, doch angesichts leerer Kassen bleibt die Erfüllung dieses Auftrags ein frommer Wunsch. Das bestätigt die Grünen-Politikerin Sibyll Klotz, Sozialstadträtin in Tempelhof-Schöneberg: „Hausbesuche schaffen wir gerade mal bei 60 Prozent der Erstgeborenen, in anderen Bezirken sieht es noch schlimmer aus“, sagte sie unlängst dem Tagesspiegel. Berlinweit werden lediglich 48,2 Prozent der Familien mit Nachwuchs besucht, was nach Expertenmeinung unter dem für das Netzwerk Kinderschutz erforderlichen Niveau liegt.

Stefanie Winde hätte hingegen fast einen Besuch zu viel erhalten. Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion wurde vor siebeneinhalb Monaten Mutter. Prompt meldete sich das Gesundheitsamt. „Es war allerdings schon mein zweites Kind“, sagt Winde. „Das hatte man offenbar nicht registriert, weil ich zwischenzeitlich von Dahlem nach Lichterfelde, sprich: von Zehlendorf nach Steglitz umgezogen bin. Offenbar sind die Bezirke in bestimmten Verwaltungsbereichen immer noch getrennt.“ Stefanie Winde sagte den Besuch ab – auch, weil sie weiß, wie wenig Personal den Gesundheitsämtern dafür zur Verfügung steht. In Steglitz-Zehlendorf werden allerdings fast alle Familien mit Erstgeburten besucht, aber das ist in Berlin eine Ausnahme, sagt sie.

Die Sprecherin der Senatsgesundheitsverwaltung, Marie-Luise Dittmar, überraschen die Zahlen nicht. „Das Problem ist uns bekannt“, sagt sie: „Wir haben auch bereits darauf reagiert: die allgemeinen Zuweisungen an die Bezirke erhöht sowie die Nachbesetzung frei werdender Stellen in den Ämtern ermöglicht. Wie die Bezirke diese finanziellen und personellen Mittel verteilen und ob davon auch die Gesundheitsämter profitieren, müssen sie selbst entscheiden.“

Elfi Jantzen, Familienexpertin der Grünen, bezeichnet dies als „das übliche Hin- und Herschieben von Verantwortung“. Schließlich seien alle Bezirke unter Sparzwang. „Eine Decke, die zu kurz ist, können Sie überall hinziehen, sie wird nicht reichen. Dabei halte ich die Erstbesuche für eine ganz entscheidende Möglichkeit, an junge Familien heranzukommen und einzuschätzen, ob da möglicherweise Hilfe gebraucht wird.“

Mit dieser Einschätzung steht Elfi Jantzen nicht allein, deshalb ist für viele nicht zu verstehen, warum eine entsprechende Entscheidung auf sich warten lässt. Sprecherin Dittmar verweist darauf, dass die Gesundheitsverwaltung gemeinsam mit den Bezirken eine sogenannte Zielstruktur für ein Muster-Gesundheitsamt entwickelt habe, die festlege, welche personellen, finanziellen und organisatorischen Ressourcen notwendig seien, um die anstehenden Aufgaben zu erfüllen. „Das Projekt befindet sich aber noch in der Beratung“, sagt Dittmar.

Dass die Kosten für eine Behörde, die auch nur annähernd an das „Muster-Gesundheitsamt“ herankommt, vor allem der Finanzverwaltung zu hoch sind, ist kein Geheimnis. Und viele Bezirke können nur noch Familien besuchen, bei denen schon Gefahr im Verzug ist. Genau das aber sollte der Erstbesuch als präventive, vorbeugende Maßnahme nicht sein, kritisieren Experten. FDP-Politikerin Mieke Senftleben regt angesichts der knappen Mittel an, in den Bezirken mehr Familienpatenschaften zu fördern. Und die Gesundheitsverwaltung verweist auf ein gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung entwickeltes Einlegeblatt, das seit Anfang Oktober jedem Mutterpass beigelegt wird. Damit soll Schwangeren, die sich in prekären Situationen befinden, schon frühzeitig Hilfe angeboten werden. Den Hausbesuch bei Erstgeborenen könne und solle das aber nicht ersetzen.

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