Mauerstürmer : Machtlose Grenzer

In der Nacht als die Mauer fiel, machte sich Tagesspiegel-Leser Heimo Kramer von West-Berlin in den Ostteil der Stadt auf. Von dort aus erklomm er mit Freunden die Mauer am Brandenburger Tor.

Heimo Kramer

Es ist immer nur die Rede davon gewesen, dass die Mauer am Brandenburger Tor von der Westseite aus erklommen worden wäre. Das mag im großen Ganzen stimmen, jedenfalls von der Masse der Menschen her, ist aber eben doch nur zum Teil richtig.
Ich selbst war aufgrund eines Anrufes aus Westdeutschland („Die Mauer ist offen - und gerade jetzt bin ich nicht in Berlin!“) zur Invalidenstraße geeilt mit so viel 10-DM-Scheinen, wie ich zusammen bekommen konnte, um die - in diesem Moment nun wirklich als solche empfundenen - Brüder und Schwestern zu begrüßen. Herr Momper war auch da; die Trabbis rollten und rollten. Und da kam einer auf die Idee: wenn die schon vom Osten herkommen können, dann dürften wir ja wohl auch in den Osten gehen können. Famose Idee: ich weiß nicht mehr, ob wir hundert oder nur dreißig oder zwanzig - so viele aber mindestens - waren, die sich aufmachten und an der Straßenbahnhaltestelle in der Friedrichstraße den dort Wartenden deren Ungläubigkeit gegenüber unserem „Wir kommen aus dem Westen!!“ nur dadurch ausräumen konnten, dass wir unsere Personalausweise, die „behelfsmäßigen!“, zeigten.

Der Tross lief weiter zu den Linden, und da wollten die meisten in Richtung Alexanderplatz weiterziehen. Ich weiß noch, dass ich es war, der einwarf „Was wollt ihr denn da? Da schläft doch Ostberlin!“ und vorschlug oder besser bestimmte: „Nein; Brandenburger Tor!“. Der Tross folgte. Und als wir angekommen waren, ergab sich ein geradezu typisches Chaos bei den Hütern der „Staatsgrenze“: man wußte nicht, was man machen sollte. Wir konnten noch sehen, wie die Grenzer ziemlich hilflos und achselzuckend einen Wasserschlauch unbenutzt zusammenrollten oder beiseite legten. Dann stellten sie sich mannhaft zur - aber erkennbar nur körperlich gewollten - Verteidigung des antifaschistischen Schutzwalls auf, indem sie sich unterhakten.Was nun? Ein Mädchen ganz außen rechts rief ihnen dann zu: „Laßt uns doch durch, wir wollen ja nur wieder (ob sie wirklich „wieder“ dabei gesagt hatte, weiß ich nicht mehr genau) in den Westen!“. Und diese Aufforderung ersetzte alles, was man bis dahin zur Überwindung der Grenze hatte aufbringen müssen: die Grenzer resignierten, und wir, uns zunächst zaghaft an den Torwänden entlang tastend, hangelten uns dann per Räuberleiter auf die Mauerkrone, vom Jubel der oben bereits Feiernden begrüßt.

Eine im Sommer gerade erst erstandene Lederjacke musste Blessuren hinnehmen; das war es mir wert: ich habe sie heute noch als Erinnerungsstück an dieses Erlebnis. Und auf der Mauerkrone traf ich meinen Freund Christian Mann, der unseren Aufstieg beobachtet hatte und nur, weil er mich dabei gesehen hatte, glaubte, dass wir tatsächlich sozusagen wie der Spähtrupp über Feindesland das „Festland“ wieder erreicht hatten; denn inzwischen gehörte das Brandenburger Tor wieder allen Berlinern. Aber bei solchen „Feinden“, selbst denen in Uniform, waren letztlich lediglich der Spaß und die Freude an der gelungenen Aktion entscheidend.

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