Interview : Pfarrer Führer: „Der zweite Teil der Revolution steht noch aus“

1989 hat Pfarrer Christian Führer in der Leipziger Nikolaikirche Gewaltlosigkeit gepredigt und den friedlichen Umbruch in der DDR entscheidend mitgeprägt. Für ihn ist der Weg, der vor 20 Jahren begann, noch nicht zu Ende. Gespräch mit einem Mann der Kirche, der sich selbst als Radikaler bezeichnet.

Christian Führer
Christian Führer, bis März 2008 Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, initiierte mit Friedensgebeten die Montagsdemonastrationen...Foto: dpa

Herr Führer, als ehemaliger Pfarrer an der Nikolaikirche in Leipzig gelten Sie als eine Ikone der friedlichen Revolution von 1989 in der DDR. Hatten Sie Wochen oder Monate zuvor den Gang der Dinge voraussehen können?



Niemand konnte diese Entwicklungen voraussehen, auch nicht der weitsichtigste Prophet. Da ist eine Revolution herangewachsen, die vom Geist Jesu, dem Geist der Gewaltlosigkeit geprägt war.

Die war von Menschen gemacht, die im Allgemeinen mit Jesus und Aufständen nicht allzu viel am Hut hatten ...

Das war das Erschütterndste im positiven Sinne: Diese Massen waren so unchristlich erzogen – bei den Nazis mit Herrenrassendünkel und Kriegsvorbereitung, in der DDR mit Klassenkampf und Feindbild und der These, dass das Gefasel von der Gewaltlosigkeit gefährlicher Idealismus sei, die Panzer-Ecke im Kindergarten galt als Friedenserziehung. Und nun nahmen die so erzogenen Menschen die Botschaft der Bergpredigt auf und erkannten sie als Chance. Mit diesem Mut gingen sie aus der Nikolaikirche heraus und fassten die Botschaft Jesu in die zwei Worte: Keine Gewalt. Das ist ein ungeheurer Vorgang. Kein Pfarrer, kein Bischof, kein Theologieprofessor hat es erfunden.

In Deutschland hatten wir bis dahin keine Tradition der Gewaltlosigkeit. Wird das Ihrer Meinung nach ausreichend gewürdigt?

In der Tat, dies war ein bislang einmaliges Geschehen in unserer politischen deutschen Unheilsgeschichte. Deshalb ist es ganz wichtig, dass das benannt und erinnert wird. Dieses Datum muss in die Schulbücher, in die Universitäten, es muss hinein in die Köpfe und Herzen der Menschen. Es ist für die Menschen in Deutschland wichtig, eines positiven Datums zu gedenken. Wir dürfen Kriege und Vernichtung nie verdrängen, aber das ist gottseidank nicht das Einzige, was wir in unserer Geschichte haben.

Warum wird aber dieses so positiv besetzten Ereignisses so verschämt gedacht? In Ostdeutschland nimmt kaum jemand das Wort von der friedlichen Revolution in den Mund.


Zu uns kommen sehr viele Gruppen von Schülern und Jugendlichen, die sich in der Nikolaikirche, am authentischen Ort, über die Ereignisse von damals informieren wollen. Wenn man diese Jungen und Mädchen fragt, ob sie zu Hause mit ihren Eltern über diese Zeit sprechen, sagen sie: Nein. Nicht in der Sache, aber in der Reaktion ist das vergleichbar mit der Situation der 68er in der alten Bundesrepublik. Auch dort stießen die Söhne und Töchter bei ihren Eltern auf eine Mauer des Schweigens oder der Ablehnung – man fühlte sich angegriffen.

Sie meinen, das ist heute im Osten ähnlich ...

Ja. Die Leute denken: Wir waren nicht aktiv genug dabei. Viele schämen sich – so hoffe ich zumindest – für ihre damalige übliche, primitive Anpassung und den Rückzug in die private Nische. Es ist einfach schwierig, das seinem Kind zu erklären. Es gab allerdings auch die, die ganz spät, als es keine Gefahr mehr gab, auf den Zug aufgesprungen sind und jetzt die großen Helden sind, die es immer schon gewusst haben wollen. Umso wichtiger ist, dass die jungen Leute selbst auf Spuren suche gehen.

Auch auf der politischen Ebene ist der Drang, an die friedliche Revolution in der DDR zu erinnern, eher verhalten.

