14. November 1989: Grenzöffnung offenbart auch Probleme.

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Blog: Der Weg zur deutschen Einheit : 28. November 1989: Kohls Zehn-Punkte-Plan
Thomas Heil

Schabowski ist nicht mehr Berliner Bezirkschef der SED

Ohne nähere Angabe von Gründen ist der SED-Bezirkschef von Berlin Günter Schabowski von seinem Amt entbunden worden. Er bleibt aber Mitglied des Politbüros. Außerdem wird erwartet, das Schabowski eine wichtige Funktion in der neuen Regierung Modrow übernehmen wird.

Derweil laufen die Vorbereitungen für den Sonderparteitag der SED vom 15. bis 17. Dezember an. Bis zum 3. Dezember sollen die Delegierten bestimmt werden. Auf dem Parteitag wird die gesamte Führung der Partei neu gewählt. Zudem soll ein neues Parteistatut und ein neues Programm bestimmt werden.

Auch der verfassungsmäßige Führungsanspruch der Partei steht zur Disposition. So hat sich der neue Volkskammerpräsident Günther Maleuda für die Aufgabe des Machtmonopols der SED ausgesprochen.

DDR erwartet Rückkehrer

Immer mehr vor kurzem in die BRD übergesiedelte DDR-Bürger geben an, nach den neuesten Ereignissen in ihre Heimat zurückkehren zu wollen. Das Rote Kreuz erwartet bis zu 10.000 Rückkehrer in den nächsten Tagen. Man werde Aufnahmelager in der DDR einrichten, in denen sich die Rückkehrer aber nur zwei bis drei Tage aufhalten müssen.

DDR-Bürgerrechtlerin geehrt

Bärbel Bohley, Gründungsmitglied des Neuen Forum, erhält in der Akademie der Künste in West-Berlin den Karl-Hofer-Preis.

Marxismus-Leninismus soll ernsthaft diskutiert werden.

Die marxistisch-leninistische Theorie soll an den Universitäten der DDR künftig nicht mehr als Pflichtfach gelehrt werden. Statt Instrument einer herrschenden Partei zu sein, soll sie Grundlage einer breiten Gesellschaftsdiskussion werden. Das fordern 46 Hochschulen und Universitäten in einem offenen Brief an die Regierung.

Unterschiedliche Gedanken zur Wende

Dresdens Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer bezeichnet die jüngsten Veränderungen in der DDR gegenüber der Wochenzeitschrift Sonntag als eine einmalige historische Chance für die Demokratie, für die Demokratie in Europa überhaupt. Dass sich Politiker "auf die Bühne stellen und mit Hunderttausenden reden und nicht Reden halten", zeuge seiner Ansicht nach von einer ungeheuren politischen Kultur, die im Land vorhanden sei.

In der taz bescheinigt Pfarrer Friedrich Schorlemmer vom Demokratischen Aufbruch der SED ein intellektuelles Potential, über das man nur staunen könne. Sie sei grundsätzlich erneuerungsfähig. Wie sie aber nach 40 Jahren das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen solle, sei eine ganz andere Frage. Zuviel wäre geschehen, wie gerade in diesen Tagen immer deutlicher werde.

Die Neue Berliner Illustrierte konstatiert dagegen unter der Überschrift "Wandlitzer Perspektiven", dass die alte Garde mit ihrer als "unbeirrt" bezeichneten Politik den Blick für die Realitäten im Land verlor und ihr so das Volk abhanden gekommen sei.

Friedensforscher bleiben skeptisch

Das Stockholmer Institut für Friedensforschung SIPRI empfiehlt mit Blick auf das Tempo der politischen Annäherung beider deutscher Staaten Realismus statt Spekulation. In "absehbarer Zeit" sei weder mit einem entmilitarisierten Deutschland noch mit einer Auflösung der Blöcke als Folge des Wandels in der DDR zu rechnen.

