Florian Henckel von Donnersmarck : Wie Deutschland zum Zuhause wurde

Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck erzählt, wie er den Mauerfall erlebt hat, welche Gefühle er als Berliner damit verbindet, wie hoch der symbolische Wert war - und wie er seiner Tochter die Mauer erklärt hat.

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Florian Henckel von Donnersmarck.Foto: ddp

Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?



Ich möchte damit jetzt nicht prophetisch klingen, aber es kam mir immer so seltsam vor, dass diese Mauer dort stand. Ich war mir sicher, dass irgendwann der Zeitpunkt kommen würde, an dem sie fallen müsste. So etwas Irreales kann einfach nicht allzu lange bestehen. Ich war wirklich sehr froh, dass es dann doch ein bisschen schneller ging, als man es vermutet hätte. Der Fall der Mauer fühlte sich dann ein wenig unwirklich an. Obwohl die unwirklichste Sache dabei natürlich war, dass es da überhaupt eine Mauer gab, die zwei Länder voneinander trennte. Es fühlte sich dann aber doch seltsam an, als die Mauer einfach so verschwand. Sie stand unser ganzes Leben lang dort als eine Trennungslinie, als eine künstliche Barriere. Ich kann mich daran erinnern, dass ich die Mauer als Kind sogar jeden Tag auf meinem Schulweg gesehen habe und sie einfach ein Teil meines Lebens war. Es war ein seltsamer Teil meines Lebens und erst, als sie weg war, fiel mir auf, wie deprimierend diese Mauer gewesen war.

Was war das für ein Gefühl, Berlin ohne die Mauer zu sehen?

Als ich acht Jahre alt war, zogen wir nach Berlin und ich erinnere mich daran, dass meine Mutter versuchte, dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte von uns Kindern fernzuhalten, um uns damit nicht allzu sehr zu belasten. Ich dachte mir nur: ‚Die Mauer? Das muss ja irgendein schräges Kunstprojekt sein.’ Mein Bruder und ich erfuhren dann, was die Mauer ist. Und wir konnten es nicht fassen, wir konnten es einfach nicht fassen. Es hat viele Jahre gedauert, sich an die Tatsache zu gewöhnen, dass sie dort steht und jetzt hat es fast genauso lange gedauert, um voller Begeisterung zu begreifen, dass sie wirklich verschwunden ist.

Wie hoch war der symbolische Wert für die Welt?

Niemand in Ost- oder Westdeutschland konnte sich wirklich als Deutscher bezeichnen. Die Leute mussten sich Westdeutsche und Ostdeutsche nennen. Einfach nur „Deutscher“ gab es nicht mehr. Ich bin der Ansicht, dass Deutschland im Moment des Mauerfalls wirklich zu einem Zuhause wurde, das es zuvor nicht gewesen war. Wenn man mal zurückdenkt, wie die ganze Welt durch Ideologie gespalten war: Es gab den Westen auf der einen Seite und den Ostblock auf der anderen. Und wenn man sich dann Europa genauer anschaute, war Europa selbst wieder geteilt in Ost und West, und das gleiche galt für Deutschland, ebenfalls aufgeteilt in Ost und West. Bis schließlich hin zur kleinsten Einheit, nämlich der Stadt Berlin, die wieder gespalten war in einen Ost- und einen Westteil. Als die Mauer dann fiel, war es so, als ob all die anderen Trennungslinien begannen, sich langsam der ganzen Welt zu offenbaren, gleich den Kreisen, die entstehen, wenn man einen Stein ins Wasser wirft. Der Mauerfall war also ein ganz entscheidendes Ereignis. Das ist zwar jetzt keine sonderlich originelle Meinung, aber genau so war es meiner Ansicht nach. Heute bedauern es die Leute manchmal, dass man in der ersten Euphorie die gesamte Mauer abgerissen hat und keine Spuren davon mehr für Touristen sichtbar sind. Ich bin allerdings der Meinung, dass es gut war, sie einfach komplett abzureißen, sie loszuwerden. Dadurch wird ja auch gesagt, das Ganze war so unwirklich, das ist nie passiert.

Wie haben Sie Ihrer Tochter die Mauer erklärt?

Mein ältestes Kind, also meine Tochter, ist jetzt sechs Jahre alt – ich hatte noch keine Gelegenheit, ihr zu erklären, was die Mauer bedeutete. Ich habe gehört, dass ein Lehrer in der Schule die Idee hatte, während des Unterrichts einfach eine Mauer in der Mitte des Klassenzimmers zu errichten. Die Kinder durften dann nicht mehr auf die andere Seite gehen und dort ihre Freunde besuchen. Damit wollte er das ganze für Kinder irgendwie verständlich machen. Vielleicht muss ich so etwas auch mal bei uns im Kinderzimmer ausprobieren.

Das Interview im englischen Original und in voller Länge finden Sie auf CNN.com unter dem Link
http://edition.cnn.com/video/#/video/international/2009/11/04/berlin.wall.henckel.cnn
Weitere Interviews mit George Bush Senior, Michail Gorbatschow und Daniel Barenboim finden Sie unter
www.cnn.com/berlinwall

Deutschland und Berlin stehen anlässlich des Mauerfalls im Fokus der Berichterstattung von CNN International. Am 9. November zeigt der Sender die Sendung „The Brief“ mit Jim Clancy um 17.00 Uhr sowie die Sendung „Connect The World“ mit Becky Anderson um 22.00 Uhr live aus Berlin. CNN ruft Zeitzeugen dazu auf, ihre Erlebnisse rund um den Mauerfall in Form von Videos, Kommentaren und Fotos auf einer virtuellen „Mauer“ unter cnn.com/berlinwall mit der Welt zu teilen.

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