Ja, auch die Politik tut sich schwer, dieses einmalige Datum angemessen zu reflektieren. Dabei ist es doch, wie man im Westen sagt, ein Alleinstellungsmerkmal. Nicht unsere Tornados und andere Militärtechnik sind unsere Exportschlager. Wenn wir den Geist der friedlichen Revolution exportieren könnten – daran ist die Welt interessiert. Alle geteilten Länder wie Nord- und Südkorea, aber auch Staaten Südamerikas oder Afrikas interessieren sich für die Selbstbefreiung aus der Diktatur ohne Hilfe von Dollar und Dax, ohne Sowjetskaja Armija oder US-Armee. Sie fragen, wie habt Ihr das gemacht, wie ist das überhaupt möglich?

Aber danach wird ja nicht einmal in Deutschland gefragt.

Da sind einige Dinge völlig schief gelaufen. Auch im Westen hat ja niemand an eine Wiedervereinigung so richtig geglaubt, wahrscheinlich nicht einmal Helmut Kohl. Der Bundeskanzler hat Honecker noch 1987 den roten Teppich ausgerollt. Nun gab es also diesen 9. Oktober 1989, und die Politiker waren völlig handlungsunfähig – im Osten, aber eben auch im Westen. An diesem Tag waren die Hebel der Macht allein in den Händen des Volkes. Es war ein Tag der Gewaltlosigkeit. Und es war ein Tag des Volkes. Das allein agierte. Die anderen haben nicht einmal reagiert. Krenz ...

... das damals in der DDR für innere Sicherheit zuständige SED-Politbüromitglied ...

... hat das Vernünftigste in seinem Leben getan: nichts. Und nun sollen die Politiker diesen 9. Oktober feiern, an dem die Politiker gar nicht vorkommen? Das wäre für sie ja eine Katastrophe. Dafür musste dann der 3. Oktober herhalten: Da haben sie unterschrieben, da waren sie voll dabei. Das ist der Tag, an dem sie sich einbringen können. Wenn Sie sich mal Reden zum 3. Oktober anschauen – da habe ich, außer bei Wolfgang Thierse, noch nie etwas vom Volk gehört. Deswegen müssen wir uns auch nicht wundern, dass der 9. Oktober nicht vorkommt. Dass man dieses Datum von vornherein ignorierte, war ein geschickter Schachzug, um später den Anschluss Ostdeutschlands an die Bundesrepublik nach Paragraf 23 des Grundgesetzes machen zu können.

War das für Sie dann eine Ernüchterung, als aus dem Ausspruch „Wir sind das Volk“ der Ruf „Wir sind ein Volk“ wurde?

Konrad Weiß, Bärbel Bohley, viele andere und ich hatten damals die Vorstellung: Jetzt können wir endlich mal eine richtige demokratische Republik in die Hand nehmen. Als wir dann mit vielen westdeutschen Persönlichkeiten am 30. Januar 1990 in der Evangelischen Akademie in Tutzing zusammensaßen – die zwei Weizsäckers waren dabei, Brandt, Genscher und aus der DDR eine bunte, exotische Truppe –, wollten wir unsere Vorstellungen ausbreiten. Da sagte Willy Brandt: „Die Einheit ist gelaufen. Das ist nur noch eine Frage der Modalitäten.“ Wir wussten nicht, wie uns geschah. Und dann sagte Genscher: „Und den Westdeutschen müssen wir sagen: Die Einheit gibt’s nicht zum Nulltarif.“ Dann haben wir den ganzen Abend heiß diskutiert. Und uns wurde klar: Das läuft ganz anders – in einem Tempo, das keiner mehr aufhalten kann. Das hatten die Menschen auf der Straße schon längst entschieden.

Die Modalitäten wurden dann geklärt. Konnten Sie damit leben?

Natürlich musste diese Chance genutzt werden. Aber man hätte einen vollständigen rechtlichen Rahmen für die Einheit schaffen können mit dem Vermerk: Tritt in Kraft – in fünf Jahren. Da hätte man in Ruhe diese schwierige Aufgabe, zwei so unterschiedliche Deutschländer zu vereinigen, planen können. Wir hatten die Vorstellung, wir würden als gleichberechtigte Partner in die Einheit kommen, aber wir müssten eben die Zeit haben, das erst einmal zu werden. Deshalb haben wir von Anfang an gesagt: Paragraf 23 – kein Anschluss unter dieser Nummer.

Was hätten Sie denn als Partner einbringen wollen?

