Zora Jochim : Geschichtenjagd

Zora Jochim (10 Jahre)

Lillian seufzte tief als sie die Titelseite der Zeitung betrachtete. Sie war seit einem halben Jahr Journalistin und nicht gerade die Beste. Schon viermal sollte sie einen Artikel für die Titelseite schreiben, alle Artikel waren in die Hose gegangen. Lillian pfefferte die Zeitung in den Mülleimer, dort lagen schon viele Zeitungen. Plötzlich kam ihr Chef herein. Er war rot vor Wut, doch er sagte mit einer ruhigen Stimme: "Sie haben einen Monat Zeit eine Spitzen-Story zu schreiben, das ist ihre letzte Chance! Wenn es schief geht, sind sie gefeuert! Ich stelle ihnen 4000 € zur Verfügung."

Zwei Tage später stand ich mit meinem Notizblock bewaffnet am Flughafen. Nach Paris wollte ich - ja nach Paris - in die Stadt der Liebe. Am Flughafen gab es leider nichts Bemerkenswertes. Zu meiner Enttäuschung waren in Paris die interessantesten Dinge Flohmärkte und Bratwürste. Kein Weltrekord, keine Bomben nicht mal ein Kind mit einer Spielzeugpistole. "Verdammt", schrie ich, "Verdammt!"

Alle Leute starten mich an. Schnell hielt ich den Mund.

Nach ein paar hoffnungslosen Versuchen eine mitreißende Geschichte zu finden, gab ich es für heute, um ehrlich zu sein für drei Wochen, auf. Ich wollte lieber den Swimmingpool des Hotels ausprobieren. Es war spät, ich legte mich auf mein Bett und schloss die Augen. Plötzlich kam, nein rannte, mein Chef in mein Zimmer und schrie: "Sie sind gefeuert!

Sie sind gefeuert!" Dann verwandelte sich mein Chef in ein Monster und fraß mein ganzes Geld auf. Mit einem schrillen Schrei wachte ich auf, und ganz plötzlich wurde mir bewusst, wie wichtig mir mein Beruf bei der Zeitung war.

Noch in dieser Nacht machte ich mich auf Geschichtenjagd!

Ich lieh mir einen Wagen und fuhr durch Paris. Doch es gab keine Geschichten weit und breit!

Fünf Tage später saß ich niedergeschlagen im Flugzeug.

Ich dachte an die Entlassungspapiere, an das fehlende Geld und … auf einmal hörte ich Stimmen, Kinderstimmen.

Sie klangen traurig, sogar richtig unglücklich. Ich spitzte meine Ohren und hielt meinen Notizblock bereit. "Meine Eltern haben nie Zeit für mich, eine Stunde morgens eine Stunde abends, öfter sehe ich meine Eltern nicht." "Du hast es ja noch gut. Mich setzen sie vor den Fernseher und fertig." "Meint ihr bei mir ist es besser? Sie haben mich nur in das Feriencamp geschickt, damit sie in Ruhe arbeiten können."

Die Kinder erzählten und erzählten. Und plötzlich verspürte ich eine Lust zum Schreiben, die ich noch nie in meinem Leben gespürt hatte. Ich schrieb und schrieb und wusste, dass ich meinen Job behalten würde. Doch ich begriff auch: Geschichten lauern an jeder Ecke und warten nur darauf aufgeschrieben zu werden. Aber nur wer die Augen öffnet sieht sie, denn jeder von uns hat eine Geschichte, auch du und ich.

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