Mauerfall-Geschichte : Als Johannes B. Kerner eine große Versöhnung sah

Fernsehmoderator Johannes B. Kerner erzählt hier seine ganz persönliche Geschichte vom 9. November 1989 in Berlin. Durch Zufall wurde er Zeuge einer Versöhnung.

Johannes B. Kerner
Kerner
Johannes B. Kerner.Foto: dpa

Mein 9. November 1989 begann im tiefsten West-Berlin, und dort ist er auch zu Ende gegangen. Aber zwischendurch habe ich eine Ost-West-Geschichte erlebt, die ich nie vergessen werde. Eine Geschichte, von der mir schon vor zwanzig Jahren klar war, dass man so etwas wahrscheinlich nur einmal im Leben erlebt.

Günter Schabowskis legendären Auftritt bei der Internationalen Pressekonferenz habe ich damals nicht live mitbekommen, sondern als Aufzeichnung in der Abendschau. Ich gebe gern zu, dass ich mir über die Konsequenzen seines Versprechers nicht sofort klar war, aber damals ist ja jeden Tag so vieles passiert, da hat man den Schabowski halt auch noch so zur Kenntnis genommen. Heute meine ich mich daran zu erinnern, dass über diesem Donnerstag von Anfang an eine seltsame Stimmung hing. Unterschwellig haben wir alle gewusst, dass da vielleicht was passieren würde, aber am Ende haben wir doch lieber Fußball geguckt. DFB-Pokal, VfB Stuttgart gegen Bayern München, in Friedenau, tiefstes West-Berlin, in der Wohnung meines Freundes und Kollegen Andreas Witte. Durch das Fußballspiel waren wir ein wenig vom Nachrichtenfluss abgeschnitten. Heute würde sicherlich ein Laufband als Breaking News über den Bildschirm flimmern, aber so etwas gab es damals noch nicht. Nach dem Spiel, 3:0 für Stuttgart, waren wir noch Billard spielen, und irgendwie hatten wir so eine komische Ahnung, so etwas gibt es ja. Einer hat gesagt: Wollen wir nicht zur Mauer fahren? Wir sind erstmal zum nächsten Taxifahrer, der war ja über Funk mit seinen Kollegen verbunden. Wir haben ihn also gefragt, ob er was wüsste, und der Mann hat uns im besten Ton Berliner Taxifahrer angeblafft: Sagt mal, wo kommt ihr denn her, habt ihr den ganzen Abend verschlafen?

Irgendwann hab' ich mich auch getraut

Im Taxi sind wir dann gleich weiter zum Brandenburger Tor. Wir waren zu dritt: Andreas Witte, mein späterer Trauzeuge und ich. Am Brandenburger Tor war  noch nicht so viel los wie an den Grenzübergängen  an der Bornholmer Brücke oder der Invalidenstraße. Aber als wir ankamen, hatten die amerikanischen Sender schon längst ihre Kameras aufgebaut und übertrugen live. Die Kollegen vom SFB trudelten auch schon ein. Die ersten Leute waren schon oben auf der Mauer, vielleicht hundert, höchstens. Ich bin ja nun nicht einer der Mutigsten, aber irgendwann hab’ ich mich auch getraut. Das war schon unheimlich, denn vor dem Brandenburger Tor stand eine Gruppe von Grenzsoldaten, die schauten zu uns herüber, und wir hatten auf der Mauer ja nichts verloren, aber es passierte erst einmal gar nichts. Plötzlich ist eine Frau von der Mauer gesprungen, aber nicht zurück in den Westen, sondern zum Pariser Platz, auf die Ostseite: Wir haben alle einen Riesenschreck bekommen, einer hat gerufen: keine Provokation! Wir wussten ja nicht, wie die Soldaten reagieren würden. Die Frau ist dann ganz langsam auf das Brandenburger Tor zu gegangen, und die Soldaten sind zur Seite gegangen, un die Frau durfte durch das Tor spazieren, einfach so. 

