Kirchliche Wahlbeobachter : Der Wahltag als "Falttag"

Im Mai 1989 fanden in der DDR Kommunalwahlen statt. Bürgerrechtler und kirchliche Initiativen wollten sich nicht mit den Manipulationen am Ergebnis zufrieden geben. Sie beobachteten das Wahlgeschehen. Dazu gehörte auch Manfrd Krause in Potsdam. All jene, die sich entschlossen hatten, dem System auf die Finger zu sehen, mussten mit Repressionen durch die Stasi rechnen.

Manfred Krause

Er stürzt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen (Lukas Kap.1; Vers 52)


In diesen Tagen wird viel über die vergangene DDR und die Zeit der Friedlichen Revolution im Jahre 1989 geschrieben und veröffentlicht.

Wenn mein Enkel mich später einmal fragt: „Opa, wie war das damals in der DDR?“, will ich ihm etwas erzählen von unseren Erfahrungen, Ängsten und Hoffnungen in dieser Zeit. Mit diesem Bericht möchte ich euch teilhaben lassen an meinen Erlebnissen im Jahr 1989.

Was ist in dieser Zeit passiert? Ich versuche einige Schwerpunkte festzuhalten und sie ins Gedächtnis zurückzurufen.


Im Jahr 1989 lebte ich mit meiner Familie: Ehefrau Margit und unseren drei Kindern Kerstin, Anke und Friedemann Karl in der Meistersingerstraße (in Potsdam-West). Ich war als Chemiker im Gaswerk Potsdam beschäftigt. Für mich und meine Familie war dieses Jahr mit vielen spannenden, unvergesslichen Erlebnissen aber auch gefährlichen Begebenheiten verbunden. Einiges davon möchte ich euch im Laufe der nächsten Monate erzählen, um die Erinnerung an diese wichtige Periode der Geschichte unseres Volkes wach zu halten. Andererseits soll darin auch die Dankbarkeit über Gottes Bewahrung und die erlebte Gnade dieses friedlichen Umbruchs zum Ausdruck kommen. Es gab im Frühjahr 1989 Ereignisse, welche die Entwicklung der Opposition in der DDR verstärkten und beschleunigten: In den Ostblockländern Sowjetunion, Polen, Ungarn, CSSR begann ein Prozess der Demokratisierung und über die DDR rollte eine Ausreise-Antragswelle in den Westen. Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, die unter dem Dach der Kirchen arbeiteten, übten Kritik am herrschenden System.


Dass ein ungeliebtes und bedrückendes System mit dem Ruf: „Keine Gewalt“ und „Wir sind das Volk“ hinweggefegt wurde, ist ein Wunder Gottes in unseren Augen. Wir waren dabei und haben es so miterlebt. Mit allem Möglichen hatten die kommunistischen Machthaber gerechnet: mit dem Zorn der Massen, der sich in Gewalt entlädt oder mit Lynchjustiz, vielleicht mit einem bewaffneten, blutigen Umsturzversuch. Auf all dies waren sie mit entsprechenden Gegenmaßnahmen eingestellt. Sie rechneten jedoch nicht mit Kerzen und Gebeten! Das hat ihnen den Boden unter den Füßen weggezogen und das Ende der DDR herbeigeführt. Der Evangelist und Liedermacher Jörg Swoboda hat dies im Titel eines Buches zum Ausdruck gebracht, das er 1990 veröffentlichte: „Revolution der Kerzen – Christen in den Umwälzungen der DDR“.

Ich möchte in diesem Beitrag zunächst an die Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 erinnern. Hier hatten die kirchlichen Basisgruppen und die kirchliche Initiative „Frieden und Menschenrechte“ im Vorfeld verienbart, die Auszählung und Auswertung dieser Wahl zu beobachten, um Manipulationen, wie sie in den Wahlen zuvor durch die SED praktiziert wurden, aufzudecken und zu veröffentlichen.


Wir hatten uns mit Christen aus der Evangelischen Kirche (u.a. aus der Erlöserkirche) getroffen und vereinbart, nach Schließen der Wahllokale in Potsdam bei der öffentlichen Auszählung anwesend zu sein, und die Ergebnisse zu dokumentieren. Mit dabei war auch Dr. Rudolf Tschäpe, der Mitbegründer des „Neuen Forums“. Er wohnte mit seiner Familie im gleichen Haus wie wir. Unabhängige Wahlbeobachter waren in der DDR nicht üblich und auch nicht erwünscht. Wir wussten nicht, was uns erwartete, wenn wir dort einfach auftauchten und uns Notizen machten. Ich war bei der Auszählung im Wahllokal der Schule 12, Carl–v.–Ossietzky-Str. dabei und notierte einen Gegenstimmenanteil von 10 Prozent. Das war in unserem stasiüberwachten Staat sehr erstaunlich, gehörte doch Mut dazu, die Wahlkabine zu benutzen. Nur dort war es möglich, die Namen der Kandidaten durchzustreichen und damit den Wahlzettel als Gegenstimme zu kennzeichnen. Die meisten Wähler falteten nur die Zettel und steckten sie in die Urne. Daher hieß der Wahltag im Volksmund auch „Falttag“.

Wir wussten, dass wir als Benutzer der Wahlkabine von der Wahlkommission notiert und unsere Namen der Stasi mitgeteilt wurden. In vielen Wahllokalen in Potsdam, aber auch in vielen Städten der DDR wurde durch Christen und andere Bürgerrechtler die Wahlauszählung beobachtet und dokumentiert. In großen Städten wie Berlin, Leipzig oder Dresden lag der Anteil von Gegenstimmen teilweise sogar bei 20 Prozent. Die SED-Führung hat dennoch am nächsten Tag ein „geschöntes“ Wahlergebnis mit 98,85 Prozent  Ja-Stimmen veröffentlicht. Daraufhin kamen die unabhängigen Wahlbeobachter in den Städten zusammen und tauschten ihre Ergebnisse aus, um dann Einspruch wegen Wahlfälschung zu erheben. Wir Potsdamer trafen uns in der Friedrichskirche in Babelsberg, natürlich unter Beobachtung der Stasi. In meiner Stasiakte war dazu vermerkt: „negativer Anfall im Zusammenhang mit der Anfechtung des Wahlergebnisses (Teilnahme Zusammenkunft Friedrichskirche)“. Wir protestierten gegen den Wahlbetrug beim damaligen Potsdamer Oberbürgermeister Seidel.

Führende Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung, insbesondere in Berlin, wurden verhaftet bzw. in einigen Fällen innerhalb von 24 Stunden zur Ausreise in die Bundesrepublik gezwungen. Auch ich hatte Angst vor Repressalien durch die Stasi wegen meiner Beteiligung an der Aufdeckung der Wahlfälschung.


Durch die Weitergabe der Ergebnisse der Wahlbeobachtung und der aufgedeckten Differenzen zum offiziellen Wahlergebnis an die Westpresse wurde der Wahlbetrug international öffentlich gemacht. Die Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen nahm Stellung zu den Wahlfälschungen und auch die Monatsschrift der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden der DDR „Wort und Werk“ berichtete in ihrer Juli-Ausgabe darüber. In den staatlichen DDR-Medien wurden diese Enthüllungen und Proteste bis zum Mauerfall totgeschwiegen.

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