Der Westen brachte das Grundgesetz mit, vermutlich das beste, was die Deutschen in der politischen Geschichte bisher geschaffen haben. Er brachte 40 Jahre gelebte Demokratie und eine potente Wirtschaft ein – alles Dinge, die wir nicht hatten. Wir im Osten hatten diesen 9. Oktober, wir hatten die friedliche Revolution. Dieser Akt – Selbstbefreiung aus einer Diktatur heraus – war ein unerhörter Vorgang. Dieses Datum als nationalen Feiertag festzuhalten hätte das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen gewaltig gestärkt: Das ist unser „Kapital“, das bringen wir in die Einheit ein. Und man hätte diesem neuen Staat einen neuen Namen und eine neue Hymne geben müssen.

Welche Reaktionen kamen denn aus der Bundesrepublik bei Ihnen an, als sich im Herbst 1989 die Ereignisse in Leipzig und anderswo überschlugen?

Es gab unglaublich warmherzige Reaktionen. Wir haben viele Anrufe bekommen: „Wir zittern vor dem Fernseher“, „Uns kommen die Tränen“, „Wir denken an Euch und beten für Euch“. Da kamen so viele Zeichen der Liebe und Verbundenheit hier an. Das war der beste Moment in diesem Prozess, das war ein Moment des wirklichen Zusammenwachsens. Der ist verloren gegangen, als es nur noch um die Mechanismen und die Kosten der Einheit ging.

Kann man diesen Moment, diesen Geist der Verbundenheit noch einmal zurückholen?

Gefühle kann man nur bis zu einem bestimmten Grad wieder zurückholen und nachempfinden. Aber der 9. Oktober war ein Kairos, was im Griechischen einen einmaligen Zeitpunkt bezeichnet. Der ist unwiederholbar. Diese Gefühle von damals können wir nicht künstlich erzeugen. Aber wir können auf diesen Gefühlen aufbauen. Wir können uns erinnern, wie das damals war.

Was ist aber nun geblieben von diesem Geist von 1989?

Dieser Geist von 1989 war zunächst einmal darauf begrenzt, das zu erreichen, was man damals wollte. Schauen Sie sich die alten Plakate an, die Forderungen nach Demokratie, freien Wahlen oder Zulassung des „Neuen Forums“, die materialistischen Forderungen wie „Visafrei bis Shanghai“ und ähnliche. Das ist alles erfüllt worden. Dann kam aber die Wirklichkeit, die keiner so richtig kannte. Im Osten dachte man, der Westen ist ein Paradies, alles fällt einem in den Schoß. Im Westen ahnte man nicht, welche Schädigungen diese Weltanschauungsdiktatur nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in den Seelen der Leute verursacht hatte. Nun mussten beide, vor allem aber der Osten, durch eine Phase der Ent-Täuschung hindurch: Man verlor die Täuschung, die Bilder stimmten nicht. Das aber konnte man den Menschen nicht ersparen – man kann jemandem auch nicht die Pubertät ersparen. Das musste durchlebt werden.

Wie haben Sie diese Phase der Ent-Täuschung erlebt?

Ich erinnere mich an einen umjubelten Auftritt Helmut Kohls auf dem Leipziger Augustusplatz vor der Volkskammerwahl am 18. März 1990. Der Kanzler wurde wie der Messias begrüßt. Als ich dann ein Schild sah mit der Aufschrift: „Nicht nur in Oggersheim, auch hier wollen die Menschen glücklich sein“, da dachte ich, mich streift ’ne Lok. Nach diesen treffsicheren und klugen Sprüchen, die die Leute im Herbst ’89 in der Garage auf ihre Betttücher gemalt hatten, nun dieser Schwachsinn. Ein Jahr später habe ich auf demselben Platz vor zehntausend sächsischen Arbeitslosen gesprochen. Da war eine wütende Stimmung: „Platz der Verkohlung“, „Hängt den Dicken auf“, wurde gerufen – das eine so falsch wie das andere. Daran lässt sich das Wechselbad der Gefühle der Menschen erkennen.

Das ist ja durchaus eine zutiefst menschliche Eigenschaft: himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, und vor allem das Unschöne recht schnell zu vergessen ...


Es gibt dazu auch eine Parallele in der Bibel: Der Weg der Israelis in Ägypten aus der Sklaverei in die Freiheit war ein 40-jähriger Marsch durch die Wüste. Bei jeder neuen Schwierigkeit, die in der Freiheit auftauchte, ging das große Murren und Meckern los. Das ging so weit, dass die Leute sagten: In Ägypten hatten wir wenigstens zu essen, und dann kommt die längste Aufzählung von Gemüsesorten im Alten Testament. Auf diese Weise wurde der Sklavenstaat, der Vernichtung durch Arbeit betrieben hatte, im Rückblick zum Versorgungsstaat. Das ist der typische Vorgang, den wir auch im Rückblick auf die DDR erleben. Das gipfelt dann in dem fatalen, verhängnisvollen Satz: Es war nicht alles schlecht.

