Exkursion in die Exklave : Durchlöcherte Mauer

Wenige Wochen nach dem Fall der Mauer interessierte sich Tagesspiegel-Leser und Autor Gottfried Schenk dafür, was aus der einstigen Exklave Streinstücken geworden war. Immer noch war das kleine Dorf im Süden der Stadt nur durch eine schmale von hohen Betonwänden umgegebenen Zufahrt zu erreichen. Dahingegen klafften in den Grenzanlagen rund um das zu Berlin gehörende Dorf schon große Löcher. Die Mauerspechte hatten ganze Arbeit geleistet.

Gottfried Schenk
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Umgestürzt. Wenige Wochen nach Maueröffnung lag dieser Wachturm zerstört da.Foto: Gottfried Schenk

Einige Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer, ich war gerade vierzig und Neu-Zehlendorfer geworden, packte mich die Neugier, was wohl aus der ehemaligen Exklave Steinstücken geworden sein könnte. Steinstücken, das stand für ein weithin bekanntes und beliebtes Refugium großstadtmüder Inselstadtbewohner, die gerne nach einem Spaziergang im Grünen das Ausflugslokal „Zum Taubenschlag“ aufsuchten. Dazu war Steinstücken vor dem Viermächteabkommen, vor allem wegen der spektakulären Hubschrauberversorgung durch die US-Armee, ein weltweit bekannter Brennpunkt während des Kalten Krieges gewesen. Kurzentschlossen brach ich an einem freundlichen Januarnachmittag in den Zehlendorfer Süden auf, nahm die vertraute Route von der Königsstraße nach Kohlhasenbrück entlang des Stölpchensees bis zum Teltowkanal, wo ich nach wenigen Minuten die betonplattenumsäumte Zufahrt, die Berhard-Beyer-Straße, erreichte. Die, wie sich herausstellte, nach wie vor zwischen übermannshohen Betonplattenwänden eingezwängt lag. Dagegen wiesen die den Ort umschließenden Grenzanlagen zahlreiche Lücken auf, mancherorts fehlten ganze Teilstücke. Hier hatten Mauerspechte und wohl auch die Räumungskommandos der NVA bereits ganze Arbeit geleistet.

 

In der Siedlung selbst schien noch alles beim Alten zu sein. Beschauliche Einfamilienhäuschen mit Vorgärten, auch das Ausflugslokal gab es noch. Aber ich war nicht zum Kneipenhocken gekommen, sondern wollte die Gelegenheit für einen Ausflug auf den Mauerstreifen nutzen. Bangen Herzens, immerhin wäre hier noch vor wenigen Wochen scharf geschossen worden, schlüpfte ich durch eine der Mauerlücken auf den ehemaligen Todesstreifen hinaus. Aber kein Grenzposten stellte sich mir mit der Waffe im Anschlag in den Weg. Im Gegenteil, in der sandigen Weite zwischen Hauptmauer und Hinterlandmauer tummelten sich zahlreiche Ausflügler, einige hatten einen offenbar unbesetzten Wachturm erklommen und die Position der ehemaligen Bewacher eingenommen. Der Blick von oben war, wie ich mich rasch selbst überzeugte, in der Tat ein Erlebnis: Wie eine brutal in die Landschaft gemeißelte Schneise schnitt das Mauerband durch gewachsenes Wohngebiet, riss Siedlungen, Straßenzüge und Waldstücke auseinander; mit seinen Lichtmasten, dem asphaltierten Kolonnenweg, dem Kfz-Graben und dem davor mittig verlaufenden Metallgitterzaun der schaurige Anblick einer bis zur Perfektion ausgebauten Grenzanlage. Wie viel Mut und Verzweiflung mussten DDR-müde Bürger aufgebracht haben, um hier eine Flucht zu wagen? Die es in Steinstücken tatsächlich einmal gegeben hat, um den Preis eines toten Flüchtlings!

 

Immer wieder der eine Gedanke: das ist jetzt zum Glück vorbei, unten auf dem Kolonnenweg patrouillieren keine bewaffneten Grenzsoldaten mehr, sondern friedliche Passanten, einige auf Fahrrädern oder sogar mit Kinderwagen. Ein Wunder, gegen das meine alteingeübte Skepsis immer noch hartnäckigen Widerstand leistete. Und prompt bestätigt wurde: Auf dem Weg zurück plötzlich, wie aus dem Nichts, ein Grenzsoldat. Zu meiner Erleichterung harmlos, da unbewaffnet, mit einem verstört blickenden Wachhund an der Leine. Ein in seiner Symbolhaftigkeit bezeichnender Anblick: Eine Grenze, die bis vor kurzem der Inbegriff der Unmenschlichkeit gewesen war, wurde von einem Posten bewacht, der offensichtlich nicht mehr wusste, warum er da war und was er zu bewachen hatte. Das perfekte Fotoobjekt für einen andenkenhungrigen Mauertouristen, der diese Gelegenheit dankbar wahrnahm.

 

Heute ist Steinstücken kaum mehr wiederzuerkennen. Nach der Wende hat ein Bauboom eingesetzt und dem Ort eine Fülle von Neubauten beschert, während der alte Ortskern zunehmend verschwindet. Nur wenige Anhaltspunkte von damals sind wiederzufinden, so wie das solide Landhaus am Ende der Steinstraße, das ich jetzt nach mehr als neunzehn Jahren wieder aufgesucht habe und das, wie ich finde, ohne Mauer viel, viel netter anzuschauen ist. Ein damals unweit dieser Stelle eigenhändig herausgeschlagenes Mauerstück schmückt heute immer noch stolz meinen Schreibtisch.


Von Gottfried Schenk ist im Verlag Dietmar Fölbach, Koblenz 2008, der Roman "Wenderomanze" erschienen.

 

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