Ergreifende Stimmung : Ein besonderer Aussichtsposten

Am 10. November machte sich Tagesspiegel-Leser Matthias Ziegfeld sofort von seinem Studienort Bremen aus auf die Reise nach Berlin, um die historischen Ereignisse mitzuerleben. Mit seinen Freunden fuhr er sofort Richtung Brandenburger Tor und erklomm dort die Mauer. Dort hatte er eine ganz besondere Begegnung.

Matthias Ziegfeld

Die Nachricht von der Maueröffnung erreichte mich an meinem Studienort Bremen erst durch den telefonischen Weckruf eines Berliner Freundes früh am 10. November. Sprich, ich hatte diese historische Nacht schlichtweg verschlafen. Umso schneller die Entscheidung, an diesem Tage nur noch wirklich unvermeidliche Uni-Termine wahrzunehmen und dann mit meiner Ente sofort nach Berlin zu fahren. Mitfahrer waren bei der Mitfahrzentrale schnell gefunden, denn alle wollten dabei sein. Die Fahrt nach Berlin war ein patriotisches warm-up für die folgenden aufreibenden Tage, konnte ich doch den drei Wessis noch mal kurz einen Abriss der Berliner und gesamtdeutschen Geschichte geben, bis wir sie am Grenzkontrollpunkt Marienborn dann selbst erleben durften.

 

Nie werde ich das Bild der dort in vielen Reihen wartenden Autos vergessen. Bei fast jedem Fahrzeug waren an diesem kalten Novemberabend die Fenster heruntergelassen, der Atem der Insassen quoll heraus und vor allem war eines wahrnehmbar. Aus jedem Auto schall die Rede von Willy Brandt, der in diesen Minuten am Schöneberger Rathaus sprach. Welch’ ergreifende Stimmung, an diesem Abend in Marienborn die beglückten Worte des früheren Regierenden Bürgermeisters Berlins und des Wegbereiters der Entspannungspolitik zu hören.

 

Das Unfassbare der Situation spiegelte sich auch in der Verunsicherung der Grenzpolizisten wider. War die Freundlichkeit mancher der sonst so strengen Kontrolleure eine stille Freude, dass es endlich so gekommen war? Fast greifbar war die Ungewissheit, was denn jetzt weiter passieren würde, denn von den weiteren Entwicklungen konnte ja noch keiner etwas erahnen.

 

Die 180 km durch die DDR verflogen rasch, und auch die Kontrolle in Dreilinden war fast nur noch eine Formalie. Das Ziel in Berlin war klar, nicht etwa ins heimatliche Schmargendorf, sondern wir fuhren direkt zum Brandenburger Tor, um mitzukriegen, was dort los war. Da ja die Mauer dort noch nicht offen war, bin ich natürlich wie alle Leute raufgeklettert auf die oben ja erstaunlich breite Mauer. Die Euphorie der Menschen war unfassbar, jeder half einander hoch und die Menschen standen dicht gedrängt auf diesem einzigartigen Aussichtsposten zwischen West- und Ost-Berlin.

 

Absolut unglaublich jedoch war es, dort oben auf diesen paar qm Mauer zufällig meinen eigenen Bruder zu treffen, der genauso von der Faszination des Momentes mitgerissen war wie ich. Wir lagen uns sofort in den Armen, aber das tat man an diesem Abend ja ständig mit irgendjemandem. Für uns Brüder schloss sich hier gleichsam ein persönlich-historischer Kreis, denn wir beiden erlebten 1975 ein echtes DDR-Abenteuer. Im Alter von 15 und 17 Jahren waren wir bei einer „Grenzverletzung“ im Niemandsland zwischen Kladow und Sakrow von Grenztruppen mit Gewehren im Anschlag festgenommen und stundenlang verhört worden. Wir verbrachten daraufhin drei Tage im DDR-Gewahrsam im Kinder- und Jugendheim Alt-Stralau und wurden nach diesen nervenaufreibenden Tagen auf der Oberbaum-Brücke einem Mitarbeiter des Berliner Senats übergeben. Der seinerzeitige glückliche Ausgang ließ uns eher stolz auf dieses insgesamt nicht ganz ungefährliche Abenteuer blicken, was unsere Eltern damals nicht ganz so sahen.

 

Die Erinnerungsstücke dieses Erlebnisses habe ich natürlich aufgehoben und sie führen mir die geschichtliche Dimension meiner Kindheit und Jugend in Berlin genauso vor Augen wie ein großes Originalschild „You are leaving the American Sector“, das heute in meiner Küche hängt. An den hier beschriebenen Abend auf der Mauer vorm Brandenburger Tor erinnert mich auch immer ein Flicken auf der damals bei der Mauerbesteigung zerrissenen Lederjacke, eben meiner Mauer-historischen Jacke.

 

Im November 1989 wurde mir dann schnell klar, dass es nun an der Zeit wäre, als Berliner schnellstmöglich wieder herzuziehen, um diesen einmaligen historischen Prozess mitzuerleben. Diesen Entschluss habe ich in den spannenden letzten 20 Jahren nie bereut.

 

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