Glauben Sie, dass solch ein Jubiläumsjahr wie 2009 dazu beitragen kann, sich wieder bewusster, vielleicht auch selbstbewusster zu erinnern?

Ja, ich denke schon. In der Erinnerungskultur werden der 9. Oktober 1989 als Kerndatum und die friedliche Revolution insgesamt bewusster wahrgenommen. Wir hatten in Leipzig drei Mal an diesem Tag den damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau zu Gast. Doch das hat kaum bundesweite Aufmerksamkeit gefunden. Im nächsten Jahr wird dieses Datum wesentlich deutlicher wahrgenommen werden, zumal es das ganze Jahr über eine Vielzahl von Veranstaltungen gibt.

Was sagt eigentlich Ihr Gott dazu, dass einer der Verkünder seines Wortes Revolutionär ist?

Jesus ist ja auch ein Revolutionär, sanfter Tod mit 80 Jahren im Altersheim ist da nicht drin. Jemand, der gekreuzigt wird, hat mächtig viel bewegt. In den nur drei Jahren seines öffentlichen Wirkens hat er dieser Erde eine Spur des Segens aufgeprägt, die unvergänglich ist. Für uns Kirchenleute war besonders bestimmend, dass Jesus gesagt hat: Ihr seid das Salz der Erde, nicht die Creme, die Oberschicht. Das heißt, Ihr müsst Euch hineinbegeben in die Gesellschaft.

Aber nicht alle Pfarrer und nicht alle Kirchenleitungen haben damals ihre Kirchen geöffnet. Haben Sie deswegen auch Konflikte aushalten müssen?

Ja, aber diese Konflikte waren nicht nur durch unterschiedliche Auffassungen geprägt. Über uns allen schwebte doch ein Damoklesschwert. Und manche sagten: Indem ihr diesen kritischen Leuten und den Ausreisewilligen Raum gebt, provoziert ihr den Staat so lange, bis er schießt. Dann seid ihr für das Blutbad, für die chinesische Lösung verantwortlich. Das war am schwersten auszuhalten – für den Landesbischof, für die Landessynode, für das Landeskirchenamt und für uns hier.

Haben Sie auch das Argument gehört: Politik gehört nicht in die Kirche?

Auch das war zu hören. Zugrunde liegt die verkehrte Auffassung, unpolitisch sei, wer sich nicht einmischt. Aber wer nichts sagt, wer nicht handelt, wer nicht eingreift, der ist eminent politisch. Denn er stützt entscheidend den Status quo. Einen bequemeren Untertan kann sich ein Staat gar nicht wünschen. Aber Jesus hat sich eingemischt. Politik, polis, heißt: was die Stadt, was die Öffentlichkeit betrifft. Insofern ist die Kirche generell politisch, aber sie darf nie parteipolitisch sein. Denn dann würde sie Menschen bevorzugen und andere ausschließen.

Die Revolution von 1989 hat ihr Ziel erreicht. Nun sind die Mühen der Ebene zu bewältigen. Was bleibt für Sie als Kernbotschaft heute noch übrig?

Der zweite Teil der Revolution hat noch nicht stattgefunden. Die Form der politischen Demokratie ist hierzulande mit der kapitalistischen Marktwirtschaft verbunden. Die Marktwirtschaft hat aber eigentlich nichts Demokratisches an sich, sie ist eine gnadenlose Leistungsgesellschaft. Die Bankenkrise hat auch dem Letzten deutlich gemacht, dass dieses System mit seiner Gier nicht zukunftsfähig ist. Kein System darf heiliggesprochen werden, jedes muss im Sinne Jesu vermenschlicht werden.

Was aber soll anstelle von Leistung und Marktwirtschaft die Ökonomie und die Gesellschaft bestimmen?

Wir müssen uns wieder auf die Jesus-Mentalität des Teilens besinnen. So müssen wir das kostbare Gut Arbeit, das immer geringer wird, immer wieder neu unter den Menschen aufteilen. Damit die, die arbeiten können und wollen, auch an Arbeit und Einkommen beteiligt werden. Der Zustand, den wir jetzt haben – dass immer mehr Leute nicht arbeiten dürfen und immer weniger Leute immer mehr arbeiten müssen –, fliegt uns irgendwann um die Ohren. Das ist Aufgabe des zweiten Teils der friedlichen Revolution: eine der Demokratie passendere Wirtschaftsform zu finden, die mehr Anteile an Beteiligung garantiert, was ja der Grundzug der Demokratie ist.

