Ein stolzer Zeitzeuge : Überall Trabis und Wartburgs

Tagesspiegel-Leser Klaus Tenzer zieht es am 10. November nicht ins Büro sondern an den Grenzübergang Chaussestraße. Auf dem Weg dorthin begegneten ihm überall Trabis und Wartburgs.

Klaus Tenzer

Es war Donnerstagabend, der 9. November, und ich befand mich von einer Dienstreise kommend auf der Rückfahrt nach Westberlin. Bis hinter dem Kontrollpunkt Helmstedt hörte ich im Auto Westradio, allerdings mit schwindender Empfangsqualität so, dass ich mir kurz vor der Elbebrücke bei Magdeburg einen gut empfangbaren Ostsender einstellte. Wenn man öfter die Transitautobahn benutzte, kannte man das Problem mit dem Radioempfang. Es war kurz vor 19 Uhr, als das Politbüromitglied Günter Schabowski eine vom Rundfunk der DDR übertragene Pressekonferenz gab, auf der er unter anderem mitteilte, dass die Bürger der DDR fortan frei reisen können. Auf die Nachfrage eines Journalisten, ab wann diese Regelung in Kraft tritt, antwortete Schabowski mit „sofort“.

Ich hörte diese Ankündigung mit Erstaunen, hatte aber meine Zweifel, dass sich in dieser Angelegenheit in nächster Zeit etwas ändern würde. Zu lange stand schon die Mauer und der Gedanke an eine Öffnung und Reisefreiheit für alle Ostdeutschen schien einfach absurd. So fuhr ich weiter durch den Abend bis ich um ca. 21 Uhr im Westteil unserer Stadt zu Hause war. Meine Frau arbeitete im Verkauf und hatte an diesem Donnerstagabend eine lange Öffnungszeit, so dass sie erst kurz nach meiner Ankunft nach Hause kam. Da wir uns die ganze Woche nicht gesehen hatten gab es einiges zu erzählen. Ohne das Radio oder den Fernseher einzuschalten gingen wir müde ins Bett.  Freitagfrüh um 6 Uhr war ich wie immer als erster im Bad und schaltete das Radio ein. Was ich dort hörte, war kaum zu glauben. Mein erster Gedanke war, dass wir ein Riesenereignis, nämlich die Öffnung der Mauer, verschlafen haben. Mit den entsprechenden Informationen wären wir wohl nicht schlafen gegangen sondern hätten uns unter das Volk gemischt.
V
on den Ereignissen überrascht ,weckte ich sofort meine Frau, und wir setzten uns vor den Fernseher um zu sehen, was in der vergangenen Nacht alles passiert war. Dann fiel mir die Pressekonferenz des Vorabends wieder ein und die Mitteilung bezüglich der Reisefreiheit. Mit dieser spontanen Entwicklung hatte wohl keiner gerechnet. Es war ein Gefühl, als ob ein Damm gebrochen ist. Ohne zu frühstücken saßen wir bis ca. 8 Uhr vor dem Fernseher, schalteten alle aktuellen Fernsehkanäle durch und saugten alle diesbezüglichen Informationen voller freudiger Erregung in uns auf. Der Freitag verlief für mich ganz anders als geplant. Anstatt ins Büro zu fahren, fuhr ich zum Grenzübergang Invaliden Strasse. Dort war es so voll, dass ich weiter nach Wedding zum Grenzübergang Chausseestraße fuhr. Die Luft roch an diesem Tag fast überall nach Abgasen von Zweitaktern. Die Westberliner City war voll von Trabis und Wartburgs. Es war auch ein ungewohntes Bild, plötzlich auf der Stadtautobahn diesen Autos zu begegnen.

Mein nächster Besuch galt dem Brandenburger Tor. Dort fand eine gewaltige Party statt, und jeder wollte auf der Mauer stehen. Die Verbrüderung war grenzenlos. Schließlich schaffte ich es dann doch noch, am späten Nachmittag in meinem Büro zu sein. Aber voller emotionaler Eindrücke war ich unfähig, meiner Arbeit nachzugehen. Die darauffolgenden Tage und Wochen waren sehr spannend für uns und wir fingen an, den Ostteil unserer Stadt zu entdecken. Silvester 89 / 90 sind wir mit mehreren Freunden spontan von einer privaten Silvesterfeier zum Grenzübergang Lichterfelde/Teltow gefahren. Wir wussten, dass dort Ost und West gemeinsam feierte, und wir wollten dabei sein. Gefeiert wurde bis in den frühen Morgen und es ergaben sich für uns die ersten privaten Kontakte zu unseren Ostberliner Landsleuten. Zu erwähnen ist, dass wir keine Verwandtschaft in Ostberlin haben. Mit einem Ehepaar sind wir noch heute befreundet und wir haben in den vergangenen zwanzig Jahren vieles gemeinsam unternommen und erlebt. Die Maueröffnung und die Wendezeit waren für mich ein einmaliges und unvergessbares Erlebnis. Der Mauerfall und die Wende waren ein Glücksfall für mich persönlich. So wie ich mit Entsetzen den Mauerbau erlebt habe, so habe ich mit großer Freude die Wende erlebt. Ich bin stolz ein Zeitzeuge zu sein.

Umfrage

East Side Gallery: Die bekanntesten Reste der Berliner Mauer wurden versetzt. Was halten Sie davon?

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben