• Dritte Generation Ostdeutschland: "Es lohnt sich, in mittelständische Unternehmen zu investieren"

Dritte Generation Ostdeutschland : "Es lohnt sich, in mittelständische Unternehmen zu investieren"

Christian Rückert ist 1975 in Schwedt/Oder geboren. Er hat BWL an der Viadrina in Frankfurt an der Oder studiert und arbeitet heute als Wirtschaftsprüfer in Berlin.

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Christian Rückert, Wirtschaftsprüfer in Berlin
Christian Rückert, Wirtschaftsprüfer in BerlinFoto: Jana Demnitz

Seit 2008 bin ich als selbständiger Wirtschaftsprüfer für kommunale Energieversorger, Wasser- und Abwasser-Unternehmen und Wohnungsbaugesellschaften im gesamten Osten tätig. Diese Spezialisierung auf diese Branchen habe ich quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Meine Mutter hat nach der Wende, in meiner Heimat Schwedt/Oder, mit die gesamten kommunalen Strukturen aufgebaut.

Ich bin im Jahr 2000 nach meinem Abschluss der Betriebswirtschaftslehre an der Viadrina in Frankfurt an der Oder in die Wirtschaftsprüfer-Branche eingestiegen und damals begleitete mich der Spruch der westdeutschen Kollegen: "Erst kommt Gott und dann der Wirtschaftsprüfer." So sind die Herren damals auch aufgetreten. Ich denke, mein Berufsstand sollte sich mit dem Thema auseinandersetzen, dass der Wirtschaftsprüfer in Ostdeutschland kein so positives Image hat, wie er behauptet. In der Wendezeit haben einige Westkollegen ihr Unheil in den neuen Bundesländern gerieben. Der Ausverkauf der ostdeutschen Unternehmen durch die Treuhand lag auch darin begründet, weil die Bewertung von Wirtschaftsprüfern oft viel zu gering eingestuft wurde. Da ich selbst Unternehmen bewerte, kenne ich die Spielräume, die sich hier ergeben.

Anfang der 90er-Jahre wurden nach meiner Überzeugung mutwillig von Seiten der Treuhand einige Betriebe abgewickelt, die mit einer Anschubfinanzierung und einem ordentlichen Wirtschaftsplan hätten gerettet werden können. Ein langfristiges Denken hat bei der Treuhand absolut gefehlt. Man wollte die Betriebe schnell abwickeln und hatte keine Vision, wie Ostdeutschland mal in zehn oder zwanzig Jahren aussehen soll.

Heute haben wir im Osten vorrangig kleine Handwerker, die verlängerte Werkbank eines Mutterkonzerns im Westen oder ein Mittelständisches Unternehmen, dessen Eigentümer aber auch im Westen sitzt. Aber das kann geändert werden, und positive Tendenzen sind ja bereits vor allem in den Großstädten Berlin, Leipzig und Dresden zu beobachten. Die Arbeitslosigkeit nimmt von Jahr zu Jahr ab, die Einwohnerzahlen in einigen Regionen steigen wieder. Einen Mittelstand aufzubauen braucht aber Zeit. 25 Jahre sind aus unternehmerischer Perspektive eine kurze Zeitspanne. Es könnten, aufbauend auf den Erfolgen bei den Pisa-Vergleichen, die Universitäten und Fachhochschulen bedarfsgerechter ausgebaut werden. Wir brauchen Ingenieure und Sprachwissenschaftler, die vor allem auch die slawischen Sprachen lernen, denn die Hinwendung Richtung Osteuropa wird eine immer wichtigere Rolle spielen.

Mit der "Dritten Generation Ostdeutschland" ist für mich die Zeit gekommen, um die Impulse und Erfahrungen aus der Vergangenheit in ein wiedervereinigtes Deutschland mit einzubringen und in die Zukunft zu schauen. Wir sollten junge Menschen ermutigen, selbst Unternehmen in Ostdeutschland zu gründen. Der Osten braucht solch ein Engagement. Es lohnt sich, in mittelständische Unternehmen zu investieren, denn der Wert von Unternehmensanteilen steigt stärker als der von Aktien. Um die verursachte wirtschaftliche Schieflage durch die Treuhand zu beseitigen, muss sich in den nächsten Jahrzehnten in Ostdeutschland ein Unternehmertum herausbilden. Dafür kann man auch noch weiter in Richtung Osten schauen. Auch Polen hatte bis bis zur politischen Wende eine Staatswirtschaft - aber keine Treuhand. Vielleicht können wir ja auch von unseren östlichen Nachbarn etwas lernen.

Ich wünsche mir, dass auch viel mehr Menschen aus meiner Generation den Mut haben, ein Unternehmen zu übernehmen. Die IHK sucht händeringend solche jungen Akteure. Es ist wichtig, dass die Wertschöpfung im Osten bleibt und nicht in den Westen fließt. Wir können es auch, wir müssen es nur wollen und tun. Es ist nicht gottgegeben, dass der Eigentümer immer nur aus Bayern oder aus Nordrhein-Westfalen kommt.



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