Ehrendoktor für Stolpe

Der Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche Manfred Stolpe erhält an der Universität Greifswald die Ehrendoktorwürde.

Scharfe Kritik am Wohnungsbauprogramm der DDR

Das Kollektiv des Lehrstuhls für Bauklimatik der Technischen Universität Dresden übt scharfe Kritik am zurückgetretenen Minister für Bauwesen Wolfgang Junker. In Anbetracht des "unübersehbaren volkswirtschaftlichen Schadens" der von ihm zu verantwortenden Baupolitik sei er vor Gericht zu stellen. Er habe "zur Zerstörung unserer Städte durch den Zerfall der vom Krieg verschonten Altbausubstanz" und damit "zum Identitätsverlust der Bürger in ihren Städten" beigetragen.

Nie sei der "Vorrang des Neubaus 'auf der grünen Wiese' vor der Reparatur eines vorhandenen Gebäudes" in Frage gestellt worden. Mit der Präferenz auf den Neubau von Wohnungen habe Junker ökonomische Grundgesetze missachtet, denn der Verfall der Altbausubstanz habe damit nie aufgewogen werden können. Mehr noch: da man "billigem Bauen" den Vorrang gab, habe sich für die Neubauten ein unvertretbar hoher Reparaturaufwand ergeben. So stehe zum Beispiel der hohe Heizenergiebedarf in keinem Verhältnis zu den Investitionseinsparungen, die durch das "billige Bauen" angestrebt worden waren.

Grenzöffnung offenbart auch Probleme

Während die Freude über die neu gewonnene Reisefreiheit der DDR-Bürger anhält - in den vergangenen fünf Tagen sind dutzende neue Grenzübergänge eröffnet worden, in Berlin allein zehn - werden auch kritische Stimmen laut. In ihrem Zentralorgan Neue Zeit warnt die Ost-CDU, im Jubel "dürften keineswegs die wirtschaftlichen Probleme außer Acht gelassen werden." Die gefüllten Regale im Westen aber auch der hohe Umtauschkurs von DDR-Mark in Westgeld sollten den Blick für die mangelnde Effizienz der eigenen Ökonomie schärfen.

Mit den offenen Grenzen entwickelt sich die DDR in ein Paradies für Schieber und Spekulanten. Franz Steinkühler, Chef der bundesdeutschen IG-Metall, warnt zudem vor einem Ausverkauf der DDR. Um zu Devisen zu kommen, könnte die DDR "alles, was nicht niet- und nagelfest ist", im Westen verkaufen. Außerdem sieht Steinkühler die Gefahr, Verleihfirmen könnten sich darauf spezialisieren, DDR-Arbeitskräfte günstig an bundesdeutsche Firmen zu vermitteln.

Währenddessen gibt es im Außenhandelsministerium der DDR ganz neue Überlegungen. Wie Staatssekretär Christian Meyer dem Pariser Wirtschaftsblatt La Tribune de l'Expansion mitteilt, schließt man den Gedanken eines Beitritts der DDR zur Europäischen Gemeinschaft langfristig nicht aus. Zuvor müssten aber andere Formen der Kooperation gefunden werden.

Lübecker Zahnärzte reagieren derweil auf den von der Ausreisewelle ausgelösten Fachkräftemangel im Osten. Sie bieten einen Notdienst für Besucher aus der DDR an.

Bananen! Für manchen Bundesbürger ein gewöhnungsbedürftiger Anblick - DDR-Bürger, die, nach zum Teil jahrelangem Verzicht, selbst Regale mit alltäglichsten Waren leer kaufen. Vor allem die Banane wird zum Symbol der neu gewonnenen Konsumfreude der Ostdeutschen.
Bananen! Für manchen Bundesbürger ein gewöhnungsbedürftiger Anblick - DDR-Bürger, die, nach zum Teil jahrelangem Verzicht, selbst...Foto: dpa

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