Reden Sie damit denen das Wort, die sagen: Im Grunde genommen war das, was in der DDR versucht wurde, richtig, sie haben es nur falsch angestellt?

Das ist zu einfältig. Das DDR-System war nicht reformierbar. Das konnte nur abgeschafft werden. Krenz’ Gerede vom Sozialismus mit menschlichem Antlitz war nur Verschleierungstaktik. Aber so viel ist richtig: Der Sozialismus oder der Kommunismus ist sozusagen ein säkulares Kind des Evangeliums. Er setzt bei Apostelgeschichte 2 an: Urkommunismus als Gütergemeinschaft, Jesus als der erste Kommunist. Das haben wir nicht als blasphemisch empfunden, sondern das war richtig. Was Jesus Nächstenliebe nannte, wurde dort als Solidarität bezeichnet, Gemeinwohl geht vor Eigennutz. Insofern war uns von der Idee her der Sozialismus wesentlich näher als der Kapitalismus.

Also doch nur falsch gelaufen ...

Sozialismus und Kommunismus haben zwei Grundfehler, die dieses System über kurz oder lang ad absurdum geführt haben: Sie haben erstens die Gottesfrage völlig ausgeschaltet. Sie wollten das Reich Gottes hier und heute selbst einführen. Das ist in der Geschichte der Weltverbesserer immer gräulich schiefgegangen. Sie wollten mit Marx die Welt verändern und am Ende hatten sie nicht mal genug Autobatterien. Der zweite Grundfehler war das Menschenbild – die Einteilung der Welt in Gut und Böse. Und dann dieser völlig verfehlte Ansatz: Du musst die Menschen nur lange genug rot bestrahlen, dann kommt am Ende ein Roter heraus, der neue sozialistische Mensch. Aber im Menschen ist nun einmal die ganze Palette der Eigenschaften, von furchterregend grausam bis wunderbar liebevoll, angelegt. Wir müssen dafür sorgen, dass die christlichen Werte Glaube, Liebe, Hoffnung in der Erziehung vom Kindergarten an wieder die entscheidende Rolle spielen. Diese Werte werden nicht vererbt, sie müssen vermittelt und erworben werden. Nur dadurch kann man auch der weiteren Zerstörung der Familie begegnen.

Manche werden Sie mit Ihren Visionen als Träumer bezeichnen – und das auch deshalb, weil ja die Menschen mit der ersten friedlichen Revolution letztlich genau auf jene Marktwirtschaft zugesteuert sind, die Sie jetzt so heftig kritisieren ...


Damals hat die friedliche Revolution niemand für möglich gehalten, nicht in Deutschland und erst recht nicht im atheistischen Osten. Das war auch etwas Unvorstellbares – und es ist doch passiert. Das Ergebnis ist nur zum Teil, allerdings zu einem großen Teil, zufriedenstellend. Die Menschen haben zunächst nur das eine geschafft und nicht das ganze im Blick behalten. Dann kam erst einmal der Rückfall in das egoistische Denken. Dennoch dürfen wir keine Scheu haben, das Ungeheure wieder zu erhoffen.

Verstärkt die derzeitige Finanzkrise die Chancen auf grundlegende Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft?

Es ist ja schon Vieles ins Rutschen gekommen. Da schreien jetzt die Banken nach Geld vom Staat. Hätte jemand vor zehn Jahren von Verstaatlichung der Banken gesprochen, hätte man gerufen: Das Gespenst des Kommunismus geht um. Die Krise hat jetzt deutlich gemacht: Wir können nicht einfach alles blind wachsen lassen wie ein Krebsgeschwür. Eine Gesellschaft, die angeblich nur funktioniert, wenn jährlich zwei Prozent Wachstum generiert werden – ja, sind wir denn besinnungslos? Auch bei solchen Sprüchen wie „Das Geld arbeitet“ kann ich die große Wut kriegen. Ich habe noch nie Geld arbeiten sehen. Die Billionen Dollar, die täglich elektronisch durch den Äther sausen und nirgendwo eine Deckung haben, sind Symptome einer kranken Gesellschaft. Und da darf man nicht warten, bis sie stirbt. Man muss aus diesem Gebilde etwas Neues machen. Gewaltlos Veränderung schaffen.

Sie bleiben also ein Revolutionär?

Revolutionär klingt mir ein wenig zu hochgestochen und verwechselbar. Wenn schon, dann ein Revolutionär in der Nachfolge Jesu. Aber eher bin ich wohl ein Radikaler, jemand, der von der Wurzel her denkt.

Das Gespräch führten Robert Ide und Matthias Schlegel.

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