Besonderer Einsatz : Der Fall des Aussichtsturms

Am 10. November war Tagesspiegel-Leser Horst Henkel für die Freiwillige Feuerwehr im Einsatz. An einem geschichtlichen Ort: der Bernauer Straße.

Horst Henkel

Im Jahr 1976 wurde ich Mitglied  der Freiwilligen Feuerwehr Hermsdorf. Die Feuerwache Hermsdorf bestand aus der Berufsfeuerwehr und den Mitgliedern der Freiwilligen. Unsere Aufgabe war hauptsächlich die Unterstützung der Berufskollegen bei größeren und längerdauernden Einsätzen. Im "Ausnahmezustand" erfolgte die Alarmierung durch den Funkmelder. Die wenigen Ausnahmezustände im Jahr reichten natürlich nicht aus, um für den Ernstfall ausreichend vorbereitet zu sein. Also wurden die Einheiten der Freiwilligen , die wie wir keinen eigenen Ausrückebezirk hatten, zu Einsatzdiensten auf den Wachen der Berufskollegen hinzugezogen. Wir Hermsdorfer wurden  jeden zweiten Freitag von 16-23 Uhr mit unserem Löschfahrzeug und einem RTW zur Wache Schillerpark geschickt.

Der Einsatzdienst am 10. November 1989 wird uns wohl allen in Erinnerung bleiben, einprägsamer als der Einsturz der Kongreßhalle oder andere Großeinsätze, die wir bis dahin erlebt hatten. Gegen 19.30 Uhr  erhielten wir die Weisung, mit unseren Fahrzeugen zur Bernauer Straße zu fahren, um den auf der Westberliner Seite stehenden, allen Touristen bekannten Aussichtsturm abzutragen. Als wir am Einsatzort ankamen, sahen wir tausende Zuschauer, die zusammen mit Kamerateams aus aller Welt sich versammelt hatten. Die Polizei hatte das Gelände um den Turm abgesperrt, so dass wir, ohne die Zuschauer zu gefährden, mit dem Abbau beginnen konnten. Es hatte sich wohl herumgesprochen, was dort unser Job sein sollte: Die Bevölkerung begrüßte uns mit lautem Gejohle und Klatschen, in den nahen Ostberliner Wohnungen standen die Leute mit Kerzen in den Händen hinter den Fenstern. Jedes Gerüstteil, das von uns abgebaut und von oben auf das Straßenpflaster  knallte, wurde begeistert beklatscht.

Ich erinnere mich deutlich an Sprechchöre wie:" Weg mit der Sch... !"Ab und zu blickte von der Ostberliner Seite ein Uniformierter herüber , besprach sich mit den Westberliner Polizisten. Wir erfuhren, dass am nächsten Morgen die Mauer an  der Bernauer Straße geöffnet werden sollte. Die Zuschauer standen unbeirrbar mit fortgeschrittener Stunde, ich erblickte einige bekannte Gesichter, die uns zuwinkten, unter anderem unseren Kinderarzt aus Frohnau.

In den frühen Morgenstunden waren die Gerüstteile des Turmes verschwunden. Jetzt begann die körperlich anstrengendste und für uns natürlich ungewohnte Arbeit: Mit dem Preßlufthammer mußte das Fundament  entfernt werden.Als es hell wurde, waren die letzten Teile verschwunden. Die Rückfahrt zur Wache, das Einräumen der Werkzeuge und Klarmachen des Fahrzeugs zum eventuellen nächsten Einsatz war übliche Routine!

Noch 20 Jahre nach diesen für uns bis dahin unvorstellbaren Ereignissen denke ich sehr oft daran zurück. Die Gefühle sind die gleichen wie damals, nach dieser langen Zeit!

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