Persönliche Erinnerungen des Historikers : Als Guido Knopp bei Bach die Tränen kamen

ZDF-Historiker Guido Knopp war als Journalist live dabei an den Tagen um den 9. November, als die Mauer fiel. Er hat aber auch sehr persönliche Erinnerungen an jenen Herbst 1989 – nicht nur, weil seine Frau Ungarin ist.

Guido Knopp
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Guido Knopp -Foto: Gaby Gerster

Für mich persönlich begann der Fall der Mauer abends vor dem Fernseher, wie wohl für die meisten Menschen. In der Tagesschau um 20 Uhr sah man Ausschnitte aus jener Pressekonferenz, die kurz zuvor live im DDR-Fernsehen gesendet worden war. Dort hatte SED-Funktionär Günter Schabowski ja eher unfreiwillig die sofortige Grenzöffnung verkündet. Und obwohl er seine Worte später in Interviews als sorgfältig und bewusst gewählt darstellte, war doch offensichtlich, dass der Mann nicht so recht wusste, was er damit auslöste. Die Dinge waren ihm ganz offensichtlich über den Kopf gewachsen. Ich nenne das heute den schönsten Fehler der deutschen Geschichte. Später sprach Hajo Friedrichs in den Tagesthemen dann die wunderbaren Worte: „Die Tore in der Mauer stehen weit offen“. Mir war klar: Du musst sofort nach Berlin. Zumal wir damals gerade an einer Dokumentation arbeiteten, mit dem Titel „Die Deutsche Einheit“, so dass ich schon aus beruflichen Gründen vor Ort sein wollte. Doch auch persönlich zog es mich in die sich nun vereinende Stadt. In der Nacht des 9. November sagte  ein junger Mann an der Mauer in ein ZDF-Mikrofon: „Wer jetzt schläft, ist tot.“ Das beschreibt gut die Aufbruchsstimmung, in der auch ich mich befand. Wann kann man denn, zumal als Historiker, Momente erleben, an denen einen die Geschichte so berührt?

Jedenfalls bin ich am nächsten Morgen von Frankfurt nach Berlin geflogen. Dort habe ich das vielleicht fulminanteste Wochenende meines Lebens verbracht. Ich habe wunderbare Erinnerungen an jene Tage. Vor allem kommt mir ein Bild vor Augen: Der große russische Cellist Rostropowitsch war damals eigens mit einem Privatjet aus Paris angereist, um an der Mauer ein Konzert zu geben. Ein Kollege hatte mir den entscheidenden Tipp gegeben. Es war, glaube ich, ganz in der Nähe des Checkpoint Charlie, genau weiß ich das nicht mehr. Jedenfalls saß dieser große Künstler einfach da und spielte die Solosuiten von Bach. Da ich selber Cello spiele, hat mich das in besonderem Maße berührt. Rostropowitsch hat später gesagt, er wollte einen Beitrag leisten an diesem großen historischen Tag. Und er habe es getan in Gedenken an die Toten an der Mauer. Ich muss sagen, ich habe nie wieder in meinem Leben so viele erwachsene Menschen weinen sehen, und da nehme ich mich nicht aus. Es gibt so viele Erinnerungen… Zum Beispiel auch an jenen Moment, als am Potsdamer Platz ein Offizier der Grenztruppen der DDR die Deutsche Einheit gleichsam vorweg nahm. Wir stehen dort gemeinsam mit Bundespräsident Richard von Weizsäcker und warten auf eine angekündigte Öffnung der Mauer, als der Offizier auf der anderen Seite unser Staatsoberhaupt erblickt, stutzt, vergleichsweise stramm auf ihn zu marschiert, salutiert und sagt: „Melde gehorsamst, Herr Bundespräsident, hier keine besonderen Vorkommnisse.“ Auch das war typisch deutsche Geschichte.

Wer hätte gedacht, dass die Dinge sich so entwickeln? Ich habe das Ziel „Deutsche Einheit“ zwar immer vor Augen gehabt, eine Sichtweise, die in den achtziger Jahren ja nicht gerade populär war, viele Politiker und Intellektuelle meinten, man müsse sich mit der Teilung abfinden. Doch diese Revolution konnte man nicht ahnen. Es gab auch in der DDR diese Stimmung, zumindest in den Jahren vor Gorbatschows Glasnost-Politik in der Sowjetunion, dass man sich in der Spaltung Deutschlands wohl endgültig arrangieren müsse. Ich habe mich 1969 einmal mit einer Cousine vierten Grades zum 20. Jahrestag der DDR in Ostberlin getroffen und über diese Begegnung den ersten Zeitungsartikel meines Lebens geschrieben, mit dem Titel „Mädchen aus Ostberlin“, für die Zeitung meiner Heimatstadt Aschaffenburg. Der Tenor meiner Cousine  war, die DDR müsse ihren eigenen Weg gehen, wir im Westen müssten jetzt akzeptieren, dass die Menschen im Osten eben eingemauert seien, dass sich das nicht ändern ließe ,dass man von daher versuchen müsste, das Beste daraus zu machen. Das war schon ein großer Unterschied zwischen 1969 und 1989.

Engere Verwandte oder Freunde hatte ich zwar nicht in der DDR, aber das Thema Deutsche Einheit liegt mir noch aus anderem Grunde sehr am Herzen. Es verbinden sich die politisch-historischen Bedeutungen mit den persönlichen Lebenswegen. Meine Frau ist Ungarin, und die Ungarn sind ja in besonderem Maße beteiligt gewesen an den Prozessen, die zur Deutschen Einheit führten. Miklos Nemeth, der ungarische Ministerpräsident  hatte
 damals tiefgreifende Reformen durchgesetzt, die schließlich auch zur Öffnung der grünen Grenze zu Österreich führten. Diese Beziehung Deutschland-Ungarn ist etwas ganz Besonderes, schon immer gewesen. Wenn es ein „subkutanes“ Urvertrauen zwischen Völkern gibt, dann zwischen Deutschen und Ungarn. Zwischen Ihnen gab es in den letzten tausend Jahren keinen Krieg, die letzte Schlacht war 955 nach Christus. Und das „Wunder von Bern“ 1954 beim zumindest für Deutschland so schönen Finale der Fußball-WM gegen Ungarn, ist ja ein rein sportliches Gefecht gewesen.

Meine Frau war übrigens auch Zeitzeugin der Ereignisse der Wende1989. Sie hatte im Herbst 1989 in Leipzig Germanistik studiert. Die Ereignisse von damals sind also auch Teil der Familiengeschichte. Es waren die vielleicht schönsten, glücklichsten und bewegendsten Moment der deutschen Geschichte. Ein unverhofftes Happy End der Nachkriegszeit, der Mauerfall war nicht nur das Ende der deutschen und der europäischen Teilung, er war auch das Ende des Kalten Krieges. Und er war jener Moment, der auch Ungarn und Deutschland noch näher zusammen gebracht hat. Das mag jetzt etwas sentimental klingen, doch seitdem hisse ich am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, gerne Schwarz-Rot-Gold in meinem Garten, um den Moment zu ehren, an dem uns die Geschichte berührt hat. Ich habe allerdings auch  eine Reihe anderer Flaggen im Depot. Weiß-Blau wird zum Start des Münchner Oktoberfests gehisst. Und Rot-Weiß-Grün, wenn meine ungarischen Schwiegereltern sich zum Besuch angekündigt haben.

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