Ich hab’ mich noch eine Viertelstunde zurückgehalten, aber nachdem immer mehr runtergesprungen sind, haben wir uns hinterher gewagt, erst durchs Brandenburger Tor, weiter Unter den Linden bis zum Metropol-Hotel an der Ecke Friedrichstraße. Da saßen die Ost-Bonzen und verhandelten mit Geschäftsleuten aus dem Westen, die hatten alle noch nicht gemerkt, dass sich ein paar Meter weiter gerade die Welt veränderte. Wir haben im Metropol jeder für sechs Mark West ein Radeberger getrunken und sind dann wieder raus auf die Straße und haben uns auf den Weg gemacht in Richtung Invalidenstraße, weil wir zurück in den Westen wollten. Auf der Weidendammer Brücke ist uns der damalige West-Berliner Bau-Senator Wolfgang Nagel über den Weg gelaufen, der ging da mit seiner Frau spazieren. Am Grenzübergang war es so, wie man es schon tausendmal im Fernsehen gesehen hat. Die Kolonnen von Trabis, die in den Westen wollten, und die West-Berliner, die immer wieder auf die Autodächer klopften. Ein junges Pärchen hat uns gefragt, wie man denn am besten zum Kurfürstendamm kommen würde. Das geht ganz einfach, hab’ ich gesagt, und noch einfacher ist es, wenn ihr uns einfach mitnehmt.

Wie würde diese Szene enden?

Am Kudamm haben wir uns verabschiedet und sind noch in das griechische Lokal von diesem Lindenstraßenwirt an der Grolmannstraße. Mittlerweile war es bestimmt schon drei Uhr, aber immer noch riesiger Betrieb. Kein Wunder, in so einer Nacht.  An einem Tisch saß Manfred Krug mit seiner Frau, die beiden wohnen ja dort irgendwo in der Ecke. Ich dachte mir noch: Der Mann hat die DDR in den Siebzigern aus politischen Gründen verlassen, für den muss das doch eine ganz besondere Nacht sein. Wie es der Zufall so wollte, saß ein paar Tische weiter Stefan Heym, der Ende der Achtzigerjahre zum Vorstand des DDR-PEN-Zentrums gehörte. Ich kannte den persönlichen Hintergrund der beiden und wusste, dass Heym seinem früheren Freund Krug die Ausreise in den Westen nach der Biermann-Affäre nie verziehen und ihn dafür hart kritisiert hatte. Heym war schon Mitte Siebzig, und plötzlich ist er aufgestanden und hinüber gegangen zu Krugs Tisch. Im dem großen, lauten Lokal war es mucksmäuschenstill. Jeder hat gewusst, dass gleich etwas ganz besonders passieren würde, aber was? Wie würde diese Szene enden?

Heym ging also zu Krug, er, der alte Mann, machte den ersten Schritt zur Versöhnung, und als er ihm die Hand gab, da war es mit der Stille im Lokal vorbei und alle Gäste haben applaudiert. Alle! Das war ein wahrhaft erhabener Augenblick, und danach bin ich nach Hause gefahren, beseelt von dem Gefühl, etwas ganz besonderes erlebt zu haben. Den Fall der Mauer im Großen und im Kleinen und die Versöhnung zweier großer Männer.

Damit ist die Geschichte eigentlich schon zu Ende, aber es gab noch eine kleine Zugabe für mich. Eine Woche  später hat der „Stern“ in einer riesigen Fotoreportage über den 9. November berichtet. Und auf einem dieser Fotos, vor dem noch zugemauerten Brandenburger Tor, da standen wir alle zusammen: Andreas Witte, mein Trauzeuge und ich. Viele Jahre später habe ich das Bild rahmen lassen und Andreas zum 50. Geburtstag geschenkt.

Aufgezeichnet von Sven Goldmann.

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